Editorial

Öfter mal was Altes

Liebe Leserinnen und Leser,

Der Linux-Kernel, die grafischen Oberflächen und die Standardprogramme unter Linux erscheinen ständig in neuen Versionen. Das hat mit dem Entwicklungsmodell "Release early, release often" ("Veröffentliche früh und oft") [1] zu tun, das viele Open-Source-Projekte umsetzen. Es hat viele Vorteile, z. B. landen Fehlerkorrekturen und nützliche neue Funktionen so viel schneller beim Anwender, als wenn Software nur einmal im Jahr aktualisiert wird. Doch ein Großteil der Entwickler scheint die Aufgabe als "Mach alle paar Monate alles komplett anders" zu verstehen – ein Phänomen, das sich durch die ganze Softwarewelt (nicht nur unter Linux) zieht:

  • KDE 4 hat als Nachfolger von KDE 3 keinen Stein auf dem anderen gelassen, der Desktop hat technisch fast nichts mehr mit dem alten KDE zu tun, sieht anders aus und wird anders bedient.
  • Für Gnome 3 vs. Gnome 2 gilt das Gleiche, weswegen sich z. B. Linux Mint großer Beliebtheit erfreut, das Gnome-Freunden die Möglichkeit gibt, die alte Oberfläche weiter zu verwenden.
  • Ubuntu installiert jedem Anwender, auch dem mit 30-Zoll-Monitor, eine Oberfläche, die für Netbook-Displays optimiert ist.

Und bei den Anderen:

  • Mit Windows 8 kommt die Kachel-Oberfläche, die schon auf Windows-Smartphones für wenig Begeisterung sorgt, auf den PC. Dort sieht sie noch schlechter aus, gehört aber zwingend zu jeder künftigen Windows-Installation.
  • Nachdem Microsoft Office erst mit den vom Usability-Team erfundenen Ribbons (Menübändern) die alte Menü- und Symbolleistensteuerung auf den Kopf stellte, steht für 2013 schon wieder ein neues Bedienkonzept an, das besser zu Windows 8 passen soll.
  • Apple versucht, die Bedienung unter iOS (für iPhone, iPad & Co.) und Mac OS zu vereinheitlichen, empfiehlt Vollbild-Anwendungen und änderte kürzlich auf dem Mac die Richtung von Scrollgesten auf dem Touchpad.

Innovation ist ja wundervoll, aber ich hätte eigentlich am liebsten einen KDE-3-Desktop, bei dem die Oberfläche und alle Anwendungen durch jahrelange Verbesserungen komplett fehlerfrei und rasend schnell arbeiten. Wo die Tastenkombinationen, die ich irgendwann gelernt habe, alle funktionieren und die Menüpunkte sich in genau den Untermenüs verstecken, an denen ich sie schon vor zehn Jahren gefunden habe.

Clevere Software, die meinen Drucker am USB-Anschluss oder im Netzwerk besser erkennt, 3-D-Features neuer Grafikkarten ausreizt, im Office-Programm Word- und Excel-Dokumente vom Windows-Kollegen perfekt importiert, das Schneiden und Mischen von Videos in beliebigen Formaten erlaubt und vieles mehr: All das will ich haben, und zwar direkt, wenn es verfügbar wird – aber nicht um den Preis, dass sich schon wieder die Benutzung des Desktops komplett verändert.

Alles so bunt hier

Die ständig neuen Desktops scheinen mir immer "Guck mal, was ich alles kann" zuzurufen. Ich denke dann immer: "Toll, aber in den nächsten Wochen bin ich erst mal ausgebremst, bis ich verstanden habe, wie ich das alles benutzen kann." Auf meinem privaten Linux-PC läuft tatsächlich ein (leicht modernisiertes) KDE 3, das zwar Trinity [2,3] heißt, aber trotzdem im Kern KDE 3 ist. Es hat keinen schicken Desktop-Würfel-Effekt beim Wechsel der Arbeitsfläche, sondern zeigt beim Umschalten des Desktops einfach unspektakulär die neuen Fenster an, und das ziemlich schnell.

Dabei sind einige Features der neuen Desktops ja wirklich super praktisch, die Entwickler haben da viel Liebe und Kreativität reingesteckt – aber ist es nicht möglich, neue Funktionen in die alten Oberflächen zu integrieren?

Wenn sich ständig alles ändert, ist es kein Wunder, dass viele Anwender die Installation neuer Betriebssystem- oder Software-Versionen verweigern, auch wenn sie damit auf sinnvolle neue Funktionen verzichten müssen. Wer normale Benutzer im Blick hat, sollte deren mühsam erworbene Kenntnisse nicht regelmäßig durch komplette Umstellungen wertlos machen. Nur was einen extremen Mehrwert bietet, darf ganz anders funktionieren, darum sind ja die intuitiv zu bedienenden Smartphones mit Android und iOS so populär. Meinen PC will ich trotzdem nicht wie ein Handy bedienen.

Wie sehen Sie das? Wenn Sie in der aktuellsten Inkarnation des Programms "Startmenü" das Mailprogramm finden, schreiben Sie uns doch mal eine E-Mail zu diesem Thema: redaktion@easylinux.de.

Hans-Georg Eßer

Chefredakteur

Infos

[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Release_early,_release_often

[2] Trinity: http://www.trinitydesktop.org/ (Webseite bei Redaktionsschluss nicht erreichbar)

[3] Hans-Georg Eßer, "Trinity bringt KDE 3 zurück", EasyLinux 01/2012, S. 62

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    Liebe Leserinnen und Leser,

    neuerdings ist alles Open Source: Microsofts Editor "Visual Studio Code" für Programmierer (siehe Nachricht auf Seite 11) [1] und Apples Programmiersprache Swift [2] sind gerade zu einer Open-Source-Lizenz gewechselt. Viele Softwareentwickler, die bisher ihre Softwarequellen als Geschäftsgeheimnisse geschützt haben, hoffen nun auf eine Mitarbeit der Community – zumindest bei einzelnen Projekten. Bis wir den kompletten Quellcode von Windows oder OS X bekommen (und ändern dürfen), wird wohl noch ein wenig Zeit vergehen. Bis dahin erfreuen wir uns einfach an der neuen Harmonie, die z. B. zwischen Microsoft und der Linux-Welt herrscht, so etwa bei der neuen Zertifizierung "MCSA: Linux on Azure" [3], die Administratoren erwerben können, wenn sie zwei Prüfungen bestehen – eine bei Microsoft und eine bei der Linux Foundation.
  • 25 Jahre Linux
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