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Thronwechsel

Vergleichstest Virtualisierungssoftware

10.07.2008
Für diverse Windows-Anwendungen stehen unter Linux keine gleichwertigen Ersatzprogramme bereit. Hier helfen Emulatoren, mit deren Hilfe Sie unter Linux Windows starten. Was die derzeitigen Marktführer taugen, zeigt der Vergleichstest.

Virtualisierungslösungen erfreuen sich nicht nur im Servereinsatz immer größerer Beliebtheit. Dank ausgereifter und inzwischen auch einfach zu bedienender Programme kommen sie immer häufiger auf Desktop-Computern zum Einsatz – aus gutem Grund: Ermöglichen sie doch das problemlose Arbeiten mit mehreren Betriebssystemen gleichzeitig. Benötigen Sie beispielsweise zwingend Software, die es für Linux nicht gibt, starten Sie Windows in der virtuellen Maschine und arbeiten damit wie gewohnt. Der Newcomer VirtualBox geht mit seinem Seamless-Mode sogar noch einen Schritt weiter: Er koppelt optisch die Programme vom System ab und erweckt den Eindruck, dass Windows-Software direkt unter Linux läuft. Raffinierte Datenaustauschsysteme zwischen Gast- und Wirtsystem gestatten den reibungslosen Transfer zwischen den beiden Welten.

Der Vergleichstest stellt die vier derzeit marktführenden Produkte vor und testet sie auf ihre Alltagstauglichkeit sowie Performance. Die kostenfreien Vertreter der Riege stellen Innotek mit VirtualBox 1.6.2 [1] sowie VMware [2] mit der Server-Edition 1.0.6 seiner Virtualisierungslösung. Aus gleichem Hause stammt der dritte Kandidat, die VMware Workstation 6.0, die mit 189 US-Dollar zu Buche schlägt. Geradezu zum Schnäppchenpreis von etwa 50 Euro bietet Parallels [3] die Workstation 2.2 zum Kauf an.

Der Benchmark-Test der vier Kandidaten sorgte für eine handfeste Überraschung: Die für Privatanwender kostenfreie VirtualBox war der kostenpflichtigen Konkurrenz in praktisch allen Belangen überlegen.

Das Testfeld

Im Fokus des Tests stand neben der Performance die Alltagstauglichkeit der Virtualisierungssoftware. Die für den Benutzer besonders wichtigen Aspekte wie Integration von Host- und Gastsystemen sowie die Bedienung spielten bei der Bewertung eine wichtige Rolle. Ebenso von Belang ist der Installationsaufwand. Hier sei vorausgeschickt: Alle getesteten Vertreter benötigten zur Installation sowohl die Kernelquellen bzw. Kernel-Header, die zum laufenden Kernel passen müssen, als auch die üblichen Kompilierungswerkzeuge gcc, make und automake, die Sie mit dem Paketmanager Ihrer Distribution einspielen.

Der Rechner, auf dem die Tests stattfanden verfügt über eine AMD 3200 64 CPU, 1 GByte DDR-RAM Hauptspeicher sowie einer Maxtor 6B200 SATA Festplatte.

Das Wirtsystem stellte die Grundinstallation OpenSuse 10.3 32 Bit, als Gastsystem diente Windows XP SP2. Die Gastsysteme aller Testteilnehmer wurden mit 256 MByte Hauptspeicher und einer virtuellen Festplatte von 4 GByte ausgestattet. Sämtliche Zusatzfunktionen wurden im Auslieferungszustand der Software belassen, sofern sie den Test nicht nachhaltig beeinträchtigt hätten. Des Weiteren wurden vor den Tests in allen Gastsystemen die Zusatzprogramme (Guest Addons), die alle Hersteller anbieten, installiert. Diese bringen speziell angepasste Treiber mit und ermöglichen darüber hinaus einige Zusatzfunktionen, etwa den Zugriff auf Shared Folders oder die nahtlose Mausintegration.

VirtualBox 1.6.2

Als die Firma Innotek vor etwa eineinhalb Jahren mit VirtualBox der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte, war es beinahe eine kleine Sensation: die erste kostenfreie Virtualisierungssoftware, die auch den Heimanwender beim Benutzen nicht vor unlösbare Aufgaben stellt. Die Vorzüge der Software erkannte auch Sun, und kaufte Innotek vor etwa einem Jahr kurzerhand auf.

Vom Funktionsumfang bietet diese Virtualisierungslösung dem Anwender die meisten Möglichkeiten aller getesteten Applikationen. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der bereits beschriebene Seamless-Mode (Abbildung 1), der es erlaubt, Applikationen einer gestarteten Windows-Instanz quasi übergangslos auf dem Linux-Desktop darzustellen.

Abbildung 1: Der Seamless-Mode von VirtualBox erweckt den Eindruck, dass Windows-Applikationen direkt unter Linux laufen.

Sie finden die Software für alle von EasyLinux unterstützten Distributionen auf der Heft-DVD.

VirtualBox stellt dem unerfahrenen Benutzer bei der Installation einige Fußangeln in den Weg, die es zu meistern gilt. So erlaubt die Applikation nur Mitgliedern der Gruppe vboxusers den Betrieb der Software, welche es manuell in die Datei /etc/group einzutragen gilt. Um das Kompilieren und Integrieren des Kernel-Moduls zu starten, reicht hingegen als Benutzer root der Aufruf von /etc/init.d/vboxdrv setup in der Konsole. Auf dem getesteten System funktionierte zunächst die USB-Unterstützung nicht. Der Eintrag none /proc/bus/usb usbfs devgid=1000,devmode=666 0 0 in der Datei /etc/fstab sorgt nach einem Neustart des Systems für Abhilfe. Eine ausführliche Installationsanleitung in deutscher Sprache finden Sie unter [4].

VirtualBox bietet als einziger Testteilnehmer von Hause aus eine deutsche Benutzeroberfläche, die umfangreiche Dokumentation steht allerdings nur in englischer Sprache zur Verfügung. Einige Stellen der Benutzerführung sind zunächst gewöhnungsbedürftig. So besitzt VirtualBox einen Manager für virtuelle Maschinen (Abbildung 2), der sämtliche virtuellen Festplatten und ISO-Images verwaltet, die den virtuellen Maschinen zur Verfügung stehen sollen.

Abbildung 2: Der Disk-Manager von VirtualBox verwaltet alle virtuellen Festplatten und ISO-Images.

Umso übersichtlicher gestalteten die Entwickler dagegen die Konfigurationselemente, die Sie rechts neben der Liste der virtuellen Maschinen finden. Ein Klick auf Einträge, wie Gemeinsame Ordner, öffnet die entsprechende Passage im Konfigurationsfenster.

Die Applikation erlaubt das Erstellen beliebig vieler so genannter Snapshots, was im übrigen Testfeld nur noch VMwares Workstation bietet. Diese Momentaufnahmen des Systems ermöglichen es Ihnen, das System auf Knopfdruck in den darin gespeicherten Zustand zurückzuversetzen. Anders als bei VMware erlaubt das Programm sowohl das Erstellen als auch das Wiederherstellen nur im Ruhezustand bzw. beim Herunterfahren des Systems.

Das Fenster zum Einstellen des CD/DVD-ROM-Laufwerks verfügt über einen Button namens Passthrough. Damit soll es möglich sein, auch in Gastsystemen die Brennfunktion der Laufwerke zu nutzen. Im Test führte jedoch der Versuch, mit dem Programm Deep Burner auf das Laufwerk zu schreiben zum Absturz der Brennapplikation.

Das Einrichten des Gastsystems verlief nicht ohne Probleme. So erkannte XP zwar die Netzwerkkarte, jedoch als eine von VMware, die nicht funktionierte. Erst die manuelle Auswahl des richtigen Treibers aktivierte den Netzwerkanschluss. In den USB-Einstellungen bietet die Software zwar eine Checkbox USB 2.0 an, jedoch führte die Aktivierung dieser Funktion dazu, dass beim Einstecken eines USB-Geräts das Gastsystem auf der Stelle einfror.

Läuft das System erst mal rund und kennt der Anwender die Tücken der Software, spielt VirtualBox die anderen Testteilnehmer in fast allen Belangen an die Wand. Der Benchmark belegt, dass VirtualBox das performanteste System ist. Auch vom Funktionsumfang hält die Applikation inzwischen sogar mit VMware Workstation mit, wenn auch nicht alle Features fehlerfrei funktionieren.

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