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Desktop Nr. Zwei

GnoMedia

01.12.1999 Das Gute an Linux und der Open-Source-Welt ist, dass niemand Ihnen vorschreibt, ob und, wenn ja, welchen Desktop Sie benutzen sollen. Ihre Distribution schlägt Ihnen KDE vor? Niemand zwingt Sie, den Vorschlag anzunehmen. Sie möchten gern mal etwas ganz Anderes ausprobieren? Auch kein Problem – denn zum Glück gibt es GNOME…

Montag morgen, 12.30 Uhr. Der Wecker klingelt, und raus aus dem Bett. Die letzten paar Strafschmerzen vom Radfahren am Vortag gekonnt ignorierend, schleppe ich mich in die Küche, in der die Kaffeemaschine schon auf ihren allmorgendlichen Einsatz wartet. Während das Wasser durch reichlich Pulver fließt, um dem Muntermacher seinen gewünschten "Tot oder Wach"-Effekt zu verleihen, geht's ins Bad unter die Dusche und zum Zähneputzen… Äh? Sollte ich Ihnen nicht etwas über GNOME erzählen? Ja, stimmt – und genau damit hat meine kleine Geschichte eben zu tun – mit Organisation.

Theoretisch könnte ich nämlich ca. 30 Minuten länger im Bett bleiben, wenn ich mir eine Kiste mit Kaffeemaschine, Zahnbürste, Wasser zum Waschen und Bürsten, Zutaten für das Frühstück und meinen Klamotten neben das Bett stellen würde. Allerdings wäre das nicht allein wegen des unweigerlich nach Zahnpasta schmeckenden, durchweichten Kaffeepulvers eine schlechte Idee. Ordnung muss zwar nicht sein und ist unangenehm, aber in gewissen Situationen fast unausweichlich.

Ordnung muss sein

Komisch nur, dass sich das erst sehr spät auf dem Betriebssystem-Markt herumgesprochen hat, oder? Nun, so neu ist die Idee nicht. Microsoft hat mit seinen Windows-9x- und NT-Versionen nachgemacht, was zuvor schon Commodore, Atari und der absolute Vorreiter Apple eingeführt hatten – den Desktop. Dieser virtuelle Schreibtisch ist dem Anwender, was mir meine Küche: ein Raum, in dem alles seinen Platz hat und kleine Aufkleber auf dem Herd verhindern, dass ich den falschen Knopf drehe und statt der Wurst lieber meine Finger anbrennen lasse.

Unixbetriebssysteme hatten dieses Konzept bis vor einigen Jahren nicht nötig. Ihre Bediener waren Profis, die die 65 Kommandozeilen-Parameter eines simplen Befehls natürlich auswendig kannten und genau wussten, wo in der großen Systemgrabbelkiste der Kaffeekocher (ganz klar, das ist der Emacs, mit dem Sie in diesem Heft auch noch Bekanntschaft schliessen können) lag. So viele Vorteile dieses System haben mag, für Anfänger und Fortgeschrittene, die eine schnelle und stabile Umgebung wollen, in der ihre Programme bedienfreundlich laufen, ist es suboptimal.

Und so kam die Zeit der Desktop-Umgebungen. KDE, von dem schon die Rede war, stieg schnell zum Star des neuen Linux-Runs auf. Sein Name wurde zum Synonym für das "neue, benutzerfreundliche Anfänger-Linux". GNOME hingegen fristete bis zu seiner Version 1.0 ein eher verstecktes Dasein in den europäischen Gefilden, seither jedoch steigt es auch hier immer höher am Olymp der Unix-Heldentaten und schickt sich an, ein zumindest gleichwertiger Bruder KDEs zu werden.

Widmen wir uns nun der Idee hinter einem Desktop oder, genauer, einem Desktop Environment bzw. einer Desktop-Umgebung. Alles, was irgendwie auf einem Rechner Platz hat, Bilder, Texte, Programme, andere Dateien, wird von einem Desktop als "Objekt" betrachtet. Objekte können nahezu überall auf dem Desktop herumliegen und mit der Maus verschoben oder angeklickt werden. Jedes Objekt hat einen Namen oder stellt eine Verknüpfung mit einem anderen Objekt dar, dessen Namen es übernimmt. Neben dem Namen gehört zu jedem Objekt ein Icon, das es auf dem Desktop repräsentiert, und eine Liste von Verhaltensanweisungen, wenn es "verwendet" wird. Hört sich kompliziert an? Ist es aber nicht, Sie werden sehen.

Klicks und Doppelklicks

Nehmen wir als Beispiel die Textdatei, in der dieser Artikel steht. Sie heißt – wen wundert's – gnome_artikel.txt und lag einst in meinem Home-Verzeichnis. Als mir das ständige Wechseln in eben dieses zu dumm wurde, zog ich die Datei mit einem Linksklick auf den Desktop, wo sie als ARTIKEL.txt seither geduldig darauf wartet, von mir doppelgeklickt zu werden.

Abbildung 1: So kann ein GNOME-Desktop aussehen

Der Doppelklick tut genau das, was er bei einem Textdokument tun soll: Er öffnet das Objekt im vi, meinem Editor. Natürlich hätte ich auch eine andere Aktion für den Doppelklick vergeben können – das Öffnen in einem Betrachter oder das Ausdrucken z.B. –, aber da die am häufigsten benötigte Aktion mit einem Artikel nun mal das Bearbeiten ist, bin ich mit dieser Einstellung sehr zufrieden.

Unten links auf meinem Desktop befindet sich das Symbol eines Briefkastens. Möchte ich diesen Artikel abgeben, so genügt es, ihn mit der linken Maustaste auf den Briefkasten zu ziehen und abzuwarten, bis mein Mailprogramm mit dem Artikel als Anhang gestartet ist und mir die Empfängerauswahl überlässt.

Simpel, oder? Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, dann können wir anfangen, uns den Gnom auf die Festplatte zu holen. Holen Sie sich eine heiße Schokolade aus der Küche und lassen Sie uns anfangen.

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LinuxUser 06/2012

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