Ein neues Produkt braucht einen neuen Namen. Um den zahlreichen Änderungen in KDE 4.4 Rechnung zu tragen, heißt KDE von nun an nicht einfach KDE, sondern KDE Software Compilation (KDE SC) [1]. Der Name KDE soll hingegen für die Gemeinschaft stehen, die die einzelnen KDE-Programme bilden. Die Software-Zusammenstellung gibt es zudem von nun an in zwei Varianten:
- Plasma Desktop steht für den gewöhnlichen KDE-Desktop mit der Kontrollleiste am unteren Bildschirmrand.
- Plasma Netbook heißt die auf Netbooks zugeschnittene KDE-Variante, die auf kleinere Bildschirme optimiert ist und zahlreiche Internetdienste einbindet.
Neben diesen zwei relativ oberflächlichen Änderungen hat sich bei KDE 4.4 unter der Haube und bei den einzelnen Anwendungen sehr viel getan. Dieser Artikel stellt die wichtigsten Neuerungen anhand der aktuellen Version 4.4.1 vor. Welche neuen Programme die Software Compilation 4.4 mitbringt, lesen Sie im Kasten "Neuzugänge".
Neuzugänge
KDE SC 4.4 wartet auch mit ein paar neuen Programmen auf. Blogger dürfen sich über den ehemals unter dem Namen Bilbo bekannte Blogger-Client Blogilo freuen. Das Tool unterstützt neben Wordpress und Blogspot auch zahlreiche weitere Blog-Systeme. Das Setup erfolgt in vielen Fällen komplett automatisch über die Adresse, den Benutzernamen und das zugehörige Kennwort. Die Software kommt mit beliebig vielen Blog-Accounts zurecht. Über das Offline-Feature lassen sich Einträge zu jeder Zeit schreiben und dann später online stellen. Auch das lokale Speichern eines bereits veröffentlichten Beitrags stellt dank Blogilo kein Problem dar.
Wer sich intensiver mit Mathematik beschäftigt, den unterstützen die zwei Kdeedu-Programme Cantor und Rocs. Mit dem Matheprogramm Cantor erstellen Sie einfache bis komplexe Arbeitsblätter. Rocs nennt sich selbst ein "Graph Theory Viewer Tool". Mit der Anwendung lassen sich einfache Diagramme zeichnen und über eine Javascript-ähnliche Programmiersprache (Qt Script) steuern. Rocs zu bedienen, ist alles andere als intuitiv – der angesprochenen Nutzergruppe (Professoren und Studenten) hilft ein kurzes Handbuch beim Einstieg.
Auch für Spielefans hält KDE SC 4.4 einen Leckerbissen bereit: Palapeli. Mit dem virtuellen Puzzletisch erstellen Sie neben den bereits vorhandenen Puzzles auch eigene, die Zahl der Teile dürfen Sie dabei frei wählen (Abbildung 9). Das Programm merkt sich den Fortschritt beim Zusammensetzen automatisch. So können Sie parallel auch an mehreren Rätseln arbeiten oder neue Puzzles erstellen.
Obwohl nicht prinzipiell neu, kann man auch das KDE-Adressbuch zu den Neulingen zählen. Die KDE-Entwickler haben es für Version 4.4 praktisch von Grund auf neu programmiert, so dass es die Adressen jetzt im KDE-Datenbank-Framework Akonadi speichert. Ebenfalls neu ist das Rechte-Framework KAuth, welches sich um Einstellungen und Programme kümmert, für die Administratorrechte benötigt werden. Sie erkennen das neue Tool daran, dass auf einem OK-Button anstelle des grünen Hakens ein Schlüssel erscheint.
Auf den ersten Blick
Wer EasyLinux regelmäßig liest, hat die Anweisung "drücken Sie [Alt]+[F2] und geben Sie den Befehl xyz ein" bestimmt schon zahlreiche Male gesehen. Während frühere KDE-Versionen den so genannten Schnellstarter in der Mitte des Bildschirms anzeigten, öffnet sich nun über die Tastenkombination [Alt]+[F2] ein Eingabefenster von oben herab (Abbildung 1).
Möchten Sie diese Einstellung ändern, um den Schnellstarter wieder in der Bildschirmmitte zu haben, dann klicken Sie auf das Schraubenschlüssel-Symbol ganz links, wechseln zum Reiter Benutzerschnittstelle und markieren die Checkbox Frei schwebendes Fenster.
Eine weitere Änderung, die auf den ersten Blick auffällt, ist das deutlich vergrößerte und stark überarbeitete Plasma-Menü in der oberen rechten Bildschirmecke. Hier finden Sie drei Einträge, mit denen Sie den Desktop um zusätzliche Aktivitäten (mehr dazu weiter unten), Kontrollleisten und Miniprogramme erweitern. Wählen Sie aus dem Plasma-Menü Miniprogramme hinzufügen aus, erscheint am unteren Bildschirmrand eine Auswahlliste sämtlicher Miniprogramme (auch Plasmoiden genannt). Die älteren KDE-Versionen zeigten diesen Dialog noch in der Bildschirmmitte an. Der neue Dialog (Abbildung 2) zeigt in der Grundeinstellung eine Übersicht aller Miniprogramme an, in der Sie per Scrollrad oder mit den Pfeilen auf der linken und rechten Seite das gewünschte aussuchen.
Die Bedienung unterscheidet sich nicht wesentlich vom Vorgänger: Wissen Sie bereits, welches Miniprogramm Sie hinzufügen möchten (zum Beispiel eine Uhr), dann klicken Sie oben links ins Suchfeld und geben einen Begriff ein. Das neue Tool beschränkt die Auswahl automatisch auf die vorhandenen Treffer, die Sie per Doppelklick oder Drag & Drop auf den Desktop befördern. Wählen Sie den Weg über den doppelten Mausklick, landet das Miniprogramm auf einem freien Bereich des Desktops; bei der Version mit Drag & Drop landen die kleinen KDE-Helferlein genau dort, wo Sie sie fallenlassen.
Möchten Sie einfach etwas herumstöbern, klicken Sie am besten auf die Einträge hinter Kategorien. Das neue Tool zeigt dann eine thematisch sortierte Auswahl an. Per Klick auf Neue Miniprogramme holen / Neue Miniprogramme herunterladen ergänzen Sie die Auswahl durch weitere Plasmoiden aus dem Internet. Hier hat sich gegenüber früheren KDE-4-Versionen nichts geändert.
Netzwerkfähig
Eine zentrale Neuerung bei den KDE-Miniprogrammen ist die Freigabe im lokalen Netzwerk. Halten Sie den Mauszeiger für kurze Zeit über einem Plasmoid (zum Beispiel der Ordneransicht), dann erscheint ein Rahmen mit Symbolen zum Drehen, Vergrößern und Einstellen des Miniprogramms. Unter den Einstellungen, die Sie per Klick auf den Schraubenschlüssel öffnen, finden Sie zu jedem Plasmoid den Eintrag Freigabe. Damit lassen sich Miniprogramme im lokalen Netz beliebig verteilen, um zum Beispiel von Rechner A aus ein Musikprogramm auf Rechner B zu steuern oder sich die Systemmeldungen anzeigen zu lassen. Der Clou an der neuen Funktion: Informationen zu den freigegebenen Applets erscheinen automatisch auf sämtlichen KDE-Desktops im Netz. Der Nutzer muss nur noch das gewünschte Miniprogramm auswählen, und schon erscheint es auf seinem Desktop. Da letzterer Schritt hingegen nicht ganz selbsterklärend ist, folgt hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung:
- Öffnen Sie den Einstellungsdialog des Miniprogramms, das Sie übers Netz freigeben möchten. Der Weg dazu führt über das Schraubenschlüssel-Symbol und den Menüeintrag Freigabe.
- Möchten Sie das Plasmoid im heimischen Netz freigeben und benötigen Sie keinerlei Sicherheitsmechanismen, dann markieren Sie zunächst die Checkbox Dieses Element im Netzwerk freigeben, anschließend Beliebigen Benutzern den Zugriff auf dieses Miniprogramm erlauben. Möchten Sie den Zugriff über einen PIN-Code sichern, markieren Sie nur die erste Checkbox.
- Nach einem Klick auf OK erscheint auf sämtlichen KDE-Desktops im lokalen Netz ein Hinweis, dass ein neues Miniprogramm zur Verfügung steht. Dieser Hinweis verschwindet nach wenigen Sekunden wieder, Sie müssen sich deshalb aber nicht besonders beeilen, da die KDE-Benachrichtigungen erhalten bleiben.
- Klicken Sie auf dem Rechner, auf dem Sie das freigegebene Miniprogramm hinzufügen möchten, rechts im Systemabschnitt auf das je nach Distribution blaue oder graue Symbol mit dem Ausrufezeichen (KDE-Benachrichtigungen). Es erscheint über dem Panel ein Fenster mit dem Titel Letzte Benachrichtigungen. Klicken Sie hier auf das Symbol Arbeitsbereich, um sämtliche Benachrichtigungen des Plasma-Desktops anzuschauen (Abbildung 3).
Wählen Sie unter den verfügbaren Miniprogrammen das Plasmoid aus, das Sie der Arbeitsfläche hinzufügen möchten, und klicken Sie auf den Button Zur aktuellen Aktivität hinzufügen.
Haben Sie sich bei der Freigabe dazu entschlossen, den Zugriff auf das Miniprogramm per PIN-Abfrage zu schützen, erscheint bei Schritt 5 ein neuer Dialog auf dem Rechner, der das Miniprogramm bereitstellt (Abbildung 4). Hier geben Sie einen beliebigen PIN-Code ein. Der gleiche Dialog erscheint anschließend auf dem Rechner, der das freigegebene Miniprogramm nutzen möchte. Hier müssen Sie den PIN-Code bestätigen, damit das Plasmoid auf dem Desktop erscheint.
Hat alles geklappt, erscheint das neue Miniprogramm auf dem Desktop. Sie können es drehen, vergrößern und verschieben, als ob es zum eigenen Plasma-Desktop gehören würde, einzig die Inhalte kommen von einem anderen Rechner. Neben dem Musikplayer-Applet in Abbildung 5 eignen sich auch diverse Systemmonitore oder zum Beispiel die Notizen als Plasmoid zur geteilten Nutzung.
Obwohl die Benachrichtigung über die freigegebenen Miniprogramme in einem Testnetz mit Kubuntu- und OpenSuse-Rechnern problemlos funktionierte, mussten wir unter OpenSuse die Firewall ausschalten, damit das Miniprogramm auch tatsächlich freigegeben wurde. Achten Sie bei Problemen deshalb auf die Firewall-Einstellungen.



