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Grenzen überwinden

Anwendungen für Linux und Windows

10.07.2008
Viele beliebte Desktop-Anwendungen gibt es für Linux und Windows gleichermaßen. Der Vorteil: Sie müssen sich beim Umstieg nicht umgewöhnen. Wir stellen Ihnen das Beste beider Welten im Überblick vor.

Es hat sich herumgesprochen, dass produktives Arbeiten mit dem PC auch ohne hohe Lizenzzahlungen an geheimniskrämernde Software-Hersteller denkbar ist. Möglich macht dies das oft ehrenamtliche Engagement einer erklecklichen Anzahl von Entwicklern und Enthusiasten. Für die Anwender von Linux-Distributionen ist das Open-Source-Lizenzmodell bereits von Beginn an eine Selbstverständlichkeit, aber auch Windows-Nutzer profitieren zunehmend von lizenzgebührfreier Software. Und so existiert mittlerweile eine ganze Palette quelloffener Programme, die nahezu die gesamte Bandbreite möglicher Anwendungsszenarien abdeckt: Office-Suiten, Grafikprogramme, Multimedia-Applikationen, Entwicklerwerkzeuge, Internetanwendungen, Serverumgebungen. Die wichtigsten Vertreter ihrer Art gibt es sogar funktionsgleich für beide Welten: Linux und Windows. Der Vorteil: Sie arbeiten nach dem Umstieg auf das freie Betriebssystem mit denselben Programmen und damit ohne Einbußen bei der Produktivität weiter.

OpenOffice: Alles fürs Büro

Kein Produkt steht so sehr für die Dominanz von Microsoft wie das Office-Büropaket: Verschiedene Studien weisen einen Marktanteil von 80 bis über 90 Prozent aus, so dass Word, Excel & Co. zum Quasi-Standard auf dem Windows-Desktop gehören. Das ist umso merkwürdiger, als dass Lizenzmodelle und Benutzerkonzepte eigentlich abschreckend wirken müssten, und die Tatsache, dass es mit OpenOffice eine freie Alternative gibt, verstärkt das Kopfschütteln über die ungebrochene Marktführerschaft eher noch. Dabei fehlt es OpenOffice an fast nichts, um dem Platzhirschen den Rang streitig machen zu können: Mit der Textverarbeitung Writer (Abbildung 1), der Tabellenkalkulation Calc, dem Präsentationsprogramm Impress und der Datenbankanwendung Base ist alles an Bord, was Sie für den Büroalltag benötigen. Mehr noch: Mit Draw steht OpenOffice-Anwendern anders als den Microsoft-Office-Nutzern ein leistungsfähiges Vektorgrafikprogramm zur Verfügung, und die Bedienung ist zudem auch bei der OpenOffice-Version 2.4 viel vertrauter als beim aktuellen Office 2007 aus Redmond. Zudem zeigt sich OpenOffice wesentlich flexibler beim Verarbeiten von Fremdformaten: Das Einlesen von Office-Dokumenten bereitet – bis auf solche der Version Office 2007 – absolut keine Probleme. Umgekehrt ist das dagegen überhaupt nicht der Fall: Microsoft Office zeigt sich völlig unfähig, mit OpenOffice erstellte Dokumente zu verarbeiten. Und auch für die fehlende Kompatibilität zum aktuellen Office-Paket von Microsoft gibt es Abhilfe: Im Internet finden Sie einen Filter für das Einlesen von DOCX-Formaten in OpenOffice [1]. Um den Filter zu benutzen, entpacken Sie die heruntergeladene Datei und folgen einfach den Anweisungen der Readme.txt-Datei im entzippten Verzeichnis. Anschließend steht Ihnen die Lesehilfe als Microsoft Word 2007-Filter immer dann zur Verfügung, wenn Sie ein DOCX-Dokument öffnen möchten. Ab der Version 3 wird diese Option bereits serienmäßig vorhanden sein.

Fazit: Die hohen Lizenzkosten und die für erfahrene Office-Anwender absolut fremdartige Benutzerführung von Microsoft Office 2007 treibt die Anwender geradezu in die Arme des absolut auf Augenhöhe agierenden OpenOffice. Einzig auf einen Personal Information Manager (PIM) wie Outlook müssen OpenOffice-Nutzer bislang verzichten. Aber das wird sich mit der Version 3 im Herbst dieses Jahres mit der Integration von Thunderbird ändern.

Abbildung 1: Wer braucht schon Microsoft Office, wenn es mit OpenOffice – hier die Textverarbeitung Writer – ein gleichwertiges Produkt für alle wichtigen Plattformen inklusive Windows gibt.

Bildbearbeitung mit Gimp & Co.

Ähnlich wie im Bürobereich existieren auch in der Kategorie Grafik Quasi-Standards, die für Linux nicht verfügbar sind: die Bildbearbeitung Adobe Photoshop, das Vektorgrafikprogramm Adobe Illustrator und die DTP-Programme Adobe Indesign und Quark XPress. Doch auch hier müssen weder Windows- noch Linux-Anwender auf quelloffene Anwendungen verzichten: Gimp für die Bildbearbeitung, Inkscape für Vektorgrafiken und Scribus für DTP-Aufgaben.

Das General Image Manipulation Programm, so der volle Name von Gimp, liegt in der Version 2.4.5 für verschiedene Betriebssysteme vor und überzeugt auf allen Plattformen durch seine professionelle Vielseitigkeit. Wie OpenOffice zeichnet sich auch Gimp im Unterschied zu Photoshop durch eine große Flexibilität beim Verarbeiten unterschiedlicher Dateiformate aus. Allerdings fehlen der freien Variante die für die professionelle Bildverarbeitung notwendige Farbtiefe von 16 oder 32 Bit pro Farbkanal – noch: Für kommende Versionen ist auch das geplant. Für den Amateur- und semiprofessionellen Bereich mangelt es Gimp dagegen an nichts: Ebenen, Auswahlwerkzeuge, Masken, Filter, Skripte für die Automatisierung von Standardfunktionen sowie Tools zum Retuschieren und Reparieren fehlerhafter Aufnahmen – alles da!

Das freie Gegenstück zum Vektorzeichenprogramm Illustrator heißt Inkscape und ist ebenfalls für Windows, Linux und MacOS erhältlich. Es eignet sich dazu, Logos oder Comiczeichnungen, aber auch zum Beispiel Hintergrundgrafiken für Spiele oder Internetseiten zu erstellen. Der Vorteil von Vektorgrafiken: Sie lassen sich stufenlos und ohne Qualitätseinbußen skalieren und brauchen dennoch wesentlich weniger Speicherplatz als Pixelgrafiken (zum Beispiel Fotos), bei denen jeder Bildpunkt einzeln in Helligkeit, Kontrast und Farbe definiert werden muss.

Inkscape verfügt wie Illustrator über eine umfassende Werkzeugsammlung für das Zeichnen und Bearbeiten von Linien und Polygonen (Abbildung 2), für das Erstellen von Farbverläufen und für das Verbinden einzelner Elemente zu komplexen Formen. Ebenso wichtig für professionelles Arbeiten sind die umfangreichen Im- und Exportmöglichkeiten aus und in gängige(n) Dateiformate(n), so dass Sie immer Zugriff etwa auf Grafiken haben, die mit Adobe Illustrator erstellt und als PDF-Dateien oder im universellen SVG-Format gespeichert wurden.

Abbildung 2: Werkzeug für Vektorgrafik: Mit Inkscape erstellen und bearbeiten Sie im Handumdrehen Grafiken für Logos oder Hintergründe. Alle wichtigen Manipulationstools befinden sich bereits an Bord.

Blender ist eine 3D-Software mit Videoschnitt-Editor und Spiele-Engine. Das Programm – nach dem Bankrott der holländischen Entwicklerfirma 2002 unter die GPL-Lizenz gestellt – erfreut sich einer ansehnlichen Fangemeinde, und entsprechend groß ist die Zahl von Forks, die unabhängig weiterentwickelt werden. Die vielen Anhänger der professionellen 3D-Lösung arbeiten mit nahezu ebenso vielen Plattformen; neben Linux und Windows gibt es Blender auch für Mac OS X, Solaris, FreeBSD und Irix. Und was macht man mit Blender? Nun, für die Weiterverarbeitung Ihrer Urlaubsbilder eignet sich das Programm weniger; eher schon taugt Blender für das Erstellen professioneller Hintergrundgrafiken für Spiele oder für das Produzieren computer-generierter Kurzfilme. Hier handelt es sich zwar eindeutig um sehr spezielle Anwendungsszenarien, das schadet aber der Beliebtheit und Verbreitung des Programms nicht.

Fazit: An Funktionsumfang mangelt es freier Software nicht; Gimp, Inkscape, Blender & Co. erreichen ihre kommerziellen Vorbilder zwar noch nicht ganz, im kreativen Alltag spielt das aber kaum eine Rolle. Gravierender ist dagegen, dass Gimp für die professionelle Druckvorstufe noch nicht taugt; hier ist dringend Nachbesserungsbedarf, soll das Programm eine echte Alternative zu teurer Standardsoftware werden.

Online-Anwendungen: Firefox und Thunderbird

Zwar hat der Firefox-Webbrowser bei Internet-Surfern nur einen Marktanteil von rund 25 Prozent, während der Internet Explorer von Microsoft zwei Drittel des Marktes abdeckt; allerdings steigen die Anteile des Mozilla-Browsers seit Jahren kontinuierlich, während die des MSIE ebenso stetig sinken. Und so gilt Firefox längst als politisch korrekte Alternative zum Monopolistenbrowser von Microsoft, was zu einem Teil die wachsende Beliebtheit des Programms erklärt. Zum anderen Teil aber sind es einfach die Funktionen: Tabbed Browsing – das Öffnen neuer Ansichten in Karteireitern statt in neuen Fenstern – ist zwar keine Erfindung von Firefox; allerdings hat das Programm einen großen Anteil daran, dass sich diese Art des Reisens im Internet längst zum Standard gemausert hat. Auch die Vielzahl von Erweiterungen und Themes für die Gestaltung der Benutzeroberfläche tragen zur Verbreitung des Programms bei.

Aus demselben Hause stammt auch das E-Mail-Programm Thunderbird, das kurz vor der Integration in OpenOffice steht und damit der quelloffenen Bürosuite endlich zum schon erwähnten Personal Information Manager verhilft. Auch hier können Anwender von Windows den Umstieg auf Linux schon mal üben: Sowohl Firefox als auch Thunderbird laufen zuverlässig auf beiden (und zahlreichen weiteren) Plattformen.

Grundsätzlich gilt das auch für weitere Anwendungen aus der Kategorie "Online-Software": Das FTP-Programm Filezilla, die elektronische Programmzeitschrift TV-Browser, die Voice-over-IP-Software Skype, und der Bittorrent-Client Azureus oder der Weltbetrachter Google Earth (Abbildung 3) sind allesamt für verschiedene Plattformen erhältlich. Allerdings ist – bis auf Google Earth – keins der Programme auch Meister seiner Klasse. Sind Sie als Windows-Anwender auf der Suche nach solchen und ähnlichen Tools, sollten Sie daher genauer hinsehen, ob die von Ihnen favorisierte Anwendung plattformübergreifend erhältlich ist; das spart Ihnen später Zeit und Nerven beim Umstieg und beim Eingewöhnen in die neuen Umgebungen.

Abbildung 3: Auch Ihre Ausflüge in die Welt unternehmen Sie erfreulicherweise plattformübergreifend: Google Earth zeigt die Erde unter Linux und Windows gleichermaßen.

Gerade im professionellen Serverumfeld liefern sich Microsoft und freie Linux-Anwendungen längst spannende Kopf-an-Kopf-Rennen um die Vorherrschaft im Rechenzentrum. Bei Datei-, Druck- und Applikationsservern gilt Linux seit Jahren als das zuverlässigere System; günstiger als die Windows-Server-Produkte ist es sowieso. Wenn Windows die Nase vorne hat, dann, weil zahlreiche Microsoft-Anwendungen sowie Produkte von Drittanbietern auf eine enge Verzahnung von Desktop und Serverlandschaft setzen. Dass das auch anders geht, beweist die Open-Source-Lösung XAMPP. Bei XAMPP handelt es sich um ein umfangreiches Projekt für die Entwicklung von und die Arbeit mit Datenbanken. Es enthält den freien Webserver Apache, die relationale Datenbank MySQL sowie die Skriptsprachen PHP und Perl. Das X am Namensanfang steht für die verschiedenen Betriebssysteme, auf denen XAMPP läuft; neben Linux und Windows sind das Mac OS X und Solaris sowie weitere Unix-Varianten. Mit XAMPP haben Sie alles an Bord, was Sie für das Erstellen dynamischer Webseiten benötigen – im professionellen Umfeld längst Standard für die Präsentation im World Wide Web.

Fazit: Im Online-Bereich war kommerzielle Software noch nie ein echtes Thema – das Internet ist und bleibt ein kostenfrei zugängliches Medium, sieht man einmal von den Zugangsgebühren ab. Mit den verfügbaren Open-Source-Tools ist es zudem leicht möglich, die Abhängigkeit von Microsoft ohne funktionale Einschränkungen sofort abzustellen.

Multimedia

Die Multimedia-Sektion unterscheidet sich von anderen Software-Kategorien dadurch, dass unter Linux die Standardprogramme des Windows-Desktops fehlen: Weder vom Windows Media Player noch von iTunes existiert eine quelloffene Variante. Linux-Anwender hören stattdessen ihre MP3- oder Ogg-Vorbis-Dateien mit Amarok, Banshee oder Kaffeine. Dennoch gibt es auch hier jenseits des Mainstreams Programme, die zuverlässig Multimedia-Dateien auf beiden Systemen spielen: MPlayer und dem darauf aufsetzenden SMPlayer beispielsweise. Allerdings kommen die Windows-Versionen von Hause aus mit umfangreichen Codecs für die Wiedergabe unterschiedlicher Audio- und Videoformate, die Linux-Anwendungen aus rechtlichen Gründen oft fehlen und nachgerüstet werden müssen. Erfreulicherweise ist das aber ohne Schwierigkeiten möglich. So erkennt der Totem-Mediaplayer als Standardanwendung in Ubuntu 8.04 beispielsweise automatisch, dass er die richtigen Codecs nicht an Bord hat, und rüstet diese auf Benutzerwunsch ebenso problemlos aus dem Internet nach.

Ein echter Pluspunkt für Liebhaber von Open-Source-Software ist die Wiedergabe von Video-DVDs: Hier reicht auch bei Windows-Anwendern der Media Player nicht aus, wenn zusätzlich kein eigenständiger DVD-Player installiert ist; erst dann nämlich nutzt der Media Player des Betriebssystems die Engine des nachgerüsteten Wiedergabeprogramms. Nutzer aktueller Linux-Distributionen müssen in der Regel kein Programm extra dafür einrichten und im Zweifelsfall höchstens passende Codecs nachrüsten [2]; dann reicht das Einlegen der DVD, und eines der mitgelieferten Programme spielt den Film ab (Abbildung 4).

Abbildung 4: DVD einlegen und Film schauen: Unter Linux – hier Ubuntu 8.04 – funktioniert das von Hause aus, sofern Sie die entsprechenden Codecs nachgerüstet haben.

Fazit: Normalerweise ließe es sich leicht verschmerzen, Musik unter Linux ohne Windows Media Player oder iTunes hören zu müssen, weil genügend geeignete Programme zur Verfügung stehen. Die enge und in der Praxis gerne in Anspruch genommene Verzahnung von Apples iPod und iTunes aber trübt dieses Vergnügen, weil es hierfür keine quelloffene Entsprechung gibt. Allerdings gibt es – beinahe selbstverständlich – auch hier Aktivitäten, um das zu ändern. Ganz trivial ist das aber nicht, weil Apple für die Kommunikation über verschlüsselte Prüfsummen organisiert, die nicht ohne weiteres nachgebildet werden können. Ansonsten zeigen sich die lizenzkostenfreien Anwendungen – wenngleich manchmal erst nach kleineren Nachrüstarbeiten – absolut auf der Höhe der Zeit.

Open Source – fast immer die richtige Wahl

Dieser kleine Streifzug durch die Welt der Open-Source-Software zeigt: Für fast alle Anwendungsszenarien existieren quelloffene Lösungen, die auch professionellen Ansprüchen genügen. Ausnahmen finden sich im Gestaltungsbereich – besonders dann, wenn man zu den bislang nur eingeschränkt tauglichen Grafikprogrammen wie Gimp auch DTP-Anwendungen dazunimmt. Hier gibt es mit Scribus zwar eine Lösung, die prinzipiell auch Quark XPress oder Adobe Indesign Konkurrenz machen könnte; das ist aber im Moment noch keine realistische Perspektive.

Schon heute ist das konsequente Verfolgen des Open-Source-Gedankens in der Praxis kein Problem mehr: Bis auf den genannten gibt es keinen Anwendungsbereich, der sich lizenzkostenfreier Software prinzipiell verschließen würde.

Infos

[1] DOCX-Filter für OpenOffice: http://blog.mypapit.net/2007/09/how-to-open-microsoft-openxml-docx-documents-in-openoffice.html

[2] Infos zu DVD-Codecx unter Linux: Heike Jurzik, MPlayer und MEncoder, Ton ab, Kamera läuft, EasyLinux 01/2008, Seite 130

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