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© Benjamin Kirk, Fotolia

Auf der Netbook-Welle

KDE für Netbooks: Plasma Netbook

20.12.2010
Die Welt der elektronischen Geräte wird mobiler, die Bildschirme schrumpfen. KDE reagiert darauf mit Plasma Netbook – einer eigenen grafischen Oberfläche für kleine Displays. Wir nehmen diese unter die Lupe.

In einem Interview mit der österreichischen Zeitschrift "Der Standard" [1] sprach der KDE-Entwickler Sebastian Kügler über die Zukunft des Desktops. Der "Ausbruch aus dem bisherigen Desktop-Paradigma ist ganz wichtig", war dort zu lesen, wobei Kügler explizit auf KDEs Desktop für Netbooks verwies. Der kleine Bruder des traditionellen KDE-Desktops soll – so jedenfalls die Idee – Netbooks und andere Geräte mit kleinen Displays erobern und so für Linux eine neue Generation von Geräten erschließen.

Plasma Netbook ist dabei keine Zukunftsvision – der Desktop existiert bereits seit einiger Zeit (Abbildung 1), erhält nun aber mehr Aufmerksamkeit. Kubuntu bringt ihn automatisch auf Ihren Rechner, wenn der Installer bemerkt, dass Sie ein Netbook oder einen Desktoprechner mit einem kleinen Display verwenden. OpenSuse 11.3 hat die Netbook-Variante optional an Bord, Sie müssen diese gezielt aktivieren. Von OpenSuse 11.2 gab es Anfang 2010 lediglich eine eigenständige Netbook-Variante, die auf der Distribution basierte [2].

Abbildung 1: Plasma Netbook hat eine einfach zu bedienende Oberfläche und dehnt die Fenster der geöffneten Anwendungen automatisch in den Vollbildmodus aus.

Benutzen Sie bislang den "gewöhnlichen" Desktop, aktivieren Sie Plasma Netbook unter Kubuntu 10.10, indem Sie in den Systemeinstellungen auf den Eintrag Arbeitsbereich und dann im Aufklappmenü neben Arbeitsflächentyp auf Netbook klicken (Abbildung 2). Unter OpenSuse 11.3 erreichen Sie das Aufklappmenü zur Netbook-Oberfläche auch über die Systemeinstellungen, wo Sie Arbeitsfläche / Arbeitsbereich auswählen.

Abbildung 2: Über die "Systemeinstellungen" verwandeln Sie KDE unter Kubuntu 10.10 und OpenSuse 11.3 in einen Desktop für mobile Geräte.

Das baut den Desktop in die Netbook-Variante um, vor der Sie nach ein paar Sekunden sitzen. Die "Search-and-Launch"-Oberfläche (SAL) – auf Deutsch "Suchen und Ausführen" – ist das Nervenzentrum des Desktops. Wie der Name schon andeutet, fahnden Sie hier über die zentrale Suchleiste nach einem benötigten Programm, um dieses auch gleich zu starten. Noch während Sie tippen, tauchen die zugehörigen Start-Icons im unteren Bereich auf. Das wird mitunter zu viel: Klicken Sie unter OpenSuse 11.3 zum Beispiel auf System, reihen sich an die 100 Icons aneinander. Über den Button Zurück gelangen Sie wieder in das Übersichtsfenster.

Alternativ navigieren Sie mit Hilfe der auf dem Desktop vorhandenen Kategorien Multimedia, Internet, Grafik usw. zur gesuchten Anwendung. Für Ihre favorisierten Programme legen Sie zudem im Bereich oberhalb der Eingabezeile eigene Icons an. Dazu ziehen Sie diese vom unteren Bereich per Drag & Drop auf die freie Fläche unter der Menüleiste. Sie können diese Fläche auch mit Miniprogrammen bestücken: Die zeigen die aktuelle Uhrzeit, Bilder, einen Taschenrechner und eine Menge anderer Dinge an (Abbildung 3).

Abbildung 3: Sie erweitern die grafische Oberfläche schnell mit Miniprogrammen, die zahlreiche nützliche – und einige eher unterhaltsame – Funktionen erfüllen.

Um Platz zu sparen, startet Plasma Netbook die Programme im Vollbildmodus. (Ausnahmen bilden einige wenige Anwendungen, darunter auch OpenOffice.) Nach dem Programmstart klappt die Menüleiste des Desktops ein, und Sie sehen – ähnlich wie bei Apples Betriebssystem – nur die Menüs der einzelnen Programme am oberen Bildschirmrand. Erst wenn Sie die Maus dorthin bewegen, taucht die KDE-Leiste wieder auf.

Wollen Sie zwischen verschiedenen Programmen hin und her wechseln, drücken Sie [Alt]+[Tab]. Alternativ benutzen Sie die Schaltfläche Laufende Programme oben rechts in der KDE-Menüleiste und wählen aus der angezeigten Liste das gewünschte Programm.

Da die Fensterdekorationen fehlen, ist es nicht so einfach, ein Programm im Vollbildmodus wieder zu schließen. Sie gehen entweder den Weg über einen passenden Menüeintrag wie Datei / Beenden, oder Sie berühren mit dem Mauszeiger den oberen Bildschirmrand. Das zerrt die Menüleiste auf die Arbeitsfläche, in der rechts oben ein Kreuz erscheint, wie Sie es von den üblichen Fensterdekorationen kennen. Ein Klick auf dieses Kreuzchen schließt die zugehörige Anwendung. Unter OpenSuse 11.3 tauchte im Test das Kreuzchen zwar nicht auf, ein Mausklick auf die leere Fläche am selben Ort auf der Leiste bewirkte aber dasselbe Verhalten. Offensichtlich handelt es sich um einen Grafikfehler, der auch dafür sorgt, dass OpenSuses Version von Plasma Netbook Eingabezeilen nicht anzeigt. Um den Netbook-Desktop zu verlassen, sich neu anzumelden oder den Rechner auszuschalten, klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Desktop und wählen aus dem Kontextmenü Verlassen. Das ruft ein Fenster auf den Plan, über das Sie wahlweise KDE oder das ganze System beenden.

Auf Seite 1

Ein weiterer rätselhafter Eintrag nennt sich Seite 1. Klicken Sie auf ihn, wechseln Sie auf eine andere Oberfläche, die eine Reihe von vordefinierten Widgets anzeigt (Abbildung 4). Dazu gehören ein News-Fenster, das RSS-Feeds mit Neuigkeiten zu KDE anzeigt. Über einen Rechtsklick auf den Titel des Fensters und die Auswahl von Einstellungen für "News" richten Sie hier neue und zusätzliche RSS-Feeds ein. Darunter stoßen Sie auf einen Bereich, der einen Wetterbericht anzeigt – auch diesen Bereich konfigurieren Sie mit einem Rechtsklick auf den Titel. Rechts oben erscheint ein Widget namens Gemeinschaft. Das zeigt üblicherweise Benutzer an, die sich in der Nähe Ihres aktuellen Standorts befinden. Falls Sie der Nutzung dieser Funktion (ausdrücklich!) zustimmen, erkennt KDE an Ihrer IP-Adresse, an welchem Ort Sie selbst sich gerade befinden. Um den Service zu nutzen, brauchen Sie zudem einen Zugang für opendesktop.org. Im Test funktionierte das Programm weder unter OpenSuse 11.3 noch unter Kubuntu 10.10.

Abbildung 4: Die "Seite 1" versammelt zahlreiche Web-2.0-Widgets, über die Sie RSS-Feeds und den Wetterbericht lesen sowie Zugang zu einer Online-Wissensdatenbank erhalten.

Die Seite 1 soll so etwas wie die Informationszentrale des Desktops sein. Hier laufen die Neuigkeiten aus aller Welt zusammen. Welche das genau sind, bestimmen Sie selbst. Sie konfigurieren die Inhalte der Seite über die so genannte gelbe Bohne, die Sie unten links am Bildschirmrand vorfinden. Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf das Symbol, fährt daneben eine Konfigurationszeile heraus, über die Sie der Oberfläche Miniprogramme hinzufügen (OpenSuse 11.3 und Kubuntu 10.10), Suchen und Ausführen einrichten (OpenSuse 11.3 und Kubuntu 10.10) oder Anwendungen hinzufügen (Kubuntu 10.10). Der letzte Eintrag ermöglicht es Ihnen, die vorgefertigten Kategorien unter Suchen und Ausführen um weitere Anwendungen zu ergänzen. Sie erweitern so z. B. den Grafikbereich um einen Eintrag für Gimp oder ein anderes Programm, von dem Sie glauben, dass es dorthin gehört.

Zudem lässt Sie ein Klick auf die gelbe Bohne über Seite hinzufügen weitere solcher Arbeitsflächen anlegen. Ebenso löschen und ergänzen Sie Seiten und passen deren voreingestellte Inhalte den eigenen Bedürfnissen an. Haben Sie z. B. auf Seite 1 alle Kommunikationstools im Blick, versammeln Sie Ihre komplette Bildbearbeitungssoftware auf Seite 2. Über eigene Hintergrundbilder, verschiedene Namen und spezielle Sets von Anwendungen individualisieren Sie diese und weitere Seiten und basteln sich so einen aktivitätsorientierten Desktop.

Fazit

Plasma Netbook geht sicher in die richtige Richtung, kämpft aber noch mit einigen Kinderkrankheiten. Klar ist, dass Sie einen funktionierenden 3-D-Treiber benötigen, um den Desktop vernünftig zu nutzen, andernfalls vollziehen sich die Fensterwechsel und Bewegungen sowie einige Anwendungsstarts mitunter quälend langsam. Einige kleine Fehler trüben den Einsatz des Desktops ebenfalls noch: Dazu gehören falsch erkannte Bildschirmauflösungen, Darstellungsfehler bei der Anzeige von Icons und Menüs, die sich aber möglicherweise auch auf den Grafikkartentreiber zurückführen lassen. Insgesamt wirkte die Netbook-Version von Kubuntu etwas ausgereifter als die von OpenSuse – sowohl ästhetisch als auch funktional. Die Idee, Seiten anzulegen, die bestimmte Aktivitäten bündeln, leuchtet ein und erleichtert den Umgang mit dem Desktop.

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