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Knuffiges Bärchen

Ubuntu 9.10 (Karmic Koala) im Vorserientest

17.09.2009
Ubuntu-Hersteller Canonical bleibt seinem Release-Plan treu und veröffentlicht im Oktober die Version 9.10 seiner Linux-Distribution. "Karmic Koala" muss im Vorserientest zeigen, was es kann.

Das Ubuntu-Projekt [1] unter Federführung von Canonical und Mark Shuttleworth legt großen Wert darauf, seine selbst gesetzten Release-Pläne einzuhalten. So wundert es nicht, dass zu Redaktionsschluss die Vorbereitungen für die neue Ubuntu-Version 9.10 fristgerecht verliefen und die vierte Alphaversion zum Download bereits zur Verfügung stand. Die fertige Release soll Ende Oktober auf der Homepage von Ubuntu bereitstehen – EasyLinux wagt einen ersten Blick auf den "Karmic Koala", den "Karma-Koala", wie die neue Version mit Codenamen heißen wird.

Klein, aber oho

Neuigkeiten gibt es schon bei der Verfügbarkeit der Ubuntu-Varianten für verschiedene Hardwaretypen. Nachdem Netbooks immer populärer werden, gab es die Vorgängerversion 9.04 erstmals als "Ubuntu Netbook Remix", den es aber nur mit Gnome-Desktop gab. Wer lieber KDE verwendet, bekommt mit Karmic Koala auch eine Netbook-Version von Kubuntu. Der Netbook-Remix ist im Wesentlichen ein verkleinertes Ubuntu-System, das einige spezielle Tools für den Einsatz auf Netbooks bietet und mit einer einheitlichen Oberfläche daherkommt. Diese soll den Zugriff auf die meistgenutzten Programme einfacher und intuitiver gestalten – der Ansatz ähnelt der Oberfläche von Linpus, der Linux-Distribution des Acer-Netbooks Aspire One. Der Ubuntu Netbook Remix ist nicht an spezifische Hardware gekoppelt, lässt sich also auf verschiedenen Netbooks verwenden.

Ubuntus One-Filesharing

Ein weiteres "Killerfeature" der neuen Ubuntu-Version dürfte Ubuntu One sein – zumindest, wenn es nach dem Distributor geht. Ubuntu One ist eine Synchronisierungslösung, die an Apples iDisk erinnert. Bei iDisk mietet der Kunde Speicherplatz auf einem Apple-Server, den er anschließend vom System aus wie eine lokal vorhandene Festplatte einsetzen kann. Auch bei Ubuntu One bekommen Benutzer Nutzer Speicherplatz auf Canonical-Servern: Wahlweise stehen 2 GByte umsonst oder 10 GByte für acht Euro pro Monat zur Verfügung. Der Speicherplatz ermöglicht es Ubuntu-Usern, Dateien bei Ubuntu One abzuspeichern und anschließend von einem anderen Rechner aus auf genau diese Dateien zuzugreifen; ein zu Hause bearbeitetes Textdokument ist zum Beispiel im Büro in genau der Version verfügbar, die daheim zuletzt benutzt wurde. Alternativ eignet sich Ubuntu One auch als Quasi-Webspace: Neben dem privaten Zugriff besteht die Möglichkeit, öffentliche Verzeichnisse anzulegen, auf die prinzipiell jeder zugreifen darf. Ubuntu One konnten Sie bereits unter Version 9.04 verwenden, wenn Sie das Universe-Archiv aktivierten; in Ubuntu 9.10 hält es offiziellen Einzug in die Distribution. Nähere Details zum Service finden Sie auf einer separaten Webseite [2].

Kernige Geschichte

Ubuntu 9.10 kommt mit einem aktuellen Kernel; zu Redaktionsschluss war das Linux 2.6.31 nebst den üblichen, distributionseigenen Patches. Der Kernel bringt für alle Nutzer von Intel-On-board-Grafikchipsätzen eine wichtige Neuerung: Der Intel-Treiber im Kernel verwendet in Zukunft das so genannte Kernel-based Mode Setting. Vereinfacht ausgedrückt übernimmt dabei der Grafikkartentreiber im Kernel viele Aufgaben, die bisher der X-Window-Treiber hatte. Dadurch hat der Kernel zum Beispiel die Möglichkeit, bereits beim Systemstart echte Grafikausgaben durchzuführen, statt dafür auf einen Framebuffer zu setzen. Passend zum neuen Kernel-Treiber ändert sich für die genannten Chipsätze – diese finden sich beispielsweise in fast allen Intel-Notebooks, die keine eigene Grafikkarte besitzen – auch der X-Window-Treiber: Statt des veralteten "EXA"-Treibers kommt der "UXA"-Treiber zum Einsatz, der große Performance-Gewinne verspricht. Im Test machte sich das vor allem beim Suspend und dem anschließenden Resume bemerkbar; auf einem aktuellen Acer-Notebook wachte Karmic fast zehn Sekunden schneller aus dem Schlaf auf als Jaunty Jackalope – im Anschluss stürzte dann aber der Kernel ab. Dies kann jedoch auf die frühe Alphaversion zurückzuführen sein (siehe Kasten Bugs der Alphaversion).

Bugs der Alphaversion

Der Entwicklungszyklus von Kubuntu 9.10 endet offiziell erst mit der für Ende Oktober geplanten Veröffentlichung der endgültigen Version. So konnten wir im Test lediglich die vorletzte Alphaversion genauer unter die Lupe nehmen. Alphaversionen geben Interessierten vorab einen Blick auf die neue Version und dienen Entwicklern als Basis für weitere Tests. Sie sind deswegen oft sehr instabil und fehlerbehaftet, so dass produktives Arbeiten mit dem System nicht sinnvoll möglich ist.

Im Test sind wir über einige Fehler dieser Art gestolpert, die allerdings alle im Fehlerverfolgungssystem von Ubuntu bereits vermerkt waren, so dass die Entwickler sie vermutlich vor der fertigen Release noch beheben werden. Die Stabilität der Alpha-Release lässt also keine Rückschlüsse auf das Verhalten der fertigen Version zu. Ähnliches gilt für das Update von älteren Versionen: Im Test kam es beim Update zu keinen größeren Schwierigkeiten; eine verlässliche Aussage darüber, ob ein Update von Version 9.04 auf 9.10 problemlos ist, ist darum noch nicht möglich.

Eine weitere Änderung ergibt sich auf Kernel-Ebene: Wo bisher das Paket linux-restricted-modules einen riesigen Wust verschiedenster Module und Treiber für den aktuellen Kernel enthalten hat, hält mit Karmic Koala endgültig das Modulverwaltungssystem DKMS Einzug in Ubuntu. DKMS erlaubt es, auf Computern, die ein spezielles Modul benötigen, dieses und nur dieses eine Modul zu kompilieren. Für Sie als Benutzer heißt das, dass Sie künftig tatsächlich nur noch die Module installieren, die Sie brauchen.

Was fürs Auge

Auch optisch hat sich in Karmic Koala einiges getan. Da ist zunächst der Installer zu erwähnen, der Ihnen Kubuntu von der Live-CD direkt auf die Platte bringt (Abbildung 1); diesen hat das Ubuntu-Team zusammen mit Entwicklern des KDE-Projekts grundlegend neu gestaltet. Nach dem Remake fügt er sich nun in die Plasma-Standardoberfläche ein und vermittelt nicht mehr den Eindruck, ein Fremdkörper zu sein.

Abbildung 1: Frisch poliert präsentiert sich der Kubuntu-Installer, den Sie aus dem laufenden Live-System heraus aufrufen.

Weniger erfreulich sieht es bei den Themes für KDE 4 aus: Zwar enthält Kubuntu 9.10 das neue KDE 4.3, auf zu Ubuntu passende Themes werden Benutzer aber noch warten müssen. Während bei Ubuntu, der Gnome-Version der Distribution, ein durchgestyler Gnome-Desktop in typischen Ubuntu-Farben auffällt, wirkt das KDE-Standard-Theme eher langweilig. Auf Anfrage teilten die Kubuntu-Entwickler mit, dass für Kubuntu 9.10 eigentlich ein optisches Remake geplant war – dieses mussten sie allerdings aus Zeitmangel aus dem Release-Plan streichen. Wer in Kubuntu ein peppiges KDE 4.3 haben will, muss also selbst Hand anlegen.

Zeiten des Umbruchs

Viele Veränderungen bei Ubuntu 9.10 sind das Resultat langer Planung. Es handelt sich dabei häufig um eher infrastrukturelle Anpassungen. Darunter fällt zum Beispiel, dass Ubuntu 9.10 die Version 2 des Bootloaders Grub benutzt, welche die Programmierer komplett neu geschrieben haben. Allerdings fehlen Grub 2 noch ein paar Funktionen – zum Beispiel die Möglichkeit, den Boot-Prompt per Passwort abzusichern. Wer sein System von Ubuntu 9.04 auf die neue Version aktualisiert, bleibt vorerst verschont; ein Auto-Update von Grub 1.x auf Version 2 ist laut Ubuntu-Projekt nicht vorgesehen.

Ebenso verschwindet der Hardware Abstraction Layer HAL, der bisher dafür verantwortlich war, den Zugriff auf externe Laufwerke sowie die Steuerung von Notebook-Hotkeys, Power-Management-Funktionen und einigen anderen Subsystemen zu koordinieren. Ubuntu 9.10 nutzt stattdessen das als Nachfolger schon feststehende DeviceKit-Framework, eine Neuentwicklung, die auch in anderen Distributionen bald HAL ersetzen wird.

Setzte Ubuntu bisher noch auf das Ext3-Dateisystem, wird Karmic als Standarddateisystem den Nachfolger Ext4 verwenden; Ext4 ist vor allem auf bessere Performance getrimmt und seit einigen Monaten im Linux-Kernel schon als "stabil" markiert. Auch hier gibt es kein automatisches Update; wer also sein altes System auf den Karmischen Koala aktualisiert, muss seine Ext3-Partitionen manuell in Ext4 umwandeln, falls er die Features von Ext4 nutzen möchte – das ist jedoch ohne Neuformatierung möglich.

Eine weitere Änderung betrifft direkt alle KDE-Nutzer: Konqueror hat als Standard-Webbrowser auf KDE-Desktops ausgedient, sein Nachfolger heißt Arora (Abbildung 2). Die Entwickler begründen diesen Schritt mit der Tatsache, dass Arora anders als der Konqueror eine bessere Webkit-Implementierung verwendet. Faktisch verdrängt Arora also mit dem Konqueror zugleich die eigene Referenzbibliothek. Die Kubuntu-Entwickler schließen nicht aus, dass Konqueror in einer späteren Version wieder zum Standard-Browser werden könnte, wenn die KDE-Entwickler bis dahin eine konkurrenzfähige Webkit-Implementierung vorlegen. Tatsächlich gibt im KDE-Projekt Bestrebungen in diese Richtung, brauchbare Resultate hat es bisher aber noch nicht gegeben.

Abbildung 2: Kubuntu 9.10 kommt mit einem neuen Default-Browser namens Arora. Er sieht Konqueror ähnlich, verwendet aber WebKit.

Fazit

Neben den beschriebenen Veränderungen findet auch die übliche Versionspflege statt: Karmic Koala geht mit Linux 2.6.31 sowie KDE 4.3 und Firefox 3.5 an den Start. OpenOffice 3.1 (Abbildung 3) gehört ebenso zum Umfang wie X.org 1.6.3. Wer lieber Gnome verwendet, findet die aktuelle Version 2.27.4 des alternativen Desktops an Bord.

Abbildung 3: Versionspflege nach Maß: Firefox 3.5 und OpenOffice 3.1 gehören zum Lieferumfang.

Kubuntu 9.10 alias "Karmic Koala" ist mit vielen Veränderungen unter der Haube und der typischen Versionspflege ein robuster Nachfolger von Jaunty Jackalope. KDE-Anwender ärgern sich allerdings nach wie vor darüber, dass sie mit dem langweiligen KDE-Standard-Theme abgespeist werden, während es für Gnome-Benutzer ein liebevoll entwickeltes Ubuntu-Theme gibt.

Glossar

Webkit

HTML-Rendering-Bibliothek von Apple, die in Safari für die Darstellung von Webseiten zuständig ist und maßgeblich auf KDEs KHTML, der Rendering-Engine des Konquerors, basiert.

Infos

[1] Ubuntu: http://www.ubuntu.com/

[2] Ubuntu One: http://www.ubuntuone.com/

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