LaTeX vs. Writer: Wer erstellt die besseren Dokumente?

Kampf der Texter

LaTeX ist ein Textsatzsystem, LibreOffice Writer eine Textverarbeitung. Das sind unterschiedliche Softwarekategorien, und damit wäre schon alles gesagt – wenn nicht beide Tools oft für dieselben Aufgaben herangezogen würden. Wir testen Komfort und Ergebnisqualität und geben Empfehlungen, wann sich der Einsatz von LaTeX lohnt und wann nicht.

Über die Textverarbeitung LibreOffice Writer [1] finden Sie in EasyLinux regelmäßig Artikel, meist Workshops oder Sammlungen nützlicher Hinweise in unseren Tipps & Tricks. Das Textsatzprogramm LaTeX (gesprochen: "La-Tech") [2] ist seltener ein Thema, weil Nutzer hier am Anfang eine steile Lernkurve überwinden müssen und – anders als bei Writer – nicht einfach mit dem Schreiben loslegen können. Doch das perfekte Ergebnis rechtfertigt manchmal einen höheren Aufwand, wenn es etwa um die Abschlussarbeit im Studium oder ein selbst geschriebenes Buch geht, das nicht nur inhaltlich überzeugen, sondern auch mit schönem Layout glänzen soll. Solche perfekten Ergebnisse sind nie ohne ein wenig Zusatzarbeit erreichbar; das gilt beim Einsatz jedes Programms.

Der wesentliche und auf den ersten Blick sichtbare Unterschied zwischen beiden Anwendungen ist, dass Writer in die Kategorie der WYSIWYG-Programme fällt, also die Ansicht im Programmfenster mit dem späteren Ausdruck (oder der generierten PDF-Datei) übereinstimmt – im Vergleich dazu konzentrieren Sie sich beim Bearbeiten eines LaTeX-Dokuments auf die Inhalte und verwenden Steuerbefehle, um z. B. eine Überschrift oder ein wichtiges Wort zu formatieren, wobei das Ergebnis erst sichtbar wird, wenn Sie das Programm auffordern, eine PDF-Datei zu erzeugen.

Die Bedienung von Writer ist (zumindest für sehr einfache Dokumente) selbsterklärend, zumal die meisten Linux-Anwender bereits den Umgang mit ähnlichen Anwendungen wie Microsoft Word gewohnt sind; eine Einführung in LaTeX haben wir zuletzt in Ausgabe 03/2014 veröffentlicht [3], in diesem Test geht es um die Bewertung der beiden Programme. Dabei liegt der Schwerpunkt nicht auf der Benutzerfreundlichkeit und der Leichtigkeit, mit der Anwender den Umgang mit der Software erlernen können (siehe Kasten Benutzerfreundlichkeit), sondern auf der erzielbaren Qualität der erstellten Dateien.

Aufgabenbereiche

Große Texte, kleine Texte – von wenigen Ausnahmen wie Programmquellcode und Konfigurationsdateien abgesehen, ist es ein wesentliches Merkmal von Textdokumenten, dass diese frei formatierbare Texte enthalten. Das heißt, dass Einstellungen wie Schriftart und -größe, Mehrspaltigkeit, Seitenränder und vieles mehr nicht fest vorgegeben sind, sondern vom Anwender festgelegt werden. Zu dieser Beschreibung passen ganz viele Dokumentarten, darunter die folgenden:

  • Briefe: Schreiben Sie an die Behörde, die Schule, den Arbeitgeber, dann werden Sie dafür meist einen älteren Brief anpassen oder mit einer Dokumentvorlage einen neuen erzeugen. Briefe sind in der Regel eher kurz, mit einer oder zwei Seiten und ohne Bilder.
  • Ausarbeitungen für Schule und Hochschule: Vom schriftlichen Referat über die Seminar-, Bachelor- und Master-Arbeiten bis zur Dissertation sind diese Dokumente typischerweise zehn bis 1000 Seiten lang und enthalten Fußnoten, Abbildungen, Tabellen sowie diverse Verzeichnisse (Inhalt, Literatur, Glossar etc.).
  • Bücher: Sach- und Fachbücher, aber auch Belletristik-Texte, sind eine weitere klassische Dokumentart. Romane bestehen fast nur aus Text und werden vom veröffentlichenden Verlag meist in einem DTP-Programm (Desktop Publishing) weiterverarbeitet.

Diese und weitere Kategorien können Sie in Writer oder LaTeX erstellen, für beide Programme gibt es jeweils geeignete Dokumentvorlagen (bzw. in LaTeX-Sprache: Dokumentklassen).

Benutzerfreundlichkeit

Die Benutzbarkeit, neudeutsch auch oft Usability genannt, ist ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung von Software. Unter dem Namen UX (User Experience) ist dazu ein eigenes Forschungsgebiet entstanden, das zur Software-Ergonomie und damit auch zum Software Engineering zählt.

Die Frage ist nun: Kann ein Textsatzsystem wie LaTeX, das die Eingabe eines Quelltextes und die anschließende "Kompilierung" mit einem Übersetzerprogramm erfordert, als benutzerfreundlich betrachtet werden? Die Antwort hängt davon ab, welche Nutzer man als Zielgruppe betrachtet.

Einen Computereinsteiger, den man zum ersten Mal vor einen Rechner setzt, wird man sicher in kurzer Zeit dazu bringen können, einfache Texte in Writer einzugeben. Das funktioniert sogar ohne ein Verständnis elementarer Begriffe wie "Speichern" oder "Formatieren". Im Vergleich dazu wäre es ein aussichtloses Unterfangen, demselben Einsteiger den Umgang mit LaTeX zu erklären. Das liegt an einer Eigenschaft von Writer (und allen anderen WYSIWYG-Programmen), die sich Selbstbeschreibungsfähigkeit [7] nennt. Writer ist in diesem Sinne intuitiv beherrschbar, weil die am Bildschirm angezeigte leere weiße Seite direkt einem auf dem Tisch liegenden oder in die Schreibmaschine eingespannten Blatt Papier entspricht. In diesem Punkt kann LaTeX nicht mithalten.

Anderseits sind Steuerbarkeit und Individualisierbarkeit ebenfalls wichtige Kriterien der Software-Usability, und diese werden wichtiger, wenn es um fortgeschrittene Anwender geht, die nicht einfach irgendwie ein Dokument erstellen wollen, sondern Textproduktion professionell betreiben. Dazu gehört u. a., dass die Schritte Texteingabe und Textformatierung logisch getrennt werden und sich nicht gegenseitig störend beeinflussen. Hier kann LaTeX auftrumpfen, gerade weil es kein WYSIWYG-Programm ist und damit den Anwender nicht während der Texteingabe durch eine Darstellung des endgültigen Layouts ablenkt. Stattdessen kann der Autor sich auf den Inhalt konzentrieren und erst am Ende (oder im Rahmen von Zwischenschritten) eine PDF-Datei erzeugen, um das Aussehen zu prüfen.

Eine häufig falsche Vorstellung ist auch, dass man bei LaTeX (oder Writer) mit einem komplett leeren Dokument anfängt. Wahrscheinlicher ist es, dass für die gewünschte Textsorte schon eine Vorlage zur Verfügung steht. Die enthält meist auch Beispieltext, so dass man durch kurzes Studium der Beispiele erkennen kann, wie die Inhaltselemente zu nutzen sind. Abbildung 1 zeigt die ersten Absätze aus diesem Artikel, wie sie aussehen würden, wenn der Text bei einem IEEE-Journal veröffentlicht würde. Das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) veröffentlicht Informatik-Fachbeiträge und stellt Formatvorlagen für Word und LaTeX zur Verfügung; für die Writer-Version haben wir die Word-Vorlage verwendet. Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse recht ähnlich – was ja auch der Sinn dieser Vorlagen ist. In Details unterscheiden sich die Umsetzungen mit Writer und LaTeX aber deutlich.

Abbildung 1: Die beiden Seiten enthalten den Anfang dieses Artikels im IEEE-Journal-Format. Links: Writer, rechts: LaTeX.

Struktur durch Formatvorlagen

Unabhängig von der gewählten Anwendung ist es bei größeren Dokumenten wichtig, den Text durch Formatvorlagen einheitlich zu formatieren. Writer bietet dafür (unter anderem) Zeichen- und Absatzvorlagen; mit Letzteren können Sie z. B. für den Fließtext und für Überschriften der verschiedenen Ebenen vorgeben, wie diese formatiert sind und welche Abstände zu vorangehenden und folgenden Absätzen einzuhalten sind (Abbildung 2). Ein Nebeneffekt ist, dass das Dokument automatisch Struktur erhält, so dass sich z. B. aus den Überschriften ein Inhaltsverzeichnis generieren lässt. Eine Kapitelnummerierung ist nicht automatisch vorgesehen, lässt sich aber über Extras / Kapitelnummerierung (für jede Überschriftenebene separat) einschalten und auch formatieren.

Abbildung 2: In Writer können Sie Formatvorlagen für Zeichen und Absätze definieren und dann Textausschnitten zuweisen.

Bei LaTeX ist die Vorgehensweise ähnlich: Hier erfolgt die Zuweisung aber nicht durch Markieren und Formatieren einer Überschrift, sondern Gliederungsbefehle wie \section und \subsection legen die Struktur fest – das Ergebnis ist dasselbe.

In Writer ist es möglich, Überschriften auch ohne Vorlagen zu formatieren: Viele Anwender markieren diese einfach und wählen manuell eine geeignete Schriftart und -größe aus oder erzeugen Abstände zwischen Text und Überschrift durch das Einfügen von Leerzeilen – das ist aber kein guter Plan, weil man selbst dafür zuständig ist, diese Formatierungen einheitlich zu halten.

Der Aufwand, um dem Dokument eine sinnvolle Struktur zu geben, ist damit in beiden Anwendungen vergleichbar.

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