Sonderfall KDE 4

Auf einen ausgereiften Desktop der KDE-3.5.x-Reihe folgten plötzlich erste Preview-Versionen von KDE 4, die den Betastatus noch nicht erreicht hatten, und die Release-Nummern 4.0.x und 4.1.x erweckten den Eindruck, dass das System bereits ausgereift wäre. Tatsache ist jedoch, dass KDE 4 aktuell nicht den vollen Funktionsumfang des alten KDE 3 besitzt, und die Entwickler haben noch nicht alle Anwendungen auf Qt 4 (die Grundlage von KDE 4) portiert. Auch das aktuellste KDE 4 sollte ehrlicherweise einen "Beta"-Stempel tragen.

Dafür legten sich die Entwickler aber beim Design mächtig ins Zeug, was dann doch wieder für einen gehörigen Anwenderzuspruch sorgte. Was kann KDE 4 besser als Gnome und KDE 3? Auf den ersten Blick gibt es hier ein wirklich schickes und in sich schlüssiges Design (Abbildung 9). Superkaramba tauschte das KDE-Team gegen so genannte Plasmoids aus [7]. In der rechten oberen Bildschirmecke finden Sie ein Symbol, das sich vergrößert und auf Klick ein transparentes Kontextmenü erscheinen lässt, wenn Sie mit dem Mauszeiger darüberfahren. Der Rest ist selbsterklärend. Die Plasmoids selbst bilden bei Mauskontakt ebenfalls eine schmale Symbolleiste zum Konfigurieren.

Abbildung 9: KDE 4 wartet mit einem schicken, modernen Design auf, erreicht aber noch nicht die Funktionalität seines Vorgängers.

Die Programmvielfalt knüpft an den Vorgänger KDE 3 an. Doch noch nicht alle Anwendungen konnten die einzelnen Unterteams bereits auf KDE 4 portieren. So finden Sie z. B. die KDE-PIM-Reihe, also alle bürorelevanten Programme wie Mail, Adressbuch, Kalender usw., noch in der gleichen Version vor, wie unter KDE 3.5.10. Andere leiden noch unter den Portierungsmaßnahmen und weisen noch nicht alle Funktionen ihrer Vorgänger auf.

Neue Wege geht das KDE-Team beim Dateimanagment: Dolphin löst den immer noch vorhandenen Konqueror ab. Dank Dolphins dreiteiliger Ansicht arbeiten Sie mit diesem benutzerfreundlichen Tool sehr zügig. Die linke Spalte dient der Orientierung auf Ihrem Rechner und ähnelt dem Orte-Menü unter Gnome. Sie können dort aber auch Schlagwörter zu Dateien eingeben oder diese bewerten. Die rechte Spalte zeigt eine Dateivorschau an. In der Mitte finden Sie die Dateien des links ausgewählten Ordners. Diese Ansicht lässt sich im Konfigurationsmenü an Ihre Bedürfnisse anpassen. Die Einstellmöglichkeiten des neuen Dolphin (Einstellungen / Dolphin einrichten) bleiben aber deutlich hinter denen des alten Konquerors zurück. Der Konqueror ist unter KDE 4 in erster Linie ein Webbrowser.

Das alte Kontrollzentrum heißt nun schlicht Systemeinstellungen und bietet ein Programmfenster mit zwei Karteireitern an. Im ersten, Allgemein, stellen Sie die Desktop-relevanten Eigenschaften ein. Der zweite namens Erweitert erlaubt Anpassungen für zusätzliche Dienste, wie die Sitzungsverwaltung oder die digitale Brieftasche, mit der Sie Ihre Passwörter verwalten.

Nicht ganz so neu ist das "neue" K-Menü. Die Distribution OpenSuse bot diese Eigenentwicklung bereits in ihrer Version 10.3 an. Sinn des Novums ist es, alle Programme, Orte und sonstigen Dienste unter einem Dach zu vereinen. Ob die hin- und herrutschenden Kartenreiter nach einer kleinen Eingewöhnung tatsächlich die Arbeit beschleunigen, muss jeder Benutzer für sich entscheiden.

Die goldene Wahl

Eine absolute Empfehlung für KDE 3, KDE 4 oder Gnome gibt es nicht. Brilliert KDE 3.5.x mit seiner großzügigen Konfigurationsfähigkeit und ausgereiften Werkzeugen, so besticht Gnome durch solide Software und ein benutzerfreundliches Layout. Hier gilt: Weniger ist mehr. Für farbenfrohe Designliebhaber ist schon heute KDE 4.1.x ein annehmbarer Desktop, auch wenn man wegen der Instabilitäten auf wichtigen Arbeitsplatzrechnern noch die Finger von der neuen Version lassen sollte. In Gnome sind einige Standardanwendungen wie OpenOffice und Firefox am besten integriert, so dass sich Gnome für Büro-Linuxer empfiehlt. Tüftler und Konfigurationsfreunde sowie Multimedia-Liebhaber, die weder auf Amarok noch auf Digikam verzichten mögen, greifen zum soliden und ausgereiften KDE 3.5.x. (hge)

Die schlanke Alternative: Xfce

Wem Gnome und KDE zu "dick" sind, für den gibt es zwar zahlreiche Alternativen, etwa Fluxbox oder Openbox. Doch eignen sich diese gerade für Linux-Neulinge kaum. Eine positive Ausnahme bildet hier der schlanke Desktop Xfce [5]. Gerade auf älterer Hardware spielt dieser seine ganze Kraft aus und büßt dabei kaum an Benutzerfreundichkeit ein. Auch mit Xfce schieben Sie Ihre Daten bequem per Drag & Drop durch den Dateimanager Thunar und konfigurieren den Desktop über eine zentrale Schaltstelle. Auf entsprechender Hardware unterstützt Xfce auch transparente Fenster (Abbildung 10).

Komplizierte Installationsorgien sind nicht nötig, um Xfce auszuprobieren: Das Ubuntu-Projekt bietet mit Xubuntu [6] eine einsteigerfreundliche Ubuntu-Variante mit einem gut vorkonfiguriertem Xfce als Standard-Desktop.

Abbildung 10: Auf betagten Rechnern ist Xfce eine flotte und benutzerfreundliche Alternative zu KDE und Gnome.

Glossar

Systray

Kleiner Abschnitt in der Kontrollleiste, welcher über Icons Zugriff auf laufende Programme erlaubt. So verwalten Sie beispielsweise Ihr Mail-Programm oder den Netzwerkmanager, ohne ihn jedesmal neu starten zu müssen oder ein störendes Fenster auf dem Desktop zu haben.

Infos

[1] KDE: http://de.kde.org

[2] Gnome: http://www.gnome.org

[3] KDE-Themes, -Desklets etc.: http://www.kde-look.org

[4] Gnome-Themes, -Desklets etc.: http://gnome-look.org

[5] Desktop Xfce: http://www.xfce.org

[6] Xubuntu: http://www.xubuntu.org

[7] Plasmoid-Artikel: Kristian Kißling, "Für eine Handvoll Plasma", EasyLinux 02/2008, S. 24 ff.

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