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Schweizermesser für Weltenbummler

X-Server und Shell-Tools für Windows

09.07.2013
Egal, ob Sie den Umstieg von Windows auf Linux erst planen, während der Umstiegsphase noch in beiden Welten zu Hause sind oder ohnehin abwechselnd unter Linux und Windows arbeiten, leistet ein X-Server für Windows gute Dienste – wie z. B. MobaXterm.

Der Umstieg auf Linux schließt auch bei perfekt konfiguriertem Desktop erste Kontakte mit der Linux-Shell und elementaren Kommandozeilenbefehlen ein. In einem älteren Artikel haben wir GOW (GNU on Windows) vorgestellt, mit dem Sie unter Windows vorab mit Linux-Befehlen experimentieren können [1]. Einen ähnlichen Zweck erfüllt Cygwin [2], eine Programmsammlung, die wichtige Linux-Tools unter Windows bereitstellt. Eine der interessantesten Cygwin-Portierungen ist Cygwin/X, ein X-Server, den auch das Tool MobaXterm [3] nutzt.

Der auch als Portable-Variante verfügbare X-Server für Windows ermöglicht es unter anderem, Windows-PCs mit mächtigen Linux-Kommandozeilentools zu verwalten. MobaXterm stellt damit zum Beispiel Linux-Administratoren, die gelegentlich auch Windows-Rechner pflegen, eine vertraute Umgebung zur Verfügung. Auf der anderen Seite profitieren aber auch potenzielle Linux-Einsteiger von dem mächtigen Werkzeug, weil Sie sich so auf Ihrem Windows-Rechner gefahrlos mit den Möglichkeiten der Linux-Shell und mit den wichtigsten Tools vertraut machen können.

Darüber hinaus stecken unter der schicken Oberfläche von MobaXterm zahlreiche nützliche Remote-Tools, von denen Sie beim Umstieg profitieren, und dank der eingebauten Plug-in-Architektur gibt es viele nützliche Erweiterungen.

MobaXterm installieren

MobaXterm bietet wesentlich mehr als eine Linux-Shell und die unter Linux üblichen Shell-Tools für Windows: Die einfach installierbare msi-Datei enthält einen vollständigen integrierten X-Server, ein Tab-fähiges Terminal mit Unix-/Linux-Kommandos (ls, cd, cat, sed, grep, awk, rsync, wget usw.) und darüber hinaus einen Session-Manager, der alle wichtigen Unix-Tools für den Zugriff auf entfernte Rechner (SSH, RDP, VNC, FTP/SFTP und weitere) unter Windows zur Verfügung stellt.

Die aktuelle zum kostenlosen Herunterladen angebotene Personal-Edition 6.3 [4] unterstützt im Gegensatz zur Professional Edition (49 Euro) lediglich kein individuelles Branding, bietet keinen Zugriff auf die Plug-in-Entwicklung und erlaubt kein Ändern von Standardoptionen. Außerdem ist die Anzahl einer Reihe von Ressourcen – so sichert die Personal Edition nur maximal zwölf Sitzungen – begrenzt. Das sind Features, auf die Heimanwender problemlos verzichten können. Weitere Einzelheiten zu den unterschiedlichen Versionen verrät die Download-Seite [5], die eine msi-Installer-Datei, eine Portable-Version als ZIP-Archiv und einen Link [6] auf eine große Anzahl optionaler Plug-ins zur Verfügung stellt.

Erste Schritte

Beim Start von MobaXterm startet das Tool im zentralen Arbeitsbereich eine Terminalsitzung an und weist darauf hin, dass Ihre Windows-Laufwerke in einer MobaXterm-Sitzung über den Ordner /drives erreichbar sind (Abbildung 1). Die Oberfläche stellt neben dem Terminalfenster – MobaXterm unterstützt auch Tabs – eine Werkzeugleiste, eine Menüleiste und eine Sidebar, in der Sie ebenfalls mit Hilfe von Tabs zwischen Session-Management, Tools und Makros umschalten können, zur Verfügung. Allerdings bieten Sidebar, Menüleiste und Werkzeugleiste mehr oder weniger die gleichen Funktionen an, d. h., sämtliche Programme im Reiter Tools der Sidebar finden sich auch im Menü Tools.

Sie können MobaXterm über den Menüpunkt Settings / Configuration konfigurieren. Die Einstellungen zum Terminalmodus (z. B. Zeichensatz und Schriftgröße) finden Sie im Reiter Terminal. MobaXterm lässt sich übrigens auch als SSH-Client verwenden, ähnlich wie das beliebte Tool Putty. Die zugehörigen Konfigurationseinstellungen finden Sie im Reiter SSH (Abbildung 2). Hier können Sie z. B. den grafischen SFTP-Browser aktivieren, der ein komfortables und Windows-Explorer-ähnliches Navigieren auf einem entfernten Linux-Rechner (mit aktiviertem SSH-Server) erlaubt.

Abbildung 1: Die Startseite von MobaXterm mit dem zentralen Terminal-Modus.
Abbildung 5: Hier konfigurieren Sie MobaXterm für das Verwenden als ssh-Client.

Darüber hinaus stehen im Reiter Display (Abbildung 3) ganz oben mit den Pfeil-Navigationssymbolen eine Reihe von Skins für die Oberfläche zur Verfügung, darunter auch ein Mac-Style (Snow Leopard).

Abbildung 3: MobaXterm ist wandelbar und unterstützt auch Skins.

Kommandomodus

Zu den einfachsten Übungen von MobaXTerm gehören die klassischen Linux-Shell-Kommandos, unter denen die klassischen Dateioperationen (cp, mv) und das Navigieren im Windows-Dateisystem mit Hilfe von Unix-Kommandos wie ls und cd am nützlichsten sind (Abbildung 4).

Abbildung 4: Im Terminal verhält sich das Tools wie eine Linux-Shell.

Mit fortschreitendem Kenntnisstand im Umgang mit der Bash-Shell oder gar der Shell-Programmierung werden für Sie auch Tools wie cat, sed, awk oder grep und deren Kombination durch Pipes von Interesse sein.

Fernzugriff

Neben der Möglichkeit, sich mit MobaXterm auf dem Windows-Desktop mit einer Linux-ähnlichen Shell-Umgebung und beliebten Linux-Tools vertraut zu machen, ohne dazu eine virtuelle Maschine nebst vollständigem Installieren einer Linux-Distribution einrichten zu müssen, können Sie MobaXterm auch als Schweizermesser für diverse Arten von Fernzugriffen betrachten. Das ist hilfreich, wenn Sie einen Windows- und einen Linux-PC gemeinsam im Netzwerk betreiben.

SSH ist dank Verschlüsselung eines der sichersten und wegen der eingebauten Kompression auch sehr performanten Fernzugriffsverfahren. Auf dem Linux-PC muss dazu nur ein SSH-Server laufen. Wie Sie den starten können, steht im Kasten SSH-Server einrichten.

SSH-Server einrichten

Alle Linux-Distribution installieren automatisch einen SSH-Client. Die meisten Distributionen – darunter auch Ubuntu und Opensuse – richten aber aus Sicherheitsgründen den SSH-Server nicht automatisch ein. Unter Ubuntu können Sie das mit dem Kommando

sudo apt-get install openssh-server

auf der Kommandozeile nachholen, Sie müssen dann Ihr Passwort eingeben. Bei OpenSuse stecken Server und Client in gleichen Paket openssh, das Sie am schnellsten mit

sudo zypper in openssh

installieren. (Hier ist dann die Eingabe des Root-Passworts nötig, das bei einer Standardinstallation mit Ihrem eigenen Passwort identisch ist.) Beim Installieren des OpenSSH-Servers wird auch der Dienst sshd gestartet und permanent in die Systemstart-Konfiguration aufgenommen.

MobaXterm nutzen Sie dann als SSH-Client. Der Vorteil gegenüber dem sehr populären Windows-SSH-Client Putty ist, dass sich MobaXterm genau wie der SSH-Client unter Linux verhält. Sie können daher im Gegensatz zu Putty sämtliche SSH-Befehle in einer Shell absetzen. Das ist hilfreich, wenn Sie etwa im Internet verfügbare How-Tos oder Dokumentationen nachvollziehen wollen. Zudem kann MobaXterm auch sehr komfortabel sein: Haben Sie etwa die Option Automatically switch sidebar view to graphical SSH-Browser gesetzt (Abbildung 5), blendet MobaXterm in der Sidebar automatisch den grafischen SFTP-Dateimanager ein, der die Verzeichnisse auf dem entfernten Rechner anzeigt.

Abbildung 5: Hier konfigurieren Sie MobaXterm für das Verwenden als ssh-Client.

MobaXerm und SSH

Sie können von Ihrem Windows-Rechner aus im Dateibestand des Linux-Rechners navigieren, ohne dass Sie dazu auf dem Linux-Rechner Samba oder einen FTP-Server einrichten müssen. Läuft auf dem Linux-PC ein SSH-Server, bauen Sie durch Eingeben des folgenden Befehls im MobaXterm-Terminalfenster eine Verbindung zu diesem auf:

ssh -l benutzername IP-Adresse-Rechner

Ist zudem die Option SSH-Agent aktiviert, kümmert sich ein Hilfsprogramm bei der nächsten Anmeldung am gleichen Server selbst um die Authentifizierung und behält das Passwort eine Weile im Speicher, so dass Sie ab der zweiten Verbindung kein Passwort mehr eingeben müssen, solange Sie den Client nicht herunter gefahren haben (Abbildung 6).

Abbildung 6: Ein grafischer SFTP-Browser lässt Sie im Dateisystem eines Linux-PCs navigieren.

Da SSH als Sicherheitsmaßnahme so genannte Host-Keys (oder Host-Zertifikate) verwendet, zeigt der Client beim jeweils ersten Verbindungsaufbau mit einem bisher unbekannten SSH-Server den von diesem automatisch übermittelten Host-Key an und signalisiert durch die Ausgabe permanently added 'IP-Adresse' (RSA) to the list of known host (dt.: IP-Adresse dauerhaft zur Liste der bekannten Rechner hinzugefügt), dass er diesen nicht kennt und ihn daher seiner Datei known_hosts im Unterverzeichnis .ssh im Home-Verzeichnis hinzufügt (Abbildung 7). Das bedeutet, dass Sie entscheiden müssen, ob Sie diesem Server vertrauen und glauben, dass er derjenige Server ist, für den er sich ausgibt. Das ist im lokalen Netz kein Problem, weil es ja Ihr eigener Linux-PC ist, aber bei einer Verbindung über das Internet könnte ein Angreifer die Verbindung kapern. Um auf Nummer Sicher zu gehen, können Sie sich vorher vom jeweiligen Administrator des entfernten Servers den "Fingerprint" des Host-Keys besorgen und mit dem des übermittelten Keys vergleichen.

Abbildung 7: ssh arbeitet zur Erhöhung der Sicherheit standardmäßig mit Host-Zertifikaten.

Das versteckte Verzeichnis /home/username/.ssh ist übrigens bei allen Linux-Versionen standardmäßig dasjenige, indem SSH nutzerbezogene Konfigurationsdateien speichert, etwa die Datei knows_host mit den bekannten RSA-Host-Zertifikaten der kontaktierten Server. Nun befinden Sie sich aber auf einem Windows-Rechner. Ein Vorteil von MobaXterm, etwa gegenüber Putty, ist, dass Sie tatsächlich mit diesem Verzeichnis und den unter Linux üblichen Pfad- und Dateinamen arbeiten können: Der Ordner /home in der MobaXterm-Umgebung ist mit dem Windows-Verzeichnis C:\Users\username\Documents\MobaXterm\home verknüpft.

Was noch geht

Darüber hinaus stehen Ihnen in der Seitenleiste im Abschnitt Tools oder wahlweise im Menü Tools im Abschnitt Network weitere nützliche Werkzeuge zur Verfügung. So lässt sich etwa mit Servers (TFTP, FTP, HTTP) im Handumdrehen ein eigener FTP- oder HTTP-Server in der MobaXTerm-Umgebung starten (Abbildung 8). Damit nutzen Sie Ihren Windows-Rechner als Server und können z. B. einen Linux-PC als Client verwenden.

Abbildung 8: Rollentausch: MobaXterm kann auch mit einem Mausklick in die Rolle eines Web- der FTP-Servers schlüpfen.
Abbildung 9: Ganz nebenbei können Sie mit MobaXterm auch den Softwarebestand Ihren Windows-Rechnern ermitteln und das Tool zur Inventarisierung einsetzen.

Ein Klick auf List installed software im Bereich System die aktuell installierten Programme und Tools an; List Hardware Devices liefert eine Übersicht der vorhandenen Partitionen, Netzwerkgeräte usw. Ferner finden Sie unter Tools im Bereich Terminal-Games eine Reihe von Spielen zum Zeitvertreib, im Bereich Office einige nützliche System- und Office-Tools, wie den MobaTextEditor und den Bildbetrachter MobaPictureViewer sowie im Bereich Network unter anderem das Werkzeug List open network ports, mit dem Sie schnell die offenen Ports des Rechners aufspüren (Abbildung 10).

Abbildung 10: Sogar als Sicherheits-Checker leistet MobaXterm gute Dienste.

Fazit

MobaXTerm ist nicht nur ein X-Server für Windows, sondern hat sich zu einem Schweizermesser für alle Anwender entwickelt, die Windows- und Linux-Rechner im lokalen Netz verwenden und regelmäßig in beiden Welten zu Hause sind. Zwar könnten Sie vergleichbare Features auch mit Cygwin oder GOW, Putty und Psftp (Putty SFTP) erzielen, MobaXterm gefällt aber mit seiner hübschen Oberfläche und der Tatsache, alle wichtigen Werkzeuge unter einer gemeinsamen Oberfläche stecken.

Infos

[1] GOW-Artikel: Hans-Georg Eßer, "Linux-Shell für Windows", EasyLinux 01/2012, S. 60, http://www.linux-community.de/artikel/25120

[2] Cygwin: http://www.cygwin.com/

[3] MobaXterm: http://mobaxterm.mobatek.net/

[4] MobaXterm Personal Edition: http://mobaxterm.mobatek.net/download.html

[5] Download: http://mobaxterm.mobatek.net/download-home-edition.html

[6] MobaXterm-Plug-ins: http://mobaxterm.mobatek.net/plugins.html

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