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Editorial

13.10.2011

Liebe Leserinnen und Leser,

neulich erinnerte mich eine Diskussion auf Google Plus daran, dass viele Hersteller von Linux-basierten Produkten verschweigen, dass ihre Geräte oder Programme Linux nutzen. Wer jetzt an DSL-Router und ähnliche Geräte denkt, liegt richtig, aber es gibt noch merkwürdigere Beispiele:

  • Auf der Ubuntu-Homepage [1] lese ich (in englischer Version): "Ubuntu ist ein schnelles, sicheres und leicht zu benutzendes Betriebssystem, das Millionen Anwender auf der ganzen Welt nutzen." Aha, Ubuntu ist also ein Betriebssystem – ich dachte immer, es wäre eine Linux-Distribution. Haben die Ubuntu-Entwickler den Linux-Kernel klammheimlich durch einen Ubuntu-Kernel ersetzt? Auf der Startseite findet sich das Wort "Linux" nirgends, und auch die ersten Klicks zu weiterer Dokumentation lassen den Namen nicht auftauchen. Erst auf der Seite About Ubuntu -- The Ubuntu Story steht dann etwas über das Projektziel, einen "easy to use Linux desktop, Ubuntu".
  • Viele Handys und Tablet-Computer arbeiten heute mit Android. Das ist auch ein Linux-basiertes System, was aber meist verschwiegen wird. Auch hier [2] heißt es nur: "Android ist ein Open-Source-Software-Stack für Mobiltelefone und andere Geräte."
  • Die populären FritzBox-Geräte von AVM und viele andere DSL- oder WLAN-Router setzen Linux als Betriebssystem ein [3]; die Hersteller sprechen aber immer nur ohne Linux-Bezug von ihrer Geräte-Firmware.

Das führt dazu, dass viele Menschen Linux auf die eine oder andere Weise verwenden und das gar nicht wissen. Was ja nicht weiter tragisch wäre, aber so hält sich das alte Vorurteil am Leben, dass Linux keine wesentliche Verbreitung hätte und nur für Bastler interessant wäre. Während mich jeder Aldi-, Lidl- oder sonstige Discounter-Prospekt für 400-Euro-PCs schreiend darüber informiert, dass hier Windows an Bord ist, üben sich Anbieter von Linux-Produkten in dezenter Zurückhaltung. Da würde ich mir doch etwas mehr Deutlichkeit wünschen. Man kann und soll ruhig mal sagen, was heute alles dank Linux möglich ist: dass z. B. jeder Windows-Anwender beim Googeln die Linux-Server von Google nutzt. Dass Linux bei Handys und Tablets (in Form von Android) die einzige interessante – und erfolgreich etablierte – Alternative zu Apples iOS-Geräten ist. Dass Firefox, Thunderbird, LibreOffice und zahlreiche andere große Anwendungen ihren Siegeszug in der Linux-Welt begonnen haben. Und dass Linux wirklich leistungsfähig und anwenderfreundlich ist, auch auf dem Desktop.

Vor einigen Jahren gab es regelmäßig Diskussionen, ob man "Linux" sagen darf oder ob es fairerweise (wie bei Debian) "GNU/Linux" heißen muss, um die Leistungen des GNU-Teams mit zu würdigen – eine berechtigte Diskussion. Dass heute bei vielen Linux-Produkten die wesentlichste Komponente ganz wegfällt, zeugt je nach Lesart von unbegründeter Scham ("Wir wollen niemanden mit dem Wort Linux verschrecken.") oder Frechheit ("Das haben wir alles selbst gemacht.").

Neulich startete die erste Harald-Schmidt-Sendung nach der Sommerpause mit dem Werbe-Slogan: "Die Harald-Schmidt-Show wird präsentiert von Windows 7" – naja, und auf meinem Videorekorder, der sie dank Auto-Timer automatisch aufgenommen hat, läuft Linux (mit VDR [4]). Wenn Sie demnächst einen Bekannten treffen, der mit einem schicken neuen Android-Handy telefoniert, sprechen Sie ihn doch mal darauf an, dass er Linux-Anwender ist.

Hans-Georg Eßer

Chefredakteur

Infos

[1] Ubuntu: http://ubuntu.com/

[2] Android, About-Seite: http://source.android.com/about/

[3] FritzBox: http://de.wikipedia.org/wiki/FRITZ!Box

[4] LinVDR: http://www.vdr-wiki.de/

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