Versteckte Schätze

out of the box

Nach einer ausgiebigen Surf-Sitzung mit dem unter Linux wohl verbreitetsten Web-Browser Netscape befindet sich ein ganzer Zoo von Dateien im persönlichen Disk-Cache des jeweiligen Benutzers. Um diesen zu sichten, bietet Netscape selbst nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Wesentlich mehr aus den achtlos abgelegten Daten macht NScache, ein Browser für Netscapes Disk-Cache.

Alter Bekannter

Stefan Ondrejicka, der Autor des Programms, ist vielen bereits bekannt durch pavuk, ein Downloadtool für Web-Seiten, das ich im Linux-Magazin 03/1999 besprochen habe. NScache hat seine Homepage (http://nscache.sourceforge.net/<I>) bei Sourceforge, das noch viele andere Open-Source-Projekte beheimatet. Da das Programm in kompilierter Form bisher nur für Red Hat Linux 6.1 angeboten wird, holen wir uns stattdessen die Quellen und kompilieren es selbst.

Was braucht man?

Als Voraussetzung für die Installation müssen GTK+ (Version 1.2.0 oder höher) und die Berkeley Database Library vorhanden sein.

Mit der Datei nscache-0.3.tgz (Heft-CD!) im Gepäck können wir zur eigentlichen Installation schreiten:

cp /mnt/cdrom/LinuxUser/ootb/nscache-0.3.tgz .
tar xzf nscache-0.3.tgz
cd nscache-0.3
./configure
make
su -   (root-Passwort eingeben)
make install
exit

Falls bei configure oder make ein Fehler auftritt, liegt das unter Umständen daran, dass die nötigen Bibliotheken zwar installiert sind, nicht aber die zugehörigen Entwickler-Pakete. Diese werden bei den Distributionen von den eigentlichen Bibliotheken getrennt und sind am dev oder devel im Namen erkennbar. Ihre Installation müssen Sie nachholen, bevor Sie zur NScache-Übersetzung übergehen können.

Wenn die Kompilierung mit make erfolgreich abgeschlossen wurde, verschaffen wir uns mit dem Kommando "su -" root-Rechte, um das Programm mit make install unterhalb des /usr/local-Verzeichnisasts abzulegen. Mit dem nachfolgenden exit geben wir die root-Rechte wieder auf.

Was ist drin?

Um NScache zu testen, schnappen wir uns ein X-Terminal und geben dort

nscache &

ein. Das kaufmännische Und-Zeichen (&) bewirkt, dass das Programm im Hintergrund ausgeführt wird. Ansonsten könnte die Shell im X-Terminal erst nach Beendigung von NScache wieder Eingaben verarbeiten.

NScache wird sich nun mit einer Baumdarstellung des Disk-Cache-Inhalts melden (Abbildung 1). Die Darstellung hat drei Ebenen:

Abbildung 1

Abbildung 1: Netscape-Cache in Baumdarstellung

Teilbäume lassen sich durch einen Mausklick auf eingekästelte Plus- oder Minuszeichen aus- oder einklappen. Die einzelnen Dateieinträge sind jeweils mit ihrer ursprünglichen URL und ihrem lokalen Dateinamen im Disk-Cache aufgeführt.

Zudem ist eine nach verschiedenen Kriterien sortierte Darstellung möglich, die in Abbildung 2 zu sehen ist. Umgeschaltet wird die Darstellung mit den beiden Tabs Tree view und Sorted view. Als Sortierkriterien stehen unter anderem die URL, die Größe der Datei oder das Datum des letzten Zugriffs zur Wahl.

Abbildung 2

Abbildung 2: Sortierte Darstellung

Action

Hat man mit der linken Maustaste eine Datei ausgewählt, lässt sich mit der rechten ein Kontextmenü aufrufen. Die interessantesten Aktionen darin sind sicherlich das Anzeigen der Datei mit View file und das Löschen mit Delete file. So kann man den Cache genau durchforsten und gegebenenfalls Dateien gezielt entfernen.

Im Menüpunkt Options/Viewers setup... (Abbildung 3) lassen sich mit File viewer MIME-Typen spezifische Anzeigeprogramme zuordnen. In der Beispielkonfiguration wurde dem Typ image/gif das Bildanzeigeprogramm xv zugeordnet, dem Typ text/html dagegen das X-Terminal xterm mit einem darin aufgerufenen Text-Browser w3m. Falls Ihnen letzterer bekannt vorkommt: Ihm hat sich "out of the box" im LinuxUser 06/2000 gewidmet.

Abbildung 3

Abbildung 3: Einstellung der externen Viewer

Zusätzlich lässt sich als URL viewer ein externer Browser (z. B. netscape, lynx oder eben w3m) angeben, der die betreffende Datei bei Bedarf mittels View URL direkt aus dem Netz holt. In den Eingabefeldern des Konfigurationsdialogs stehen %f für den Namen der lokalen Datei und %u für die jeweilige URL.

Derartig ausgestattet wird vermutlich kaum noch jemand auf die Idee kommen, den Netscape-Disk-Cache mit der Holzhammermethode rm -rf ~/.netscape/cache/ aufzuräumen. Wer weiß schließlich, was einem da für Schätze entgehen!

Glossar

Disk-Cache

Ein von Netscape auf der Festplatte angelegter Zwischenspeicher, der das ständige Neuanfordern von Web-Seiten und Bildern vermindert. Dieser Cache befindet sich üblicherweise im Verzeichnis ~/.netscape/cache.

~

Die Tilde ist eine Kurzschreibweise für das Heimatverzeichnis des jeweiligen Benutzers.

GTK+

Eine ursprünglich für das Grafikprogramm Gimp geschriebene Bibliothek zur Programmierung von Menüs und Dialogfenstern unter dem X Window System.

Berkeley Database Library

Diese Bibliothek stellt Funktionen zum Umgang mit Dateien, die im Datenbankformat der Universität Berkeley vorliegen, zur Verfügung. Dieses Format ist unter Unix weit verbreitet – daher gehört die Bibliothek zum Standardumfang der Linux-Distributionen.

X-Terminal

Programme unter dem X-Window-System, die ein Text-Terminal nachahmen. Verbreitete X-Terminals sind xterm, kvt und gnome-terminal.

Shell

Einer der wichtigsten Bestandteile jedes Unix-Systems – die kommandozeilengesteuerte Benutzerschnittstelle zum System.

Protokoll

Eine standardisierte Sprache, mit der sich (Dienst-) Programme in einem Netzwerk verständigen. Bekannte Protokolle sind ftp ("file transfer protocol") oder http ("hypertext transfer protocol").

Server

Ein Programm, das einen bestimmten Dienst zur Verfügung stellt, den ein oder mehrere Clients nutzen können. Beispiele für Server: X-Server, FTP-Server, WWW-Server. Mit Server wird meistens auch der Rechner bezeichnet, auf dem das Dienstprogramm läuft.

URL

"Uniform Resource Locator", die eindeutige Adresse einer Ressource im Netz. In der URL ist auch das Übertragungsprotokoll angegeben, z. B. http://www.linux.de/links/Distributionen/ oder ftp://ftp.gwdg.de/linux/mirrors/.

MIME

Multipurpose Internet Mail Extensions, eine Methode, um standardisiert Dateitypen anzugeben. Beispiele für MIME-Typen sind text/plain (reine Textdatei ohne Formatierungen) oder video/mpeg (mpeg-komprimierter Video-Stream). Zum Einsatz kommt MIME in erster Linie in Mail-Programmen und Web-Browsern.

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