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© Ali Ender Birer, 123RF

Software-Videorekorder MythTV

Großes Kino

Mit flexiblen Suchregeln pickt der Software-Videorekorder MythTV die Rosinen aus dem oft drögen Fernsehprogramm. Eine Streamingfunktion kommt dank der Backend-/Frontend-Architektur der Anwendung frei Haus dazu.

Oft wurde es im Internetzeitalter schon totgesagt, doch noch immer gibt es das gute, alte Fernsehen, das anders als On-demand-Videodienste allen das gleiche Programm ins Wohnzimmer liefert. Mangels Breitbandinternet wird Satellitenfernsehen in Deutschland vielerorts sogar noch lange alternativlos bleiben.

Mit Videorekordern sind auch Fernsehteilnehmer nicht mehr an Sendezeiten gebunden. Dieser Artikel stellt die Videorekorder-Software MythTV (Abbildung 1) [1] vor: Sie verwandelt einen Wohnzimmer-PC in ein Mediencenter der Extraklasse.

Abbildung 1: Vorspulen bei Werbung, die Programmbeschreibung aus dem per Digitalfunk übertragenen EPG im Blick: So macht Fernsehen Spaß.

Medienzentrale

MythTVs Aufnahmefunktionen basieren auf den EPG-Daten (Electronic Program Guide), die beim Digitalfernsehen mit dem Programmsignal übertragen werden. In diesen Daten sucht die Software nach neuen Episoden Ihrer Lieblingssendungen oder nach Schlagworten (Abbildung 2). Überschneiden sich mehrere Aufnahmen, weicht die Software automatisch auf Wiederholungen aus (Abbildung 3).

Abbildung 2: Hier ist die TV-Karte zum Zeitpunkt der Ausstrahlung einer Tatort-Folge belegt. MythTV sucht auf allen Kanälen nach Wiederholungen und nimmt ersatzweise automatisch die erste von ihnen auf.
Abbildung 3: Ein Highlight von MythTV ist die "freie Suche", die hier in den Tiefen des Programms (Sender Tagesschau24, 1:30 Uhr) eine Sendung zum Thema "Wein" gefunden hat und automatisch aufnimmt.

Dank seiner automatischen Aufnahmefunktionen, die weit über das zeitgesteuerte "Programmieren" klassischer Videorekorder hinausgehen, sammeln sich auf den heute erschwinglichen TByte-Festplatten schnell hunderte Aufnahmen zur Auswahl nach Lust und Laune an. Ein solches Mediencenter (Abbildung 4) gleicht eher dem On-demand-Streaming der Internetvideotheken als einem klassischen Fernseher.

Abbildung 4: Diesen bildschirmlosen, durchgehend laufenden Barebone-Rechner mit zwei Kabel-TV-Karten (und weiterer Peripherie) hat der Autor für MythTV angeschafft. Neben dem Videorekorder beherbergt er Netzwerkspeicherplatz, ein VPN-Gateway sowie einige Server- und Webanwendungen.

Zum Programmieren von Aufnahmen präsentiert MythTV die aus den EPG-Daten der Sender gewonnenen Programmhinweise in einer tabellarischen Übersicht (Abbildung 5) oder schlüsselt sie als alphabetische Titelliste auf (Abbildung 6). Hinzu kommen eine Volltextsuche und thematische Listen: Spielfilme, neue Sendungen, Sendungen aus Kategorien wie "Action" oder "Western" finden Sie damit blitzschnell. Allerdings ist die Kategorienzuordnung der Sender, auf der diese Listen basieren, manchmal schwer nachzuvollziehen.

Abbildung 5: Eine elektronische Programmzeitschrift ist bei MythTV inbegriffen.
Abbildung 6: In der "alphabetischen Suche" finden Sie Sendungen nach ihrem Titel. Ganz rechts sind die Ausstrahlungszeiten zu sehen.

Teuer?

Details zum Aufbau eines MythTV-Systems finden Sie im Kasten MythTV-Komponenten und Hardware. Die Software ist flexibel für unterschiedliche Szenarien gerüstet: Denkbar sind ein Server im Keller direkt neben dem Kabelanschluss, ein Wohnzimmer-PC oder die Installation auf einem normalen Arbeits-PC.

Zum eigentlichen Fernsehen taugt jeder Rechner, der schnell genug zum Abspielen von HD-Videos ist, so auch der Backend-Rechner (auf dem der MythTV-Serverdienst läuft, siehe o. g. Kasten) selbst. Der muss eingeschaltet sein, wenn er aufnehmen soll. Praktisch jeder Computer lässt sich per BIOS zeitgesteuert aufwecken (siehe Kasten ACPI Wakeup). Pro TByte Plattenkapazität passen bei Kabelaufnahmen ca. 200 Sendungen (bei einer Mischung von HD- und SD-Aufnahmen) auf die Platte.

MythTV-Komponenten und Hardware

MythTV besteht aus zwei Komponenten, einem im Hintergrund laufenden Serverdienst (Backend, "BE") und einem Desktop-Programm zum Fernsehen (Frontend, "FE"). Backend und Frontend können über das Heimnetz kommunizieren. Daher können Sie an allen Rechner mit Netzzugriff auf das Backend alle dort aufgenommenen Aufnahmen und das Live-Fernsehprogramm ansehen.

Abbildung 7 zeigt drei Einsatzszenarien: Entweder installieren Sie Backend und Frontend auf Ihrem Arbeitsrechner (oben) und sehen dort auch fern. Dabei muss der Rechner für Aufnahmen eingeschaltet bleiben. Notebooks mit installiertem Frontend können per Streaming Aufnahmen und Live-TV wiedergeben. Auch das Programmieren von Aufnahmen funktioniert von dort aus.

Oft installieren Anwender MythTV auch auf einem Wohnzimmer-PC (Mitte). Die Installation unterscheidet sich nicht von der auf einem Arbeits-PC. Allerdings ist es hier wünschenswert, dass der Rechner nur für Aufnahmen aufwacht und dann wieder herunterfährt (siehe Kasten ACPI-Wakeup).

Abbildung 7: Dank seiner Backend-/Frontend-Struktur streamt MythTV die auf einem zentralen Backend (BE) aufgenommenen Sendungen an alle Rechner im Heimnetz mit installiertem Frontend (FE).

Das untere Szenario zeigt einen immer laufenden bildschirmlosen Server-PC, auf dem nur das Backend installiert ist. Zum Fernsehen dient jeder Linux-Rechner im Netzwerk. Für Windows-Computer stellt die Mythbuntu-Live-DVD [2] ein installationsfreies Ad-hoc-Frontend zur Verfügung.

Der Kasten Empfangstechnik nennt Linux-taugliche Fernsehkarten und -sticks. An die Rechenerhardware stellt MythTV folgende Anforderungen: Das Frontend muss, wie schon erwähnt, HD-Videos ruckfrei wiedergeben. Das MythTV-Wiki [3] empfiehlt Nvidia-Grafikkarten, dabei reichen schon GeForce-8-Modelle von 2006. Für ein reines Backend genügen Intel-Atom-basierte Rechner älterer Bauart. Auch uralte Pentium-4-CPUs sind schnell genug, verbrauchen allerdings viel Strom.

Empfangstechnik

Grundsätzlich kommt MythTV mit allen Linux-tauglichen TV-Empfängern klar, sowohl internen TV-Karten als auch am USB-Port angeschlossenen Sticks. MythTV unterstützt auch noch Analog-TV, das terrestrisch allerdings längst abgeschaltet ist und auch aus dem Kabel verschwindet.

Vor dem Anschließen eines Sticks starten Sie in einer Konsole eine Überwachung der Kernel-Meldungen: Auf aktuellen Linux-Systemen (Ubuntu 15.10, OpenSuse 42.1) gelingt das mit sudo journalctl -f, unter Ubuntu/Mythbuntu 14.04 rufen Sie nach dem Anschließen dmesg auf. Abbildung 8 zeigt die Meldungen für eine erfolgreich eingebundene Karte. Nun sollte das Verzeichnis /dev/dvb/adapterX existieren.

Abbildung 8: Der umrahmte Part der Kernel-Meldung zeigt, dass Linux den angeschlossenen TV-Stick erkannt hat.

Das MythTV-Wiki listet kompatible Karten [4]. Nicht mehr alle davon sind im Handel zu bekommen, besonders kompatible Kabel-TV-Karten sind rar. Als wäre das nicht genug, wechseln die Hersteller manchmal die verbauten Komponenten, ohne dass dies am Produkt oder der Verpackung erkennbar wäre. Vereinbaren Sie beim Kauf daher am besten ein Rückgaberecht oder bestellen Sie bei einem Onlineanbieter.

Die Kernel-Entwickler pflegen ihre eigene Kompatibiliätsliste [5], die allerdings die allerneusten Kernel-Versionen berücksichtigt. Vergleichen Sie die Kernel-Version hier also mit der auf Ihrem System installierten. Anwender von Ubuntu 14.04 LTS können übrigens mit sudo apt-get install --install-recommends linux-generic-lts-wily einen neueren Kernel installieren.

ACPI Wakeup

Speichern Sie als root folgendes Skript unter /usr/bin/setwakeup.sh:

#!/bin/bash
echo 0 > /sys/class/rtc/rtc0/wakealarm
echo $1 > /sys/class/rtc/rtc0/wakealarm

Machen Sie das Skript mit sudo chmod +x /usr/bin/setwakeup.sh auf der Konsole ausführbar. Das MythTV-Wiki enthält eine ausführlichere Version mit Logging [6]. Dann weisen Sie sudo an, die nötigen Befehle ohne Passwort als root auszufühen. Starten Sie dazu auf der Konsole mit sudo visudo einen konsolenbasierten Editor und fügen Sie der dort geöffneten Datei die Zeile

%mythtv ALL = NOPASSWD: /sbin/shutdown, /usr/bin/setwakeup.sh

hinzu. Unter Ubuntu ist nano als Kommandozeilen-Editor voreingestellt. Dort speichern Sie mit [Strg]+[O],[Eingabe] und verlassen den Editor mit [Strg]+[X].

Starten Sie dann das MythTV Setup. In der Rubrik General navigieren Sie per Next-Button zum fünften Schirm Shutdown/Wakeup Options, deaktivieren das Kontrollkästchen Block shutdown before client connected und tragen unter Command to set wakeup time den Pfad zur eben erstellten Skriptdatei ein: /usr/bin/setwakeup.sh. Wählen Sie dann wieder den Next-Button, bis das Hauptmenü erscheint.

Ob das Aufwachen funktioniert, hängt unter anderem von der Qualität der ACPI-Funktionen Ihrer Hauptplatine ab, die – freundlich formuliert – schwankt. Bei Problemen hilft die schon erwähnte englische MythTV-Wiki-Seite [6].

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