Mandriva, das ältere Linux-Anwender auch noch unter dem Namen Mandrake kennen, hat sich im September in zwei separate Distributionen aufgespalten. Das Entwicklerteam des Mandriva-Forks hat dem neuen System den Namen Mageia gegeben: Der Begriff bedeutet "Zauberei" oder "zauberhaft" und steht damit in guter Mandrake-Tradition – Mandrake heißt der Zauberer in einem Comic-Strip, den es seit den 30er Jahren gibt. Die erste Release, Mageia 1, ist seit kurzem erhältlich, und Sie finden sie auch auf der Heft-DVD.

Mageia bietet im Downloadbereich [2] eine Auswahl von CD- und DVD-Images an, mit denen Sie das System testen oder installieren können; es gibt 32- und 64-Bit-Versionen – EasyLinux-typisch besprechen wir aber nur die 32-Bit-Varianten und empfehlen die 64-Bit-Version nur fortgeschrittenen Anwendern.

Interessant ist die Nutzung der Live-CDs (die es als KDE- und Gnome-Varianten gibt), denn diese enthalten – anders als die DVDs – bereits die proprietären Grafikkartentreiber von Nvidia und ATI/AMD. Sie erlauben auch den direkten Start der Installation (wie bei den DVDs) oder alternativ eine Installation aus dem laufenden Live-System heraus.

Software-Auswahl

Die angebotenen Softwarepakete von Mageia sind aktuell: KDE 4.6.3, Gnome 2.32.1 und LXDE 1.0 können Sie bereits bei der Installation auswählen, Xfce 4.8.1 und aktuelle Versionen einfacher Windowmanager stehen für die nachträgliche Einrichtung in den Online-Repositories zur Verfügung. Gnome 3 gibt es hingegen für die erste Mageia-Release noch nicht. Die Kernel-Version ist 2.6.38.7.

In der Detailauswahl der Pakete gibt es noch erhebliche Lücken. Vor allem Desktop-Themes und Icon-Sammlungen, aber auch ganze Gruppen von Anwendungen, die bei Mandriva zum Standard gehören, sind unter Mageia noch nicht verfügbar.

Installation und Einrichtung

Wer die Mandriva-Installationsroutine kennt, fühlt sich gleich heimisch: Von optischen Anpassungen abgesehen läuft die Installation identisch ab. Sie ist übersichtlich und klar gegliedert, die einzelnen Abschnitte bauen logisch aufeinander auf. Haben Sie beim Booten der CD oder DVD mit [F2] die Sprache auf Deutsch umgestellt, ist die Benutzerführung überwiegend deutschsprachig, nur an wenigen Stellen, wie z. B. in der erweiterten Paketauswahl, sind ein paar englische Sprachkenntnisse erforderlich. Eine weitgehend automatisierte Installation ist ebenso möglich wie eine in vielen Details benutzergesteuerte Auswahl und Einrichtung.

Nach dem Laden des Installationssystems von der DVD, der Bestätigung der Sprach- und Tastaturauswahl und dem Akzeptieren der Lizenzbedingungen folgt die Partitionierung. Die kann der Mageia-Installer auf Wunsch vollautomatisch durchführen und erzeugt dann drei Partitionen für das Root-Verzeichnis (/), den Swap und die Home-Verzeichnisse. Bei der Aufteilung berücksichtigt das Programm die Plattengröße. Wollen Sie selbst festlegen, wie viel Platz die Partitionen erhalten, können Sie an dieser Stelle über den Punkt Benutzerdefinierte Partitionierung Ihre Vorstellungen umsetzen. Auch verschlüsselte Partitionen können Sie hier anlegen. Im Anschluss erzeugt der Installer – nach einer Sicherheitsabfrage – die Partitionen und formatiert sie.

Bereits installierte Windows-Systeme erkennt der Installer und bindet sie in das Bootmenü ein. Außerdem ist später vom laufenden System aus auch der Zugriff auf die NTFS-formatierte Windows-Partition möglich.

Abbildung 1: Mageia kann die Platte automatisch partitionieren, alternativ legen Sie Partitionen manuell an.

Weiter geht es mit der Auswahl der Desktop-Umgebung: Hier stehen KDE und Gnome zur Wahl. Entscheiden Sie sich für eine dieser Umgebungen, können Sie die von Mageia getroffene Vorauswahl der Pakete übernehmen, sie ist zurückhaltend und bietet alles, was für eine arbeitsbereite Desktopumgebung notwendig ist.

Über Benutzerdefiniert und individuelle Paketauswahl eröffnen sich erweiterte Möglichkeiten, das System fein abgestimmt zusammenzustellen. Hier können Sie auch den schlanken Desktop LXDE auswählen. Für "Vielinstallierer" ist das Angebot interessant, eine individuelle Paketauswahl für spätere Installationen auf anderen PCs zu speichern, wahlweise auf einem USB-Stick oder (falls Sie noch Diskettenlaufwerke haben) auf einer Diskette. Ein Stick sollte allerdings schon beim Start der Installation angeschlossen sein, damit Mageia ihn bei der Partitionierung erkennt.

Die Installation läuft zügig ab: Je nach Auswahl der Arbeitsumgebung und der individuell gewählten Pakete ist Mageia mit LXDE in 15 bis 20 Minuten, mit KDE oder Gnome in 25 bis 30 Minuten installiert. Im folgenden Schritt setzen Sie das Root-Passwort und legen einen ersten Benutzer an. Über die fortgeschrittenen Optionen können Sie einen Gastzugang einrichten. Es folgt die Auswahl der Monitorauflösung, danach erscheint eine Übersicht aller Installationseinstellungen, in der Sie auch noch Korrekturen vornehmen können; hier können Sie u. a. festlegen, welche Systemdienste automatisch starten sollen. Praktisch ist an dieser Stelle die bei vielen anderen Distributionen weggefallene Option, die Einstellungen des X-Servers für das grafische System zu prüfen und bei Bedarf auch zu ändern.

Abbildung 2: Der Installer gibt einen Überblick über die Systemkonfiguration.

Im letzten Schritt können Sie auf den Spiegelservern nach Aktualisierungen suchen und diese direkt einspielen. Die Installation schließt mit dem automatischen Auswerfen der DVD und der Aufforderung zu einem Neustart des frisch installierten Mageia-Systemes ab.

Im Kasten Upgrade von Mandriva 2010.2 beschreiben wir eine Alternative zur Installation: Der Installer kann auch ein bestehendes Mandriva-System auf Mageia 1 upgraden.

Upgrade von Mandriva 2010.2

Der Mageia-Installer kann ein Mandriva-System auf Mageia 1 aktualisieren. Wir haben diese Funktion in mehreren Szenarien getestet, einmal mit einem frisch installierten Mandriva 2010.2 mit Xfce (in einer virtuellen Maschine) und einmal mit einem über Jahre regelmäßig aktualisierten Mandriva-System, das ursprünglich mit Version 2008.0 eingerichtet wurde.

Das Online-Upgrade in der virtuellen Maschine lief in knapp zwei Stunden durch und führte im Wesentlichen zu einem sauberen und fehlerfreien Mageia-System; ein Upgrade mit Hilfe der Installations-DVD war ca. zehn Minuten schneller.

Nach Abschluss des Upgrades zeigt der Installer eine größere Anzahl Pakete an, die "Waisen" (englisch: orphans) sind, und schlägt vor, diese mit dem Befehl urpme --auto-orphans zu entfernen. Dies sollte man sich unbedingt Paket für Paket anschauen. (Als Waisen bezeichnet die Mandriva-/Mageia-Paketverwaltung Pakete, die ursprünglich als Abhängigkeit von einem anderen Paket mitinstalliert wurden und jetzt nicht mehr benötigt werden.)

Auf dem Testrechner lief nach dem Entfernen dieser Waisen und dem anschließenden Neustart die grafische Oberfläche nicht mehr, weil Mageia hier auch einen benötigten Nvidia-Treiber entfernte.

Einige Anwendungen, wie z. B. Evolution, nutzen in einer Neuinstallation andere Vorgabepfade für die Ablage ihrer Arbeitsdateien. Beim Upgrade werden die alten Einstellungen allerdings übernommen und fehlerfrei weiter genutzt.

Der Upgrade-Versuch hinterließ einen guten Eindruck. Mandriva-Anwender sollten sich aber trotzdem überlegen, ob sie diesen Weg beschreiten wollen. Der Zeitaufwand für das Upgrade und die notwendigen Nacharbeiten ist viel größer als bei einer Neuinstallation.

Erster Start und Nacharbeiten

Nach dem Neustart präsentiert sich Mageia nüchtern und aufgeräumt. Für die weitere Einrichtung steht das Kontrollzentrum MCC zur Verfügung, das dieselben Funktionen wie das entsprechende Mandriva-Programm bietet. Aus einer Shell heraus rufen Sie das Kontrollzentrum mit mcc auf, in der Startleiste findet sich aber auch ein Icon für den schnellen Start.

Als Erstes sollten die Online-Paketquellen eingerichtet werden. Über die Punkte Software verwalten und Paketquellen für Installation und Aktualisierung einrichten gelangen Sie in einen entsprechenden Dialog, der bisher nur das Installationsmedium anzeigt. Sie können wahlweise nur Update-Quellen oder die kompletten Paketquellen einrichten. Empfehlenswert ist die zweite Variante bei gleichzeitiger Deaktivierung der Installations-DVD, wenn Sie über einen ständigen Internetzugang verfügen.

Repositories

Die Repositories gliedern sich in core-release, core-backports und core-updates sowie sechs weitere Zweige mit den Namen nonfree-* und tainted-* statt core-*. Die *-release-Repos enthalten die Stammpakete der Distribution. Backports sind Rückportierungen aus dem Entwicklerzweig. In *-updates fließen die laufenden Aktualisierungen ein. In nonfree-* finden Sie Pakete, die nicht unter einer freien Lizenz stehen, wie z. B. Firmwarepakete für WLAN-Chips. Die tainted-*-Repos enthalten Pakete, die in einigen Ländern Patente verletzen könnten – diese Repos müssen Sie zunächst manuell aktivieren, wenn Sie Pakete daraus installieren möchten. Über das Kontrollzentrum können Sie im Bereich Softwareverwaltung Repositories jederzeit entfernen, verändern oder neu einrichten.

Abbildung 3: Paketquellen sind im MCC leicht einzurichten.

Für die Paketverwaltung nutzen Sie entweder das Kommandozeilentool urpmi oder das grafische Frontend RPMDrake; beide Varianten funktionieren wie bei Mandriva. RPMDrake sortiert die Pakete in sinnvolle Gruppen und bietet auch eine Suchfunktion, die allerdings nicht die Paketbeschreibungen durchsuchen kann, sondern nur Pakete findet, bei denen ein Treffer im Paketnamen vorkommt – da waren ältere RPMDrake-Versionen besser.

Abbildung 4: RPMDrake ist die Softwareverwaltung von Mageia.

Hardware

Mageia bootet auch auf älterer Hardware (einem Laptop mit Centrino-Prozessor und 1,5 GByte RAM) sehr schnell und arbeitet stets flüssig. Die Hardwareerkennung ist ausgereift, funktioniert sicher und erfordert nur an wenigen Stellen Nacharbeiten. Bei unseren Tests mit mehreren Notebooks fiel ein Umstand besonders auf: Im Vergleich zu älteren Linux-Installationen hat Mageia 1 eine deutlich bessere Energieverwaltung. Mit dem aktuellen Kernel 2.6.38 liefen die Testgeräte bis zu 10 % länger mit einer Akkuladung.

Bei einem aktuellen Acer-Subnotebook mit 1366x768 Pixeln erkannte Mageia nicht die richtige Auflösung; eine manuelle Auswahl im Kontrollzentrum konnte dieses Problem aber beheben. Auf diesem Rechner gab es auch Probleme mit den Suspend-Modi: Ruhezustand und Tiefschlaf (und das Wiederaufwachen) funktionierten zwar, aber das WLAN lief danach nicht mehr und ließ sich nur über einen Neustart reaktivieren.

KDE 4 bei Mageia

Eine Standardinstallation bringt KDE 4.6.3 und eine Reihe beliebter Anwendungen auf die Platte, darunter das neue Libre Office, Gimp, VirtualBox und auch einige Spiele. Nicht vorinstalliert ist der Videoplayer Kaffeine. Die Arbeitsfläche selbst präsentiert sich sachlich und aufgeräumt.

Mageia hat sich bei KDE für das traditionelle K-Menü entschieden (Abbildung 5), aber auch das neue KDE-Menü ist verfügbar. Insgesamt macht KDE 4 bei Mageia, wie auch schon bei Mandriva, einen ausgereiften und gut benutzbaren Eindruck. Alle Multimedia-Anwendungen laufen problemlos.

Abbildung 5: KDE verwendet unter Mageia standardmäßig das klassische Menü.

Fazit

Das Mageia-Team hat eine Menge richtig gemacht und man merkt, dass dort Menschen mitarbeiten, die Mandriva kennen und schätzen und die Distribution in bewährter Form weiterpflegen wollen. So haben die Mageia-Entwickler gut daran getan, erst einmal die nötige Infrastruktur – Website, Mailing-Listen, Build-Server, usw. – aufzubauen und die von Mandriva bekannten Konfigurationswerkzeuge beizubehalten, um schnell eine erste Version von Mageia zu veröffentlichen. Besonders viel Energie ist bei der ersten Version in die Hardware-Unterstützung und die Bestückung der Software-Repositories geflossen. Während ersteres ausgesprochen gut gelungen ist, lässt die Software-Auswahl noch zu wünschen übrig und reicht an die von Mandriva nicht heran.

Das gewohnte Look & Feel sorgt dafür, dass sich Nutzer, die Mandriva bereits kennen, unter Mageia gleich zu Hause fühlen. Linux-Neulinge werden an Mageia die grafischen Konfigurationswerkzeuge schätzen, alte Linux-Hasen die Freiheit, auch selbst auf der Kommandozeile Hand anlegen zu dürfen, ohne dass das die grafischen Tools durcheinander bringt.

Damit Mageia sich einen festen Platz in der Distributionslandschaft sichert, sollten die Entwickler sich jedoch von einer "Mandriva-Tugend" verabschieden, die sie immer noch pflegen: Es gab in jeder Version diverse Schlampereien, die von Schönheitsfehlern bis zu "Showstoppern" reichten und neuen Benutzern nachträglich den Spaß verderben konnten. Ein Beispiel dafür ist in Mageia etwa die Paketsuche im grafischen Frontend, die nur die Namen, nicht aber die Paketbeschreibungen durchforstet.

Für ehemalige Mandriva-Nutzer präsentiert sich Mageia als echte Alternative und auch Nutzer, die vor allem Wert auf gute Hardware-Unterstützung und Treiberversorgung legen, sind bei dem Newcomer richtig. Wer allerdings nach der größtmöglichen Software-Auswahl sucht und auch eher exotische Programme einsetzt, ist – noch – mit Ubuntu oder OpenSuse besser bedient.

Infos

[1] Mageia: http://mageia.org/de/

[2] Download: http://mageia.org/de/downloads/

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Kommentare
Korrekturen
Thorsten van Lil, Mittwoch, 22. Juni 2011 09:37:40
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Mageia 1 hat nicht den Codename "COULDRON".
Zum einen müsste ich "Cauldron" heißen und zum anderen ist es nicht der Codename des Release sondern schlicht der Name für die Entwicklungsversion von Mageia. Was für Mandriva Cooker war oder Rawhide für Fedora ist eben Cauldron (also der Hexenkessel) für Mageia.

Viele Grüße,
TeaAge


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Re: Korrekturen
wobo (unangemeldet), Mittwoch, 22. Juni 2011 10:35:53
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Es würde mich auch interessieren, wie die Autoren zu der Meinung kommen, dass die 64-Bit-Installation den fortgeschritteneren Benutzern vorbehalten bleiben sollte. Sowohl die Installation des Systems als auch der Umfang der angebotenen Software ist bei der 64-Bit-DVD zu 100% mit der 32-Bit-DVD identisch.






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Re: Korrekturen
Wolfgang Völker, Mittwoch, 22. Juni 2011 14:32:34
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Das mit der 64 bit Version stimmt. Die wurde auch von mir angetestet. Der Artikel ist für EasyLinux geschrieben und die die Chefredaktion besteht auf der ausschließlichen Erwähnung von 32bit Versionen. Daher kommt das.


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