Ein Bündel Neues

Linux-Distributionen: Mandriva 2010

Zwar nicht so verbreitet wie OpenSuse oder Ubuntu, genießt Mandriva Linux dennoch besonders unter Linux-Neulingen einen guten Ruf. Der französische Hersteller hat schon immer Wert auf eine einfache Installation, grafische Einrichtungswerkzeuge und eine große Software-Auswahl gelegt. Die aktuelle Version 2010 soll an diese Tradition anknüpfen und muss in unserem Distributionstest zeigen, ob sie die Erwartungen in Sachen Einsteigerfreundlichkeit erfüllen kann.

Mandiva Linux 2010 ist wie auch die Vorversionen in drei Varianten erhältlich: Es gibt

  • ein kostenloses DVD-Image mit ausschließlich freier Software,
  • Mandriva One, eine installierbare Live-CD, die wahlweise mit Gnome- oder KDE-Desktop erhältlich ist,
  • sowie das kommerzielle PowerPack, das in der Download-Version rund 50 Euro kostet. Die Kaufversion enthält zusätzliche proprietäre Software wie die Fluendo-Multimedia-Codecs, den Fluendo-DVD-Player, Skype, den Adobe Reader und die Virtualisierungslösung VMWare. Ebenso liegen eine Reihe nicht quelloffener Treiber für WLAN-Karten und Grafikchips von Nvidia und AMD (früher ATI) bei.

Diese Treiber sind auch Bestandteil der Live-CDs und lassen sich in der freien DVD-Version, die Gegenstand unseres Test ist, leicht nachinstallieren.

Einfache Installation

Die Installation des Systems gelang in unseren Tests sowohl auf einem aktuellen Netbook mit Intel-Atom-Prozessor als auch auf einem Core-2-Desktop-System problemlos. Der Installer erfragt lediglich einige Informationen wie Sprache, Zeitzone und Tastaturlayout und richtet standardmäßig die Desktop-Umgebung KDE 4.3.2 ein. Bei der Partitionierung können unerfahrene Anwender die Vorschläge des Installers bedenkenlos übernehmen. Auf unseren beiden Testrechnern ließen wir ihn einmal eine Windows-7-Partition verkleinern, auf dem Desktop-PC entschieden wir uns für die Installation auf einer zweiten Festplatte. In beiden Fällen landeten die bereits vorhandenen Windows-Installationen automatisch im Boot-Menü und starteten daraus problemlos.

Möchten Sie selbst bei der Partitionierung Hand anlegen, etwa um die Größe für die Linux-Partition anzupassen, geht auch das ganz leicht: Die Entwickler haben dem Partitionierungstool ein neues Layout spendiert, das alle Informationen zu Festplatten und Partitionen auch grafisch darstellt. Standardmäßig setzt Mandriva 2011 auf das Dateisystem Ext4, dessen Vorgänger Ext3 steht aber nach wie vor zur Auswahl.

Hardware und System

Schon während der Installation erkennt das System die meiste angeschlossene Hardware automatisch und richtet sie ein. Klappt das einmal nicht, etwa weil im heimischen Netzwerk kein Router arbeitet, sondern der PC direkt am DSL-Modem hängt, können Sie alle Feinheiten nach der Installation im Mandriva-Kontrollzentrum einstellen.

Mandriva 2010 richtet automatisch die Softwarequellen Contrib und Non-Free mit proprietären Treibern ein, aus denen das passende Hardware-Einrichtungsmodul dann selbständig den richtigen Treiber nachlädt, ohne dass Sie dessen kryptischen Namen kennen müssten. Nur die Herstellertreiber für Nvidia- und AMD-Grafikchips sowie die Poulsbro-Treiber für Intels Grafikchipsatz GMA500 (der in Atom-Netbooks der zweiten Generation steckt) müssen Sie manuell über die Paketverwaltung auswählen und einspielen – das System nutzt sie dann beim nächsten Start der grafischen Oberfläche.

Dank der neuen Features im Paketmanager RPMdrake fällt es leicht, die richtigen Pakete zu finden. RPMdrake hat nicht nur ein neues, übersichtlicheres Layout und Screenshots in den Paketbeschreibungen erhalten (Abbildung 1), sondern die Entwickler haben noch mehr Informationen zu den Paketen integriert und die Suche überarbeitet. Dort können Sie nun auch nach Versionsnummern forschen oder reguläre Ausdrücke [1] bei den Suchbegriffen verwenden. Besonders gut hat uns gefallen, dass man die Häufigkeit, mit der das Update-Tool das System aktualisiert, manuell einstellen kann. Dann erhält man Security-Fixes zwar nicht sofort, aber die Option ist praktisch für Systeme, die nicht permanent online sind.

Abbildung 1

Abbildung 1: RPMdrake hält in der Paketbeschreibung auch einen Screenshot des ausgewählten Programms bereit.

Neben den Verbesserungen in RPMdrake haben die Entwickler auch einigen anderen Modulen des Kontrollzentrums neue Features spendiert. Im Dialog zur Konfiguration des grafischen Systems kann man beispielsweise die Tastenkombination [Strg]+[Alt]+[Rückschritt] zum Abschießen der grafischen Oberfläche deaktivieren, was ein versehentliches Schließen aller Anwendungen verhindert. Das Modul, das die Netzwerkprofile verwaltet, wurde komplett überarbeitet und macht es Nutzern nun noch leichter, Profile für unterschiedliche Umgebungen wie zu Hause, in der Firma und unterwegs einzurichten.

Der "Jugendschutzfilter" erlaubt es Eltern, in Mandriva 2011 einzelne Programme gezielt für den Nachwuchs zu sperren und genau festzulegen, zu welchen Zeiten und wie lange die Kinder ins Internet dürfen.

Desktop und Anwendungen

Gleich beim ersten Login – egal, ob Sie sich für Gnome oder KDE entschieden haben – begrüßt Sie eines der extra für Version 2010 neu gestalteten Mandriva-Themes (Abbildung 2). Diese Themes können Sie in den Desktop-Einstellungen als Alternativen zu den Standard-Themes von KDE und Gnome auswählen. Die Software-Ausstattung kann sich sehen lassen: KDE 4.3.2, Gnome 2.28, Firefox 3.5, OpenOffice 3.1 mit KDE-Integration und der PC-Emulator VirtualBox in Version 3.0.8. Im Hintergrund arbeitet Kernel 2.6.31, als grafisches System kommt X.org 7.4 mit dem X.org-Server 1.6.5 zum Einsatz.

Abbildung 2

Abbildung 2: Der KDE-Desktop mit einem der neuen Mandriva-Themes und geöffnetem Plasmoid-Auswahldialog.

Der KDE-Desktop läuft schnell und stabil, bei einigen Anwendungen hätte sich der Distributor aber besser noch für die Versionen der 3er-Serie entschieden. So haben die Entwickler zwar bei Amarok von KDE 4 die Möglichkeit zum Abspielen von CDs reaktiviert, und der Player kommt auch optisch sehr nett daher, er kann aber in Sachen Stabilität noch nicht überzeugen. Auch KOffice 2.0.1 zeigte sich absturzfreudig und je nach ausgewählter Funktion so langsam, dass wir uns fragten, ob das Programm eingefroren sei. Gut gefallen haben uns dagegen die Finanzverwaltung Scrooge, die das instabile KMyMoney ablöst, und ein Plasma-Applet, das in festen Zeitintervallen den Desktop-Hintergrund wechselt.

Gnome 2.28 unterscheidet sich nur minimal von der Vorgängerversion. Nutzer von Instant-Messaging-Clients müssen sich jedoch umstellen, da nun standardmäßig das neue Empathy und nicht mehr Pidgin auf der Festplatte landet. Letzterer lässt sich jedoch aus den Repositories nachinstallieren. Freunde des Videoschnitts sollten dem komplett umgeschriebenen Gnome-Video-Editor Pitivi eine Chance geben, der auch unter KDE läuft. Alternativ lohnt sich auch ein Blick auf das Linux Video Editing System (Lives), das in Version 1.0 beiliegt.

Nicht von Haus aus mit dabei, aber ebenfalls in den Softwarequellen zu finden ist eine Vorabversion der Gnome-Shell, die unter Gnome 3.0 den klassischen Desktop ablösen soll. Diese Oberfläche ist aufgabenorientiert strukturiert und zeigt links eine Liste häufig besuchter Orte, Favoriten und Aufgaben wie "einen Brief erstellen" oder "im Internet surfen" an. Sie erlaubt einen Vorgeschmack auf die Zukunft von Gnome, ist aber noch nicht ausgereift, so dass es eine gute Entscheidung war, sie nicht standardmäßig einzuspielen.

Besser für den Alltagsbetrieb eignet sich der Mandriva Smart Desktop, mit dem Sie Aufgaben definieren und diesen Dokumente, E-Mails, Bilder, Videos und vieles mehr zuordnen können: So haben Sie alles Wichtige für die tägliche Arbeit im Blick. Alle Objekte können Sie dabei kommentieren oder mit Schlagwörtern versehen, die Gnome nicht in den Dokumenten selbst speichert, sondern vom Smart Desktop verwalten lässt.

Fazit

Insgesamt präsentiert sich Mandriva 2010 als runde Version ohne größere Ecken und Kanten. Ein paar Kleinigkeiten gibt es zu bemängeln wie etwa, dass der Distributor beim KDE-Desktop bei einigen Anwendungen nicht die stabilen KDE-3-Versionen einspielt. Auch der Wechsel von Pidgin auf Empathy als Standard-IM-Client unter Gnome dürfte nicht jedermanns Sache sein. Diese Kleinigkeiten lassen sich dank der einfachen Installation und Systemkonfiguration und der riesigen Software-Auswahl jedoch leicht verschmerzen. Ein Manko von Mandriva ist immer noch die geringe Verbreitung der Distribution hierzulande: Für OpenSuse und Ubuntu finden Sie bei Problemen wesentlich leichter deutschsprachige Hilfe im Netz.

Infos

[1] Artikel zu regulären Ausdrücken: Marc André Selig, "Nadel im Heuhaufen", LinuxUser 08/2002, S. 74 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2002/08/074-regexp/

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