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Linux-Distributionen für Einsteiger/Anwender

01.06.2000 Linux ist nicht gleich Linux. Während Sie kommerzielle Betriebssysteme in der Regel nur von der Stange eines einzigen Herstellers bekommen und mit den Haken und Ösen dieser zusammengestellten System-Software leben müssen, haben Sie bei Linux jederzeit die Möglichkeit, sich aus einer Vielzahl verschiedener Distributionen diejenige herauszupicken, die Ihren persönlichen Vorlieben am ehesten entspricht.

In den letzten Jahren ist die Anzahl der erhältlichen Linux-Distributionen enorm gewachsen. Weltweit gibt es derzeit schätzungsweise 120 verschiedene Distributionen in den verschiedensten Sprachen und für die verschiedensten Hardware-Plattformen (Intel, Alpha, PowerPC, Motorola, ARM, …). Aber nicht nur quantitativ hat sich der Markt für Linux-Distributionen rasant entwickelt: Auch in qualitativer Hinsicht hat sich gegenüber der Urahnenzeit "1992 Slackware 1.0 ????" einiges getan. Musste man in den Geburtsstunden von Linux den Quelltext jedes nicht zur minimalen Betriebssystembasis gehörendenen Programmes noch umständlich selbst "kompilieren", locken heutzutage fast alle Distributoren mit Slogans wie "kinderleichte, grafische Installation" oder "besonders einfach zu erlernen" zum Kauf ihrer Produkte. Doch was verbirgt sich hinter diesen Werbeslogans? Nur leere Versprechungen oder eine wirkliche Revolution? LinuxUser hat sich einige der derzeit im deutschsprachigen Raum erhältlichen Linux-Distributionen für Sie angeschaut und hinsichtlich Installation, Erstkonfiguration und Praxistauglichkeit überprüft.

Benutzer anderer Betriebssyteme sind gewohnt, dass sich ihr Rechner bereits bei der Installation in einer optisch (zumindest einigermaßen) ansprechenden Weise präsentiert. Die Hersteller von Linux-Distributionen tragen dieser weit verbreiteten Vorliebe der PC-Benutzer in letzter Zeit vermehrt dadurch Rechnung, dass sie den Linux-Installationsvorgang durch grafische Tools verschönern und sich außerdem bemühen, die Basisinstallation soweit wie möglich zu vereinfachen. Doch auch nach dem eigentlichen Installationsvorgang müssen in der Regel noch einige Konfigurationsschritte durchgeführt und fehlende Programmpakete nachinstalliert werden. Hier können sich gerade für Einsteiger einige Probleme ergeben, die in der Vergangenheit nicht selten dazu geführt haben, dass hoffnungsvolle Linux-Neueinsteiger frühzeitig aufgegeben haben. Denn was nützt schon ein modernes 32-Bit-Multitasking-Betriebssystem, wenn die Soundkarte nicht dazu zu bewegen ist, auch nur einen einzigen Ton auszuspucken und selbst beim hunderdsten Konfigurationsversuch noch keine Internetverbindung herstellbar ist. Gerade hier ist der nur begrenzt leidensfähige Neueinsteiger dankbar, wenn die Distributoren benutzerfreundliche Konfigurationstools, verständliche Handbücher und kompetenten Installations-Support anbieten.

Hat man schließlich alle (potentiellen) Einstiegshürden überwunden, dann will man mit seinem neuen Betriebssytem natürlich auch produktiv arbeiten. Angenehm, wenn man bereits für (fast) alle Eventualitäten eine passende Software auf den Distributions-CDs vorfindet. Ärgerlich und vor allem teuer kann es hingegegen werden, wenn man sich jedes auch noch so kleine Tool selbst aus dem Internet herunterladen muss.

Die Entwicklung im Hardwarebereich schreitet schnell voran. Will man mit seiner neu erstandenen Highend-Grafikkarte weiterhin unter Linux arbeiten, dann ist in der Regel ein "Treiber-Update" unumgänglich. Manche Distributoren bieten die Möglichkeit, mit Hilfe ihrer Paketmanager nicht nur aktualisierte Einzelpakete, sondern komplette Distributions-Updates über das Internet herunterzuladen. Wer eine kostengünstige Internetanbindung hat, der kommt auf diese Weise längere Zeit um den Kauf einer neuen Distribution herum. Gerade solche Zusatzleistungen der Distributions-Hersteller sieht man der Außenverpackung einer Distribution oft nicht an.

LinuxUser stellt Ihnen im folgenden sechs aktuelle Linux-Distributionen vor und zeigt deren Stärken und Schwächen bei der Installation/Konfiguration und im täglichen Einsatz auf.

Best Linux

Die finnische Firma SOT liefert ihre Distribution mit vier CDs und einem knapp 400 Seiten umfassenden, englischsprachigen Handbuch aus. Nach dem Booten von CD-ROM oder den selbst erzeugten Installationsdisketten erhalten Sie zunächst die Wahl, das grafische oder das textbasierte Installationsprogramm zu starten. Das grafische Installationstool GBLI stellt sich recht schnell als enttäuschend heraus: die weitverbreitete serielle Logitech-Maus wird von GBLI weder automatisch erkannt, noch lässt sie sich mit Hilfe der Mauskonfiguration zur Mitarbeit bewegen. Zumindest bei unserem Testsystem sind wir daher gezwungen, die gesamte Installation ohne Maus durchzuführen (TAB-Taste zur Selektion und Enter/Leertaste zur Bestätigung). So etwas ist eigentlich unentschuldbar und macht die grafische Installationsroutine nahezu überflüssig. Da GBLI auch sonst noch sehr unausgereift erscheint (keine SCSI-Unterstützung, kein Update von älteren Versionen möglich), entschließen wir uns dann auch für den textbasierten Redhat-Installer.

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Kaum begonnen, schon fertig? - Installationstool GBLI von Best Linux hat noch seine Macken.

Die Dialogfenster sind bis zur Tastaturauswahl in Englisch verfasst, bei der Angabe des Installationsziels erhalten wir aber schließlich doch noch eine deutsche Übersetzung. Bei der darauffolgenden Wahl der Installationsklasse bestätigen wir - nichts Böses ahnend - die Standard-Variante "typisch" und werden nach zwei Warnmeldungen mit der Tatsache konfrontiert, dass Best Linux die bereits bestehende Linux-Partition (ohne vorherige Umpartitionierungsoption) zunächst formatiert und anschließend (ohne weitere Paketauswahl) mit etwa 700 MB Software belädt. Nur die "benutzerdefinierte" Installationsklasse sieht die Möglichkeit einer manuellen Partitionierung bzw. einer individuellen Paketauswahl vor.

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Auch das textbasierte Installationstool hält einige Lücken für den Einsteiger bereit.

Zehn Minuten später ist die Paketinstallation beendet und es erscheint der textbasierte Mauskonfigurationsdialog. Auch hier findet die automatische Hardware-Erkennung unsere serielle Drei-Tasten-Maus nicht von selbst und lässt uns nach Ende des Dialogs im Ungewissen, ob sie später tatsächlich funktionieren wird.

Die PCI-Erkennung gibt uns wieder etwas mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der automatischen Hardware-Erkennung: die RivaTNT-basierte Diamond Viper V550-Grafikkarte scheint jedenfalls richtig erkannt worden zu sein. Da wir unseren Belinea-17"-Monitor in der darauffolgenden Monitorliste nicht finden, wählen wir die benutzerdefinierte Monitorkonfiguration. Nach der Angabe einer - für Hardware-Unkundige nur schwer nachvollziehbaren - Reihe von Monitorkennwerten haben wir die Konfiguration des X-Servers schließlich ebenfalls überstanden, und einem Reboot steht nichts mehr im Wege.

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Wenig Neues bei Best Linux in Sachen Konfiguration.

Der Bootloader GRUB bietet zwar gleich drei verschiedene Optionen, Best Linux zu booten, die bestehende Windows-Partition lässt sich dagegen nicht mehr starten. Das Hardware-Erkennungstool "kudzu" (eine Red Hat-Entwicklung) findet unsere Realtek-Netzwerkkarte und bietet auch gleich die Möglichkeit zur Netzwerkkonfiguration. Danach erscheint der KDM-Login-Bildschirm - und siehe da: die Maus verrichtet ordnungsgemäß ihre Dienste; dafür ernüchtert die X-Server-Darstellungsqualität um so mehr.

Nach der ersten Anmeldung als Administrator root erwarten uns lediglich eine geöffnete (englischsprachige) KDE-Hilfe, der Dateimanager kfm und jede Menge Desktop-Icons. Das CD-Icon ist das einzige auf Anhieb funktionierende Laufwerkssymbol - weit und breit keine Spur, wie man Zugriff auf das SCSI-Zip oder die bestehende Windows-Partition bekommen könnte. Auch findet sich an keiner Stelle ein Hinweis, wie eine vorhandene ISDN-Karte in Betrieb zu nehmen ist. Erst ein Blick auf die Installations-CD (index.html) eröffnet neue Informationsquellen (HOWTOs).

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Best Linux nach dem ersten Login.

Best Linux hat weder ein eigenständiges Konfigurationsprogramm noch einen eigenen Paket-Manager zu bieten. Die Zusatz-CDs enthalten einen relativ großen und aktuellen Fundus an überwiegend freien Programmen, wobei ein Schwerpunkt auf Spielen, Emulatoren und Netzwerk- bzw. Security-Tools zu liegen scheint. Leider liegt Best Linux kein Office-Paket im Format von StarOffice oder Applixware bei.

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Standarpaketverwaltung mit Kpackage.

Insgesamt rate ich Ihnen eher vom Kauf dieser Distribution ab, es sei denn, Sie reizt die beiliegende Software so, dass Sie dafür auch gerne einige (für Linux-Neulinge unzumutbare) Hindernisse bei der Installation und Systemkonfiguration in Kauf nehmen.

Caldera eDesktop 2.4

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Für jeden was dabei: Calderas Lizard lässt kaum mehr wünsche offen.

Caldera war eine der ersten Distributionen mit grafischer Installationsroutine: LIZARD hat sich daher inzwischen als ausgereiftes Standard-Installations-Tool etabliert. Für die Partitionierung unter DOS bietet Caldera Systems eine abgespeckte Version von Partition Magic, mit dessen Hilfe (und Handbuch) Sie, falls nötig, ohne größere Probleme die Linux-Partitionen unter DOS (bzw. dem DOS-Modus von Windows 95/98) erstellen können, die Sie für die weitere Installation benötigen werden. Nach dem Booten der Installations-CD (oder -Diskette) untersucht die (hervorragende) automatische Hardware-Erkennung Ihr System nach Komponenten. LIZARD präsentiert sich insgesamt sehr übersichtlich und transparent. Am rechten Bildschirmrand finden Sie jeweils eine Kurzbschreibung zum aktuellen Installationsschritt. Sollte diese einmal nicht ausreichen, dann können Sie eine separate Online-Hilfe aufrufen.

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Umfangreiche Online-Hilfen gehören zum Standard beim Installations-Tool Lizard.

Das Partitionstool ist zwar etwas eigen, man kann sich aber auch als Neuling ganz gut mit ihm anfreunden. Nach der Formatierung der Linux-Partition stellt LIZARD insgesamt sieben sinnvoll vorausgewählte Paketzusammenstellungen zur Wahl. Wir entscheiden uns für die Standardinstallation, die 750 MB unserer Linux-Partition beanspruchen wird. Während die Pakete aufgespielt werden, können wir die letzten Konfiguratiosschritte durchführen, um anschließend noch etwas Zeit für das in LIZARD integrierte Pacman-Spiel zu haben. Bei der Modemkonfiguration werden ISDN-Besitzer leider etwas im Unklaren gelassen, welche Wahl sie treffen sollen. Dafür berücksichtigt LIZARD die bereits vorhandene Windows-Partition bei der Installation des Boot-Loaders. Insgesamt überzeugt Calderas LIZARD durch seine sehr gute Hardware-Erkennung und die intuitive Bedienbarkeit.

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Beim ersten Caldera-Login begrüßt Sie der KDE-Wizard Kandalf.

Nach Reboot und erstem KDM-Login als Administrator root begrüßt uns Kandalf, der KDE-Zauberer, und führt durch ein (englischsprachiges) KDE-Konfigurations-Tool. Dieses entpuppt sich jedoch als nicht allzu nützlich. Insbesondere von der Erstellung der Laufwerks-Icons hätten wir noch etwas mehr erwartet: es wurden zwar bereits während der Installation alle im Testsystem vorhandenen Laufwerke erkannt (Einträge in /etc/fstab), mit Ausnahme vom CD-ROM-Laufwerk ist aber leider auch bei Caldera zunächst einmal kein Zugriff auf andere Laufwerke bzw. Partitionen möglich. Das zentrale Konfigurationstool COAS (Caldera Open Administration System) ist in das KDE-Unterverzeichis "Einstellungen" bzw. ins KDE-Kontrollzentrum integriert. Die (überwiegend englischsprachige) umfangreiche Online-Dokumentation lässt sich fast nicht übersehen.

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Caldera-Konfiguration leicht gemacht mit COAS.

Für Internetanbindung sorgen kppp und kisdn (beide standardmäßig installiert). Beim Einlegen der Zusatz-CDs wird ein Autorun-Skript aktiviert, das nach Erhalt der Erlaubnis durch den Benutzer das grafische Skript "Linuxsetup" aktiviert, mit dem Sie z. B. Boot-Disketten erzeugen oder kommerzielle Pakete installieren können. Da Caldera voll auf KDE setzt, werden Sie nur sehr wenige GNOME-Anwendungen vorfinden. So bleibt Ihnen z. B. in Sachen Paket-Manager nur die Wahl zwischen rpm oder kpackage. Die Software-Pakete auf den mitgelieferten CDs sind für den reinen Desktop-Einsatz durchaus sinnvoll zusammengestellt (StarOffice, Moneydance, Compupic, …) . Falls Sie sich aber vorstellen können, Linux auch als Server oder als Entwicklungsplattform einzusetzen, dann dürften Sie mit Calderas eDesktop nach einer gewissen Zeit an Grenzen stoßen.

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Auch Caldera setzt in Sachen Paket-Management auf Kpackage.

Insgesamt macht der eDesktop 2.4 einen ausgereiften und für den Desktop-Einsatz empfehlenswerten Eindruck. Wenn Sie Linux-Neueinsteiger sind, könnten Sie am Anfang eventuell noch mit ein paar kleineren Hürden in Sachen Konfiguration und Paketmanagement konfrontiert werden.

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LinuxUser 05/2014

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