Aufmacher Artikel

G statt K

Die Desktop-Umgebung Gnome

10.01.2008
Im deutschsprachigen Raum hat sich KDE als Bedienoberfläche für Linux fast zum Standard gemausert. Mit Gnome gibt es eine Alternative, die andere Ansätze verfolgt, aber nicht weniger bietet.

Gemessen an der Zahl der Installationen ist Linux nach wie vor eine etwas exotische Alternative zum Quasistandard Windows – zumindest was Desktop-Computer angeht. Seine dominierende Marktposition befähigt den Windows-Hersteller Microsoft, Standards zu setzen, und nach über zehn Jahren weitgehender Monokultur stellt sich ein typischer Benutzer unter der Oberfläche eines PCs eben etwas vor, das wie Windows aussieht.

Diese Realität zu ignorieren, wäre sicherlich kein kluger Schachzug bei der Entwicklung einer benutzerfreundlichen Oberfläche für Linux. Dennoch hat sich herumgesprochen, dass das Windows-GUI in vielen Aspekten alles andere als eine perfekte Lösung darstellt, und der Anspruch von Linux-Oberflächendesignern geht weit darüber hinaus, sie möglichst gut nachzuahmen.

Um die Linux-Nutzerschaft buhlen gleich drei Desktop-Umgebungen: Das den meisten Anwendern bekannte KDE [1], Gnome [2] und Xfce [3]; daneben sorgen zahlreiche Window-Manager ebenfalls für eine grafische Benutzeroberfläche, gestalten aber kein vollständiges Desktop-System. Xfce setzt sich als Hauptziel den sparsamen Umgang mit den Ressourcen des Computers und eignet sich somit zwar sehr gut für ältere Rechner, allerdings leidet darunter naturgemäß die Funktionsvielfalt. So bleibt als Hauptkonkurrent für KDE noch Gnome übrig.

Frühe Spaltung

Dass diese beiden freien Desktop-Umgebungen überhaupt nebeneinander existieren, hat historische Gründe: KDE basiert auf der Bibliothek Qt [4], die der Programmierung grafischer Benutzeroberflächen dient und die von der norwegischen Firma Trolltech stammt. Als 1998 die erste KDE-Version erschien, stand Qt unter keiner gänzlich freien Softwarelizenz, deshalb fürchteten viele Programmierer, dass ein späteres Umschwenken in der Trolltech-Firmenpolitik die freie Weiterentwicklung von KDE gefährden könnte.

Um unabhängig von Trolltech zu bleiben, riefen die Qt-Skeptiker die Desktop-Umgebung Gnome ins Leben. Sie basiert statt auf Qt auf der Bibliothek Gtk [5], die ursprünglich für das freie Grafikprogramm Gimp [6] entwickelt wurde und daher zu ihrem Namen Gimp Toolkit gekommen ist.

Inzwischen haben sich die Befürchtungen der Gnome-Initiatoren erübrigt, weil Trolltech auch Qt unter eine freie Lizenz gestellt hat; ob die Existenz einer konkurrierenden Desktop-Umgebung hinter dieser Entscheidung steckt, bleibt ein Firmengeheimnis. Gnome und KDE unterscheiden sich technisch jedoch so grundlegend, dass eine Vereinigung der beiden Projekte nicht mehr möglich ist.

Outfit

Unterschiede zwischen Gnome und KDE zeigen sich Benutzern auch ganz ohne tiefer gehendes technisches Wissen direkt nach dem Start. Abbildung 1 deutet bereits auf die eher zurückhaltende Herangehensweise der Gnome-Oberfläche hin: Über zwei unscheinbare Panels interagiert der Benutzer mit ihr. Das obere enthält das Programmmenü sowie Applets, die den Anwender mit Informationen versorgen. Das untere enthält lediglich die Umschaltfläche für den Wechsel zwischen den offenen Fenstern und den Arbeitsflächen.

Abbildung 1: Zwei unscheinbare Panels umgeben die Gnome-Oberfläche in der Standardvorgabe – das Menü und die Applets befinden sich am oberen Bildrand.

Das Gnome-Menü unterscheidet sich auch strukturell von dem der KDE-Oberfläche. Das eigentliche Startmenü findet sich im Bereich Anwendungen und bietet Zugriff auf die in Kategorien wie Internet, Unterhaltungsmedien oder auch Systemwerkzeuge einsortierten Programme. Daneben gibt es die Bereiche Orte und System. Die Einträge im ersterer Sparte öffnen gebräuchliche Verzeichnisse im Dateimanager; neben dem persönlichen Ordner stehen hier beispielsweise Wechseldatenträger und das Netzwerk zur Auswahl. Unter System gibt es persönliche sowie systemweite Einstellungen, die Hilfe und den Abmeldedialog.

Dass unter KDE das Startmenü anders aussieht und sich in der Standardeinstellung am unteren Bildrand befindet, ist allerdings kein sehr bedeutender Unterschied zwischen den Desktop-Umgebungen, zumal der Benutzer das Aussehen beider Oberflächen sehr weit aneinander angleichen könnte. Prinzipiell andere Auffassungen über die Gestaltung der Benutzeroberfläche zeigen sich an anderen Stellen.

Am Umgang mit dem Thema Funktionsvielfalt scheiden sich die Geister der Gnome-Entwickler und -Nutzer auf der einen sowie der KDE-Pendents auf der anderen Seite. KDE-Anhänger argumentieren oftmals, möglichst viele Optionen müssten offen über Einstellungsdialoge zugänglich sein: Die Entwickler dürften nicht die Entscheidung vorwegnehmen, welche Optionen relevant sind, da sie damit Benutzer bevormunden und ausschließen würden.

Unter Gnome gilt dagegen eher die Regel, dass wichtige Optionen ohne Ablenkung ins Auge fallen sollen, seltener gebrauchte Einstellungen bleiben deshalb beispielsweise hinter einer ausklappbaren Liste verborgen. In einigen Fällen hat der Benutzer gar keine Möglichkeit, die Standardvorgaben von Gnome-Anwendungen mit Hilfe des grafischen Interfaces zu verändern.

Die Abbildungen 2 und 3 demonstrieren anhand der Einstellungen der Webbrowser Epiphany (Gnome) und Konqueror (KDE), wie sehr sich die entsprechenden Dialogfenster in puncto Umfang unterscheiden. Oft zeigt sich, dass Laien bei der KDE-Herangehensweise in Schwierigkeiten geraten, wenn sie unter den zahlreichen Optionen wählen und ihre Folgen interpretieren müssen. Dies zu vermeiden, ist ein zentraler Aspekt der Gnome-Philosophie – mit dem in Kauf genommenen Risiko, den Anwender in seinen Möglichkeiten zu beschneiden.

Abbildung 2: Der Gnome-Standardbrowser Epiphany fasst alle verfügbaren Optionen in vier Tabs mit wenigen Unteroptionen zusammen.
Abbildung 3: Konqueror unterteilt seinen Einstellungsdialog in 17 Teilbereiche, in denen der Benutzer das Verhalten des KDE-Browsers sehr detailliert verändern kann – wenn er die passende Option findet.

Konfiguration

Statt mit eineme zentralen Kontrollzentrum wie bei KDE konfigurieren Gnome-Benutzer ihren Desktop über eine Vielzahl von Dialogfenstern, die im Menü System zu finden sind. Bei ihrer Unterteilung in Einstellungen und Systemverwaltung gilt als Grundregel: Die erstgenannte Kategorie enthält Optionen, die lediglich den Benutzer betreffen und die er folgerichtig auch ohne Systemverwaltungsrechte verändern darf. Punkte, die sich auf das ganze System auswirken, stehen unter Systemverwaltung.

Die Benutzereinstellungen ermöglichen vor allem die Konfiguration von Äußerlichkeiten und Verhaltensweisen des Desktops. Beispielsweise wählt der User im Dialog Erscheinungsbild (Abbildung 4) das Theme, das Hintergrundbild sowie die Schriftarten und -größen aus. Auch das Menü, die akustischen Signale, die Energieverwaltung von Laptops, die Tastaturbelegung, Tastenkombinationen sowie die bevorzugten Anwendungen zum E-Mailen und Web-Surfen legt der Benutzer im Einstellungen-Menü fest.

Abbildung 4: Unter Gnome gibt es statt eines zentralen Kontrollzentrums zahlreiche Dialogfenster zur Konfigurationen einzelner Aspekte wie hier des Desktop-Erscheinungsbilds.

Im Abschnitt Systemverwaltung liegen für gewöhnlich Einstellungsoptionen, die sich nur mit Administratorrechten verändern lassen, weil sie die Funktionalität des Systems beeinträchtigen können. Oftmals gibt es hier einen Zwischenbereich wie bei der Druckerverwaltung; ob gewöhnliche Anwender beispielsweise Drucker hinzufügen und löschen oder nur deren Einstellungen ändern dürfen, hängt von der Systemkonfiguration ab, die die verwendete Linux-Distribution vorgibt.

Manuell

Während die Gnome-Einstellungsdialoge durchaus zahlreich sind und die Veränderung der meisten Desktop-bezogenen Einstellungen ermöglichen, kommt das Prinzip, weniger wichtige Optionen gar nicht anzuzeigen, eher bei den Gnome-Anwendungen zum Zuge. Um auch diese zugänglich zu machen, ist ein Ausflug in die der gesamten Gnome-Konfiguration zugrundeliegende Registry-artige Anwendunge GConf notwendig.

GConf verwaltet eine Vielzahl einzelner Konfigurationsdateien im XML-Format, die die Einstellungen des Desktops und der einzelnen Anwendungen speichern. Beim Gnome-Start liest GConf systemweite und benutzerspezifische Einstellungen aus diesen Dateien ein und fügt sie zu einer so genannten GConf-Ressource zusammen.

Im Aufbau ähnelt eine GConf-Ressource der Windows-Benutzern bekannten Registry. Zum Durchstöbern und Verändern gibt es einen Konfigurationseditor (Abbildung 5). Sie starten ihn über ein Schnellstartfenster ([Alt]+[F2]), in das Sie gconf-editor eingeben.

Abbildung 5: Der Konfigurationseditor zeigt die GConf-Struktur an. Mit diesem Konfigurationssystem verwalten Gnome und seine Anwendungen ihre Einstellungen.

Der linke Fensterbereich des Konfigurationseditors unterteilt die zahlreichen Optionen in vier Grundkategorien: apps (Anwendungen), desktop, system und schemas. Letzte enthält jedoch keine Konfigurationsdaten, sondern lediglich eine Liste der möglichen Einträge.

Die anderen Bereiche durchstöbern Sie nach einem Klick auf die neben den Einträgen stehenden Pfeile. Damit öffnen Sie eine Baumansicht, durch deren Äste Sie an die Einstellungen der Anwendungen und Desktop-Aspekte gelangen. Abbildung 5 zeigt beispielsweise den Weg zum Abschnitt /apps/epiphany/general, der die allgemeinen Optionen von Epiphany enthält.

Um einen bestimmten Punkt im GConf-Editor zu finden, empfiehlt sich der Einsatz der Suchfunktion über den Menüpunkt Bearbeiten | Suchen oder die Tastenkombination [Strg]+[F] ("find"). Im erscheinenden Dialog geben Sie beispielsweise den Namen einer Anwendung ein, woraufhin Sie im unteren Fensterbereich eine Liste aller relevanten Einstellungen vorfinden.

Wenn Sie im linken Fensterbereich einen Ast anklicken, erscheint rechts eine Liste der verfügbaren Optionen. Sie enthält sowohl die direkt über die grafische Oberfläche konfigurierbaren als auch darüber hinausgehende Einstellungen. Das Beispiel aus Abbildung 5 zeigt die Option middle_click_open_url von Epiphany, die bestimmt, ob der Webbrowser eine im Zwischenspeicher liegende Webadresse öffnet, wenn der Benutzer mit der mittleren Maustaste ins Epiphany-Fenster klickt. Außerhalb des Konfigurationseditors gibt es keine Möglichkeit, diese Option anzupassen.

Im Bereich Schlüssel-Dokumentation erhalten Sie in den Feldern Kurzbeschreibung und Ausführliche Beschreibung Informationen über die Auswirkung der momentan markierten Option. Von ihrem Zweck hängt natürlich auch ab, ob sie sich lediglich ein- und ausschalten lässt oder ob sie die Eingabe eines Zahlenwerts oder eines Textes erfordert.

Zu beachten ist, dass im Konfigurationseditor vorgenommenen Änderungen normalerweise sofort wirksam und gespeichert werden. Auch eine Undo-Funktion fehlt dem Programm, Änderungen lassen sich also nicht Schritt für Schritt rückgängig machen. Schon deshalb empfiehlt es sich, den Konfigurationseditor nur einzusetzen, um anderweitig nicht einstellbare Optionen zu verändern.

Die Anwendungen

Wie KDE hat Gnome das Ziel, neben der grafischen Oberfläche selbst alle im Alltag benötigten Programme bereitzustellen. Eine wichtige Komponente eines modernen Desktops ist das E-Mail-Programm. Mehr als nur elektronische Post senden und empfangen kann die Gnome-Applikation Evolution (Abbildung 6). Sie verwaltet beliebig viele Mail-Konten und bietet ein umfangreiches Regelsystem zum automatischen Sortieren der ankommenden Nachrichten; auch das Aussortieren von Spam erledigt das Programm.

Abbildung 6: Evolution ist das Standard-Mailprogramm für Gnome. Es verwaltet auf Wunsch mehrere E-Mail-Accounts und bietet Kalender- und Groupware-Funktionen.

Hinzu kommen eine Kontaktverwaltung, die neben E-Mail-Adressen zahlreiche Daten speichert, sowie eine umfangreiche Kalenderfunktion. Sie synchronisiert die Termine und Aufgaben auch mit tragbaren Palm-PDAs und Web-Kalendern. Groupware-Funktionen zur Organisation gemeinsamer Terminabsprachen und Aufgaben gehören ebenfalls zum Umfang von Evolution.

Auch in Sachen Web setzt Gnome auf eine eigene Lösung. Der bereits angesprochene Browser Epiphany (Abbildung 6) ist hier die Standardanwendung. Sie setzt zur Verarbeitung von Webseiten auf dieselbe Engine wie der bekannte Firefox, die Darstellung sieht deshalb genauso aus. Das Ziel der Epiphany-Entwickler ist es auch nicht, die Anzeige von Webseiten zu verbessern, sondern die Integration in den Desktop zu optimieren.

Abbildung 7: Epiphany heißt der Gnome-Webbrowser. Er stellt Seiten genau wie Firefox dar, integriert sich aber besser in den Desktop.

Firefox und Epiphany unterscheiden sich also vor allem in der Oberfläche. Im Einstellungsdialog folgt Epiphany der Gnome-Philosophie und verfügt über wesentlich weniger Optionen als Firefox. Einige Linux-Distributoren wie Ubuntu und OpenSuse finden allerdings, dass der Übersichtlichkeit hier zu viel an Funktionsvielfalt geopfert wurde und konfigurieren die Gnome-Oberfläche mit Firefox als Standard-Browser.

Multimedia

Die Anzeige beliebiger Medien zählt ebenfalls zu den Standardaufgaben eines modernen Desktops. Für die Wiedergabe von Multimediadateien setzt Gnome auf ein System namens GStreamer. Es bereitet Video- und Tondaten für die Anwendungen Totem (Abbildung 8) und Rhythmbox (Abbildung 9) auf. Das hat den Vorteil, dass sich neue Codecs über GStreamer-Plug-ins integrieren lassen und allen Gnome-Applikationen zur Verfügung stehen.

Abbildung 8: Videos spielt der Gnome-Desktop in der Standardeinstellung mit Totem ab.
Abbildung 9: Für Musik kommt Rhythmbox zum Einsatz, das wie Totem auf GStreamer setzt.

Die Entwickler von Rhythmbox – das am ehesten vergleichbare KDE-Programm heißt Amarok [8] – bekennen sich dazu, durch das Programm iTunes der Firma Apple inspiriert worden zu sein. Das Programm behält die Musiksammlung im Blick und präsentiert sie nach Merkmalen wie Interpreten und Alben sortiert. Rhythmbox übernimmt auch die Verwaltung von Podcasts und bringt Musikstücke direkt auf tragbare MP3-Player oder brennt sie auf CD.

Office

Der Shooting-Star im Office-Bereich unter Linux ist OpenOffice, das Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationswerkzeug und weitere Applikationen unter freier Lizenz und auf professionellem Niveau liefert. Dennoch bemühen sich auch die Desktop-Umgebungen KDE und Gnome um für den jeweiligen Desktop angepasste Office-Suites; unter Gnome arbeitet daran das Projekt Gnome-Office.

Das Gnome-Büro besteht aus der Textverarbeitung Abiword (Abbildung 10), der Tabellenkalkulation Gnumeric und Mergeant, einer Oberfläche für die Verwaltung von Datenbanken. Die Bestandteile der Office-Suite haben sich unabhängig voneinander entwickelt und befinden sich deshalb auch in sehr unterschiedlichen Stadien. Abiword gibt es schon seit über acht Jahren, und es liegt mittlerweile in Version 2.4 vor; zwischenzeitliche Stabilitätsprobleme haben die Programmierer beseitigt, und auch in puncto Funktionalität bietet Abiword alles, was Benutzer zum Schreiben gewöhnlicher Texte benötigen.

Mergeant ist zwar nur wenig jünger als Abiword, doch hier verlief die Entwicklung zeitweise äußerst stockend. Deshalb gibt es auch noch keine stabile Programmversion, und die aktuelle Ausgabe 0.67 kann mit der Konkurrenz kaum mithalten. Gnumeric liegt etwa zwischen den beiden anderen Teilen der Gnome-Office-Suite und ist damit eine durchaus brauchbare Tabellenkalkulation.

Abbildung 10: Die Gnome-eigene Office-Suite kann noch nicht mit Spitzenreiter OpenOffice mithalten, integriert sich dafür aber elegant in den Desktop. Die Textverarbeitungskomponente Abiword erledigt alle wichtigen Aufgaben problemlos.

Desktop für alle

Schon lange stellt die so genannte Accessibility ein zentrales Anliegen der Gnome-Entwickler dar. Sie soll verhindern, dass Menschen mit körperlichen Behinderungen von der Benutzung des Desktops ausgeschlossen werden. Die namhaftesten Resultate dieser Bemühungen zeigen sich in den Anwendungen Orca und Dasher sowie ihrer Integration in den Gnome-Desktop; aber auch in OpenOffice und in die zukünftige Version 3.0 des Webbrowsers Firefox.

Orca kümmert sich um den visuellen Bereich. Es fasst mehrere Komponenten zusammen, die Menschen mit Sehschwächen die Arbeit mit Gnome erleichtern. Eine Sprachsynthetisierung liest beliebige Texte vom Bildschirm vor. Weiterhin unterstützt das Programm Braille-Zeilen, um das Lesen von Texten weiter zu erleichtern.

Um eine einfachere Eingabe von Texten zu erlauben, liefert Gnome in der Accessibility-Sparte das Programm Dasher. Der Benutzer fährt mit der Maus durch Blöcke, die Buchstaben oder anderen Zeichen entsprechen. Statistische Methoden vereinfachen die Suche nach den gewünschten Buchstaben: Je wahrscheinlicher es ist, dass ein Buchstabe in der eingestellten Sprache auf die bereits eingegebenen Zeichen folgt, desto größer stellt Dasher den zugehörigen Block dar [9].

Die Accessibility betreffend zeigt Gnome gegenüber KDE deutliche Vorteile, was schlicht daran liegt, dass dem Thema unter KDE noch nicht so lange Bedeutung zugemessen wird. Eine Erklärung dafür liegt in den unterschiedlichen Wurzeln der beiden Projekte: Während KDE in der Anfangsphase ein überwiegend europäisches Projekt war und sich vor allem in Deutschland als Standard-Desktop etabliert hat, stammt ein großer Teil der Entwickler- und Nutzerbasis von Gnome aus Nordamerika, wo die Ausgrenzung körperlich behinderter Menschen schon länger thematisiert wird.

Einschließendes Oder

Die Entscheidung für einen der beiden Desktops schließt glücklicherweise nicht die Anwendungen des anderen aus. Die Initiative Freedesktop.org [10] sammelt Spezifikationen, die Gnome, KDE und andere Desktops vereinheitlichen sollen, damit sich Programme überall möglichst reibungslos integrieren. Das betrifft beispielsweise Panel-Applets: Diese MiniProgramme lassen sich häufig gleichermaßen in die Systemabschnitte von KDE und Gnome einbinden.

Auch den Desktop teilen sich beide Desktop-Umgebungen. Alle auf dem virtuellen Arbeitsplatz befindlichen Dateien und Verzeichnisse landen im Verzeichnis Desktop unterhalb des persönlichen Home-Verzeichnisses: Sie erscheinen an derselben Stelle, wenn Sie die jeweils andere Oberfläche verwenden.

Es spricht also nichts dagegen, Gnome-Anwendungen unter KDE einzusetzen; ebenso lassen sich lieb gewonnene KDE-Programme auch nach einem Wechsel zu Gnome weiterverwenden. Populäre Applikationen wie Firefox, Thunderbird und OpenOffice sind ohnehin unabhängig von der Desktop-Umgebung.

Der Nachteil beim Einsatz von Anwendungen der jeweils anderen Umgebung liegt vor allem im Speicherverbrauch: Wenn Sie unter KDE ein Gnome-Programm über die Paketverwaltung Ihres Systems installieren, spielt diese auch die wichtigsten Bestandteile des Gnome-Desktops ein, beispielsweise die Gtk-Bibliothek und GStreamer. Wenn Sie das Desktop-fremde Programm dann starten, lädt das Betriebssystem die dazu notwendigen Bibliotheken in den Arbeitsspeicher, was Rechenzeit und Ressourcen verbraucht. Dasselbe gilt auf der anderen Seite: Starten Sie unter Gnome ein KDE-Programm, liest das System zur grafischen Darstellung die Qt- und die KDE-Bibliotheken ein, was den Arbeitsspeicher um mehrere Hundert Megabyte zusätzlich belasten kann.

Glossar

GUI

(Abkürzung für Graphical User Interface, deutsch: "grafische Benutzerschnittstelle") Wird als Synonym für "grafische Oberfläche" verwendet und bezeichnet den Teil einer Software, der über Fenster, Menüs und andere grafische Elemente mit dem Anwender kommuniziert.

Bibliothek

Eine Programm- oder Klassenbibliothek stellt eine Anzahl von Programmfunktionen zur Verfügung, auf die Anwendungsentwickler zurückgreifen können, um die von der Bibliothek zur Verfügung gestellten Funktionen nicht selbst schreiben zu müssen.

Theme

(deutsch etwa: "Leitmotiv", "Thema") Im Desktop-Bereich eine Sammlung von Konfigurationseinstellungen, die das Gesamtbild der Oberfläche bestimmen, darunter die Farbgebung, die Form der Fensterränder und das Aussehen von Icons.

XML

Die Extensible Markup Language (deutsch: "erweiterbare Auszeichnungssprache") ist ein Format, in dem sich beliebige Daten strukturiert speichern lassen. Frei definierbare Tags, die denen aus der Websprache HTML ähneln, legen diese Struktur fest und kennzeichnen die Daten.

Codecs

(Abkürzung für Coder/Decoder) Lesen in einem bestimmten Format verpackte Daten aus und ermöglichen Anwendungen, diese wiederzugeben. Beispielsweise spielt ein Musikwiedergabeprogramm mit Hilfe eines MP3-Codecs MP3-komprimierte Dateien ab, ein Video-Player mit entsprechendem Codec MPEG-Videos.

Accessibility

(deutsch: "Zugänglichkeit") Dieser Aspekt der Software-Entwicklung beschäftigt sich damit, Anwendungen auch für Menschen benutzbar zu machen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen oder Behinderungen bestimmte herkömmliche Ein- und Ausgabemittel nicht einsetzen können.

Braille-Zeilen

Ein Gerät, das sich an den Computer anschließen lässt und Texte in der Braille-Schrift darstellt. Dabei handelt es sich um eine auf Punktmustern basierende und damit fühlbare Schrift, mit der auch blinde Menschen Texte lesen können.

Infos

[1] KDE: http://www.kde.org

[2] Gnome: http://www.gnome.org

[3] Xfce: http://www.xfce.org

[4] Qt: http://http://trolltech.com/products/qt

[5] Gtk: http://www.gtk.org

[6] Gimp: http://www.gimp.org

[7] Xine: http://www.xinehq.de

[8] Amarok: http://amarok.kde.org

[9] Dasher-Artikel: Heike Jurzik, "Hände hoch", LinuxUser 10/2003, S. 56 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2003/10/056-dasher/

[10] Freedesktop.org http://www.freedesktop.org

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Related content

Kommentare