Vom Brexit und proprietärer Software

Liebe Leserinnen und Leser,

Ende Juni haben sich die Briten knapp für den "Brexit" (den British Exit, also das Ausscheiden aus der Europäischen Union) entschieden. Im Kern ging es um die Frage: "Schaffen wir die Aufgaben besser allein oder gemeinsam?" Als vermeintliche Vorteile des Alleingangs wurden Unabhängigkeit und bessere Kontrolle (z. B. über Gesetzgebungsverfahren und Zuwanderung) genannt.

Auch die Software-Industrie kennt diese Unterscheidung zwischen dem Alleingang und dem gemeinsamen Weg: Die Brexit-Variante entspricht dabei proprietärer Software, die EU-freundliche Version gehört im Bild zu Freier und Open Source Software. Bei den kooperativen Entwicklungsmodellen (Linux, Firefox, LibreOffice, und der ganzen weiteren Palette der unter Linux meist verwendeten Programme) geht es um Gemeinsamkeit, Teilhabe, gegenseitiges Geben und Nehmen. Wer in dieser Welt ein neues Programm entwickeln will, muss nicht bei null anfangen, sondern kann auf einen großen Fundus an bestehendem Quellcode aufbauen oder direkt einen "Fork" eines vorhandenen Programms erstellen und damit weiter arbeiten. Wie im Schengen-Raum mit seinen offenen Grenzen zwischen den Mitgliedsländern gibt es hier keine Beschränkungen: Entwickler dürfen den Programmcode anderer Entwickler kostenlos verwenden, anpassen, in eigene Programme integrieren. Mit den Rechten kommen (zumindest bei Software, die z. B. unter der GPL steht) auch Pflichten: Die auf Basis von fremdem Code entwickelte Software muss meist auch wieder unter eine freie Lizenz und ebenfalls im Quellcode verfügbar gemacht werden, damit andere Entwickler von den Verbesserungen und Ergänzungen profitieren können. Auch hier passt wieder die Parallele zur aktuellen Politik (etwa: kein Binnenraum-Zugang ohne Gewähr der Freizügigkeit).

Die Analysen des Brexit-Referendums zeigten, wie sich die Stimmen für Bleiben und Gehen auf verschiedene Bevölkerungsschichten verteilten [1]: Alt, kleinstädtisch, ungebildet – hier gab es Mehrheiten für den Austritt, während die Jungen, die Großstädter und die Bürger mit höherer Bildung mehrheitlich dafür gestimmt haben, in der EU zu bleiben.

Experten empfehlen Kooperation

Die Experten hatten den Briten einheitlich zum Verbleib in der EU geraten, weil der kooperative Ansatz der Gemeinschaft für die Bewältigung der heutigen Probleme einfach besser geeignet ist. Das gilt auch für die Entwicklung von Software: Wer (auch als großes Unternehmen) Software nach dem alten proprietären Modell entwickelt, verzichtet auf die Mithilfe der Gemeinschaft:

  • Er muss ständig "das Rad ständig erfinden", also Funktionalität neu entwickeln, die es an anderer Stelle bereits gibt – oder alternativ für teures Geld Code von anderen proprietären Anbietern lizenzieren und darauf hoffen, dass diese ihn auch weiter pflegen.
  • Die Entwicklung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, es gibt also keine Unterstützung von interessierten Programmieren außerhalb des Unternehmens.
  • Man kann beim Analysieren der Software nur auf die eigenen Mitarbeiter zurückgreifen, wenn es etwa um angreifbare Schwachstellen geht; in der Welt der Freien und Open Source Software schauen auch andere auf den Code.

Proprietäre Modelle sind auch unflexibel, wenn es darum geht, sich auf geänderte Situationen einzustellen; das sieht man u. a. an den langen Veröffentlichungszyklen: Es dauert bei größeren Programmen oft Jahre, bis eine neue Version erscheint, während in der kooperativen Softwarewelt ständig neue Versionen mit behobenen Fehlern und zusätzlichen Features entstehen.

Damit gilt auch für Anwender: Wer aktuelle Entwicklungen nicht verschlafen möchte, sollte auf Freie und Open Source Software setzen – hier tauchen neue Ideen zuerst auf, und die angebotene Software wird von der Entwicklergemeinschaft auf Fehler und Sicherheitslücken untersucht. Ja zur Gemeinschaft!

Hans-Georg Eßer

Chefredakteur

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Deutschland

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Kommentare
Brexit und proprietäre Software? / Leserbrief
Robert Gruber (unangemeldet), Samstag, 23. Juli 2016 09:10:46
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Sehr geehrter Herr Eßer!

Im aktuellen EasyLinux-Heft / Editorial vergleichen Sie den Brexit mit
proprietärer Software. Der Vergleich hinkt schwer. Freie Software ist - je
nach Lizenz - geprägt durch Freiwilligkeit und Freizügigkeit auf allen
Ebenen bis zum Entwickler selbst. Was für die Welt der freien Software
seit erster Stunde zutreffend ist, gilt in keiner Weise für die politische
Welt. Hier geht es um Macht und nicht um die Menschen. Das wird nun
deutlich sichtbar. Die Europäische Union wurde uns insbesondere in den
letzten Jahrzehnten als das Friedensprojekt nach dem zweiten Weltkrieg
immer wieder über die Leitmedien verkauft. Bringen die nicht endend
wollenden Anfeindungen der NATO gegenüber Russland, EURATOM, Eurogendfor,
Atomwaffen-Aufrüstung in Ramstein, etc. tatsächlich Frieden? Die
friedliche Zeit in Europa war allerdings durch die Nationalstaaten
gesichert auf Basis von hohem gegenseitigen Respekt, welche die Konsequenz
aus dem zweiten Weltkrieg war. Dieser jahrzehntelange Frieden - ein
Verdienst der Nationalstaaten - wird insbesondere in den letzten beiden
Jahrzehnten durch die EU einverleibt. Spätestens seit dem Vertrag von
Maastricht wird nun gezielt auf äußert undemokratische Weise versucht (die
einzelnen Völker wurden nie befragt), die Nationalstaaten zu entmachten
und einen einheitlichen EU-Großstaat zu erzeugen. Wenn dies mit freier
Software im positiven Sinne belegt und verglichen wird, dann wäre das ein
schlimmes Armutszeugnis für die Welt der freien Software. Denn, wenn etwas
Linux sowie die Welt der freien Software stark und groß gemacht haben,
dann war das die Vielfalt - statt Einfalt. Die große Vielfalt an
verfügbaren Linux-Distributionen bis hin zu den verschiedenen Desktops,
Window-Managern und Tools verschaffte Linux sowie die Welt der freien
Software den entscheidenden Vorteil gegenüber den proprietären
Betriebssystemen und Softwarepaketen. Die Vielfalt der europäischen Völker
mit ihren guten und auch weniger guten Eigenschaften war es auch, die das
Europa weltweit interessant gemacht haben. Dies wird durch die Politik der
EU durch das Formieren eines Einheitsstaates und einem Einheitsvolk
zunichte gemacht. Sehr schade finde ich auch, dass die Gemeinschaft in
Europa immer nur durch die Augen der EU gesehen wird und nicht durch sich
gegenseitig respektieren Nationalstaaten mit einer z.B. vertieften EFTA.
Auch hier sind Kooperationen anzustreben nur eben mit dem Unterschied,
dass auf die Bedürfnisse der einzelnen Nationalstaaten eingegangen wird.
So wie die Bedürfnisse der Anwender von freier Software auch sehr
unterschiedlich sind. Was die Kapitalverkehrsfreiheit in der EU
angerichtet hat, haben wir in den letzten Jahren eindeutig gesehen. Wie
mit Bankpleiten auch anderes umgegangen werden kann, hat das erfreuliche
Beispiel Island gezeigt wo die Banken sowie deren Verantwortliche zur
Rechenschaft gezogen wurden und wo es keine Kapitalverkehrsfreiheit gibt
und Ausnahmen penibel kontrolliert werden.

Fazit: Wenn eine übergeordnete Organisation XY die Linux-Gesellschaft mit
allen ihren Entwicklern und Unterstützern diese derart mit Gesetzen und
Vorschriften bevormunden würde, wie es die EU auf politischer Ebene mit
den Nationalstaaten und letztlich uns Menschen macht (noch dazu ohne
jegliche Legitimation, da die einzelnen Völker dazu nie befragt wurden,
ihre Souveränität aufzugeben) dann Stünden der Linux-Gesellschaft schlimme
Zeiten bevor. Aber zum Glück ist dem nicht so und die Linux-Gesellschaft
erlebt nun nach schweren Anfangsjahren den Zuspruch und Erfolg, den sie
sich verdient hat. Linux ist auf einer Augenhöhe mit den proprietären
Betriebssystemen längst angelangt. Es liegt an uns Menschen, für welchen
Weg wir uns entscheiden.

Mit besten Grüßen
Robert Gruber

ps: Es steht Ihnen frei, diesen Leserbrief als Anmerkung zu Ihrem
Editorial in Ihrer ansonsten sehr guten EasyLinux-Fachzeitschrift zu
veröffentlichen.


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Re: Brexit und proprietäre Software? / Leserbrief
Hans-Georg Eßer, Sonntag, 24. Juli 2016 11:49:39
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Es ging mir bei meinem Vergleich, den Sie als hinkend empfinden, nicht um eine Gleichsetzung in allen Aspekten. Das Hauptthema der Brexit-Befürworter ist gewesen, dass man dort glaubt, aktuellen Problemen alleine besser als in der Gemeinschaft begegnen zu können.

Sie weisen darauf hin, dass Staaten auch ohne den EU-Überbau kooperieren könnten, aber das bedeutet dann wohl individuelle (bilaterale) Vertragsverhandlungen, und sowohl Bürger als auch Unternehmen müssten dann immer prüfen, was jetzt gerade mit welchem anderen Land möglich ist. Um hier wieder die Analogie zur Software-Welt herzustellen: Das entspricht einer Anzahl von Firmen, die proprietäre Software entwickeln und sich in bilateralen Cross-License-Verträgen gestatten, Teile des Codes der jeweils anderen Firma für eigene Produkte zu verwenden. Das ist dann auch ein Flickwerk, bei dem regelmäßig Anwälte prüfen müssen, welche Nutzung zulässig ist und welche nicht. (Mal ganz abgesehen davon, dass Anwender dabei außen vor gelassen werden.)

Mir ging es in meinem Editorial nur um die grundsätzliche Haltung: "Arbeitet man lieber zusammen oder allein?", und da meine ich, dass mein Vergleich schon passt. Dass in der EU alles perfekt ist, wollte ich damit nicht sagen, aber das gilt auch für die Welt der Freien Software, wo es ebenfalls Konflikte (und deswegen z. B. Forks) gibt, siehe etwa Debian/Devuan.


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Re: Brexit und proprietäre Software? / Leserbrief
Robert Gruber (unangemeldet), Dienstag, 26. Juli 2016 16:32:58
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Zusammenarbeiten kann man auch sehr gut - wie oben angesprochen - auf
nationaler Ebene. Es ist schade, dass immer wieder suggeriert wird,
dass eine Zusammenarbeit nur auf EU-Ebene möglich ist. Wer möchte
nicht zusammenarbeiten? Die Frage, die man sich immer nur stellen muss
und eben gerade auch auf politischer Ebene ist das "Wie"? Am Beispiel der
Forks sieht man wunderbar, wie sich Entwickler und ganze
Entwicklerteams wieder "Luft" schaffen und sich vom Hauptzweig
absplitten, um etwas Neues zu erschaffen - immer mit dem Ziel etwas
besseres als die eingefahrene Situation vom Hauptzweig zu schaffen. Ob
das Ergebnis dann tatsächlich besser ist sei dahingestellt, aber für
die Motivation / den Antrieb etwas besser machen zu wollen, ist ein
Fork sehr sinnvoll. Durch Forks war es auch erst möglich, dass die
Vielfalt an Linux-Distributionen entstanden ist.

Ich bin der Meinung, nicht auf den Status der Nationalstaaten
langfristig zu bleiben, sondern die Tendenz müsste sich in die
umgekehrte Richtung entwickeln, als es jetzt der Fall ist. Die
Nationalstaaten können dazu eine sinnvolle Übergangslösung darstellen
zu immer kleinerwerdenden Staatengebilden, denn nur in kleinen
Verbünden ist echte Demokratie möglich und kann auch entsprechend
gelebt werden. In der Welt der freien Software verhält es sich
genauso. Deshalb gibt es auch so viele Forks und der Umstand, dass viele kleine
Projekte anstatt weniger Große und Komplexe leichter zu überschauen sind,
ist auch klar. Konflikte können durch Abspaltungen zwar nicht
gelöst werden, aber sie sind ein wichtiger Bestandteil, um
Eskalationen (rechtzeitig) zu vermeiden.


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Re: Brexit und proprietäre Software? / Leserbrief
Hans-Georg Eßer, Mittwoch, 27. Juli 2016 23:24:13
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Nur zu den Forks: Die haben Vor- und Nachteile. Die Freiheit, ein Projekt zu forken, hat natürlich schon oft tolle Ergebnisse gebracht - bei größeren Projekten und einer echten Abspaltung hat man aber auch den Effekt, dass die Entwicklerbasis auf zwei fast identische Projekte aufgeteilt wird, wo dann parallel an sehr ähnlichen Dingen gearbeitet wird und jedes der Projekte langsamer voran kommt, weil nur noch die Hälfte der Leute daran mitarbeiten.

Auch die Vielzahl der Distributionen hat Vor- und Nachteile und hat zu Initiativen wie der Linux Standard Base geführt, die wenigstens die groben Dinge einheitlich regeln sollte. Die Fragmentierung war damals bei Unix ein Grund, warum Unix-Systeme immer in einer Nische geblieben sind. Die verschiedenen Linux-Distributionen sind sich zwar viel ähnlicher als es damals die unterschiedlichen und stärker inkompatiblen Unix-Systeme waren, aber man kann da schon Parallelen sehen.

Das Fork-und-Pull-System, das von GitHub unterstützt wird, ist aber ein Beispiel dafür, wie Forks gut einsetzbar sind, um Beiträge zu einem Projekt zu leisten, die dann in das Hauptprojekt wieder einfließen (können), siehe meinen Artikel "Mitmachen" in Ausgabe 02/2016 (S. 93).


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