Textverarbeitung mit AbiWord

Aus LinuxUser 03/2000

Textverarbeitung mit AbiWord

Die Freien kommen!

An Textverarbeitungen für Linux herrscht mittlerweile zwar kein Mangel mehr, aber nicht jede/r mag dafür Geld ausgeben oder sich mit einem integrierten Officepaket voller unbenötigter Funktionalitäten herumschlagen. Doch neben den kommerziellen Monsterapplikationen wachsen inzwischen auch in der Open-Source-Welt interessante Anwendungen heran.

Neben KWord, der Textverarbeitung des KOffice-Projekts, ist besonders AbiWord interessant, da es nicht nur unter der GPL und für Linux, sondern auch für andere Betriebssysteme erhältlich ist. AbiWord ist der erste Teil von AbiSuite, einer in Planung befindlichen Sammlung von Büroanwendungen, die einmal aus Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Datenbank bestehen soll.

Die Entwicklung von AbiWord wird von der Firma AbiSource [1] koordiniert. Etwa im 8-Wochen-Rhythmus kommen neue Programmversionen heraus.

Zwar befindet sich AbiWord noch im Prä-Beta-Stadium, dafür ist das Programm aber erstaunlich stabil und für kürzere Texte durchaus brauchbar.

Abbildung 1: Das AbiWord-Hauptfenster

Abbildung 1: Das AbiWord-Hauptfenster

Prepare yourself!

Die Installation von AbiWord ist erfreulich einfach. Auf der AbiSource-Homepage liegt das Programm fertig übersetzt und für alle gängigen Distributionen (zum Beispiel als rpm gepackt) bereit [2].

Das etwa 2,5 MByte große Paket installiert man als root mit dem Paketmanager der Distribution oder zum Beispiel kpackage. Bei Red Hat, Mandrake und Co. reicht auch der Befehl rpm -i abisuite-0.7.7-1.rpm auf der Kommandozeile. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels ist sicherlich bereits eine andere Version von AbiWord aktuell, so dass die Datei etwas anders heißen kann. AbiWord wird in /usr/share/abisuite installiert und kann aus einer Shell heraus durch Eingabe von abiword & gestartet werden.

Wer das Programm in KDE mit einem Klick auf ein Symbol auf dem Desktop starten möchte, muss zuvor mit einem Editor eine erstellen und im Unterverzeichnis Desktop seines Homeverzeichnisses speichern. Listing 1 zeigt eine solche .kdelnk-Datei.

Listing 1

abiword.kdelnk

1 # KDE Config File
 2 [KDE Desktop Entry]
 3 Comment=The AbiWord word processor
 4 Comment[de]=Das AbiWord-Textverarbeitungsprogramm
 5 name=AbiWord
 6 Exec=abiword
 7 Icon=/usr/share/abisuite/icons/abiword_48.xpm
 8 TerminalOptions=
 9 Path=
10 MiniIcon=
11 Protocols=file
12 MimeType=
13 Type=Application
14 Terminal=0

Wer mag, kann sich natürlich auch die Quellen herunterladen und das Programm selbst übersetzen [3]. Neben den AbiWord-Quellen benötigt man dazu noch das Paket expat, einen Satz Schriftarten von der AbiSource-Homepage und Gtk[4] in einer aktuellen Version. Die Übersetzung ist in [5] beschrieben.

Bedienung, bitte!

Die Programmoberfläche von AbiWord bietet nichts Überraschendes. Wer schon einmal mit einer GUI-Textverarbeitung gearbeitet hat, wird sich sofort zurechtfinden (vgl. Abbildung 1). AbiWords Benutzerschnittstelle ist sehr übersichtlich gestaltet und wartet mit Sprachunterstützung für Dänisch, Deutsch, Englisch, Finnisch, Französisch, Indonesich, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch und Spanisch auf.

Alle Absatz- und Zeichenformatierungen lassen sich über das Lineal und die Symbolleiste (Abbildung 2) oder ein Kontextmenü bequem einstellen. Die wichtigsten Programmfunktionen sind über Tastenkürzel erreichbar. Tabelle 1 fasst die wichtigsten Tastenkombinationen zusammen.

Abbildung 2: Die Symbolleisten

Abbildung 2: Die Symbolleisten

Tabelle 1: Wichtige Tastenkürzel

Aktion Tastenkürzel
Absatz linksbündig ausrichten Strg+L
Absatz rechtsbündig ausrichten Strg+R
Absatz zentriert ausrichten Strg+E
Blocksatz Strg+J
Datei drucken Strg+P
Datei öffnen Strg+O
Datei schließen Strg+W
Datei speichern Strg+S
Gesamten Text markieren Strg+A
Suchen Strg+F
Text fett formatieren Strg+B
Text kursiv formatieren Strg+I
Text unterstrichen formatieren Strg+U
Letzte Aktion rückgängig machen Strg+Z

AbiWord verfügt über eine automatische Rechtschreibkontrolle, die – wie von anderen Textverarbeitungen gewohnt – alle nicht bekannten Wörter mit einer roten Kringellinie unterstreicht. Wenn man mit der rechten Maustaste auf ein derart unterstrichenes Wort klickt, öffnet sich ein Kontextmenü, aus dem man Korrekturvorschläge übernehmen kann.

Wer wie der Autor seine Texte lieber selber Korrektur liest, kann die Rechtschreibprüfung auch abschalten (Näheres dazu in der Rubrik “Büroklammer” in dieser Ausgabe). Die Rechtschreibkontrolle arbeitet zur Zeit ausschließlich mit einem englischen Wörterbuch zufriedenstellend. Zwar ist möglich, ein deutsches Wörterbuch einzubinden, nur leider “vergisst” das Programm ispell, das der AbiWord-Rechtschreibprüfung zugrunde liegt, bislang alle gelernten Worte mit Umlauten. Die Unterstützung anderer Sprachen ist geplant.

Raus und rein

Zum Speichern der Texte nutzt AbiWord ein XML-Format. Allerdings freut sich zu früh, wer jetzt meint, dann sei der Dokumentenaustausch mit Microsoft Word 2000 ja ganz einfach: Word 2000 weigert sich schlichtweg, das von AbiWord generierte XML zu lesen. Man greift daher besser auf RTF als Austauschformat zurück, damit klappt der Import in Word 2000 wunderbar.

Exportieren kann AbiWord außerdem Dateien in den Formaten HTML und Text. Ein Filter für das WordPerfect-Format ist in Arbeit.

Selbstverständlich importiert AbiWord auch Dateien aus anderen Textverarbeitungsprogrammen. Als Importformate stehen MS Word (Version 6, 7 und 8), RTF und ASCII-Text zur Verfügung. Mittlerweile arbeiten die Filter sehr zuverlässig. Auch Texte, die von WordPerfect und StarWriter im Word- oder RTF-Format gespeichert werden, kann AbiWord importieren.

Wofür soll das gut sein?

Briefe, Notizen, Artikel und kurze Zusammenfassungen, also Texte ohne aufwändiges Layout, lassen sich bestens erstellen. Auch mehrspaltiger Text ist bereits machbar. Es gibt einige Absatzformatvorlagen, die allerdings noch nicht veränderbar sind.

Für das vernünftige Arbeiten mit längeren Texten fehlen zur Zeit noch Funktionen wie Kopf- und Fußzeilen, Tabellen, automatische Seitennummerierung und vom Programm generierte Inhaltsverzeichnisse. Die meisten dieser Dinge werden in der Version 1.0 enthalten sein.

Abbildung 3: Der Absatzformatierungsdialog von AbiWord

Abbildung 3: Der Absatzformatierungsdialog von AbiWord

Zeichen- und Absatzformate (Abbildung 3) funktionieren, (linksbündige) Tabulatoren ebenso. Abbildung 4 zeigt einige mögliche Formatierungen an einem ebenso kurzen wie sinnlosen Text.

Auch das Drucken von Texten macht keine Probleme, nur weicht leider der Ausdruck manchmal etwas von der Bildschirmansicht ab, und es ist noch nicht möglich, die Papiergröße individuell einzustellen. AbiWord benutzt zum Ausdruck eine installierte Druckerwarteschlange, daher sind keine besonderen Druckertreiber erforderlich.

Abbildung 4: Verschiedene Absatz- und Zeichenformate in AbiWord

Abbildung 4: Verschiedene Absatz- und Zeichenformate in AbiWord

Unterstützte Betriebssysteme

AbiWord gibt es außer für Linux (inzwischen auch in einer an GNOME angepassten Version) auch für Solaris, Windows und BeOS.

Die Linux- und die Windows-Version sind etwa auf dem gleichen Stand, während die BeOS-Version noch etwas hinterher hinkt. An eine MacOS-Variante ist ebenfalls gedacht, sie liegt aber schon einige Zeit auf Eis.

Auf dem Weg zur Reifeprüfung

Trotz des noch frühen Fertigungszustands sieht man bereits, dass sich AbiWord zu einem guten, kompakten Textverarbeitungsprogramm für die tägliche Arbeit entwickelt. Vom Funktionsumfang her kann es sich zwar nicht mit StarWriter oder WordPerfect messen, aber dafür ist es auch auf langsameren Rechnern benutzbar und erschlägt die Benutzerin nicht mit Funktionalität, die sie sowieso nie braucht. Zur Zeit ist bei der Arbeit mit dem Programm immer noch mit Ecken und Kanten zu rechnen, einige Dinge funktionieren noch nicht wie erwartet, gelegentliche Abstürze sind möglich.

Die Entwickler haben das Ziel, nur die Funktionalität aufzunehmen, die man bei der normalen Arbeit mit einem Textprogramm braucht, und es sieht so aus, als könnten sie dieses Ziel erreichen. Lange wissenschaftliche Texte hingegen bearbeitet man besser mit Programmen wie LyX oder KLyX, die darauf eher spezialisiert sind als normale Textverarbeitungen.

Da AbiWord für verschiedene Betriebssysteme verfügbar ist (siehe Kasten “Unterstützte Betriebssysteme”), wird der Austausch von Texten mit Freunden und Kollegen um einiges einfacher; die guten Filter helfen zudem, wenn der Empfänger AbiWord nicht nutzen will oder kann. Auch für Schulen wird AbiWord, wenn es einmal fertig ist, aufgrund seines “Preises” sicherlich eine gute Wahl darstellen.

Glossar

GPL

Die “GNU General Public Licence” verlangt im Wesentlichen, dass ihr unterliegende Software im Quellcode bereitgestellt werden muss und von Dritten verändert werden darf. Zudem fallen Programme, die GPLten Code verändern oder wiederverwerten, ebenfalls automatisch unter die GPL. Viele Open-Source-Projekte, darunter auch Linux selbst, unterliegen dieser Lizenz.

Beta

Eine Beta ist eine Programmversion, die von den Programmierern schon vor der Fertigstellung des Programms zum Testen verteilt wird.

rpm

Der “Red Hat Packet Manager” ist ein Programm zum Installieren und Deinstallieren von Programmen, das Abhängigkeiten und Berechtigungen beachtet.

.kdelnk-Datei

.kdelnk-Dateien stellen die Verbindung zwischen dem K-Desktop und Applikationsprogrammen her. In ihnen ist zum Beispiel gespeichert, wo ein Programm zu finden ist, wie es heißt und welches Symbol (“Icon”) zum Programm gehört.

Gtk

Das “Gimp Toolkit”, eine Bibliothek zur Programmierung grafischer Benutzeroberflächen.

GUI

“Graphical User Interface”, die Programmoberfläche, also das, was man von einem grafikorientierten Programm auf dem Bildschirm sieht.

Kontextmenü

Ein Menü, das aufklappt, wenn man über der Programmarbeitsfläche die rechte Maustaste drückt.

XML

“Extensible Markup Language”. XML ist ein Format zum Speichern strukturierter und halbstrukturierter Daten, das sowohl von Menschen als auch von Programmen gelesen werden kann.

RTF

RTF ist ein Dateiformat für formatierten Text. Viele Textverarbeitungsprogramme können RTF-Texte lesen und schreiben.

Infos

[1] AbiSource-Homepage: http://www.abisource.com

[2] Download der kompilierten AbiWord-Pakete: http://www.abisource.com/free.phtml

[3] Download der AbiWord-Quellen: http://www.abisource.com/downloads/

[4] Gtk-Homepage: http://www.gtk.org

[5] Kompilierungsanleitung für AbiWord: http://www.abisource.com/dev_build.phtml

[6] Download einer Referenz der Tastaturkürzel und Dialoge von AbiWord: http://members.tripod.de/wieduwilt/abiwordref/

Der Autor

Frank Wieduwilt studierte Geschichte und verdient sich seine Brötchen zur Zeit unter anderem durch Computernachhilfe. AbiWord setzt er seit einigen Monaten für die tägliche Schreibarbeit ein. Er lebt zusammen mit seiner Frau Sabine in Berlin.

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