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Zugang für alle

Mit Linux trotz Behinderung arbeiten

12.07.2007
Linux bietet Menschen mit Behinderungen eine Vielzahl von Möglichkeiten, barrierefrei mit dem Computer zu arbeiten. Wir geben Ihnen eine Übersicht.

Barrierefreiheit verschafft Menschen in einer Gesellschaft die Autonomie und Mittel, um ein aktives soziales und wirtschaftliches Leben zu führen, heißt es sinngemäß in der Accessibility-Agenda 2010 der Europäischen Union (EU). Im übertragenen Sinne gilt das auch für Informationstechnologien.

Was Barrierefreiheit genau ist, legt das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz fest: "Barrierefrei sind (…) Systeme der Informationsverarbeitung (…), wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind."

Im Gegensatz dazu erschweren moderne Betriebssysteme immer noch durch eine ganze Reihe von Barrieren Menschen mit Behinderungen den Umgang mit Informationstechnologie. So ist es zum Beispiel für sehbehinderte Menschen kaum möglich, mit den Schriftgrößen zu arbeiten, die Programme ihnen in den Grundeinstellungen bieten. Auch die voreingestellten Kontraste – etwa schwarze Schrift auf weißem Untergrund – erschweren unter Umständen den Umgang mit dem Computer. Körperbehinderte Menschen haben oft Probleme, Programme mit der Maus zu bedienen. Software mit rein grafischer Oberfläche wird in diesem Fall eher zu einer unüberwindbaren Hürde als zu einer Erleichterung.

Es bewegt sich was

Von offizieller Stelle wie von engagierten Entwicklern wird allerdings einiges dafür getan, Menschen mit Behinderungen einen barrierefreien Zugang zu Informationstechnologien zu ermöglichen. So ist es zum Beispiel mittlerweile vorgeschrieben, dass Internetseiten von Behörden und öffentlichen Einrichtungen ihre Besucher ohne Hindernisse empfangen müssen. Dazu gehören zum Beispiel die Skalierbarkeit der Schrift, der Verzicht auf rein grafische Menüs, die Screenreader nicht vorlesen können, sowie die Option, statt mit der Maus über Tastenkürzel auf einer Seite zu navigieren. Genauso wichtig ist es zudem, Inhalte leicht verständlich und übersichtlich zu präsentieren.

Sie können sich auch selber helfen, wenn Sie Probleme mit Internetseiten haben: Benutzen Sie den Webbrowsers Firefox und stellen Sie einfach eine größere Schrift ein! Halten Sie [Strg] gedrückt und ziehen Sie das Scrollrad der Maus nach hinten. So vergrößern Sie die Ansicht. Denselben Effekt erzielen Sie, indem Sie die Tastenkombination [Strg]+[+] zum Vergrößern benutzen. Das Verkleinern geht entsprechend über [Strg]. Sie können den Schriftgrad aber auch dauerhaft umstellen: Klicken Sie dazu in den Einstellungen von Firefox, die Sie über Bearbeiten erreichen, im Register Allgemein auf Schriftarten & Farben. Stellen Sie dort bei Größe (Pixel) einen höheren Wert ein, zum Beispiel 18. Im Bereich Bildschirmauflösung bei Minimale Schriftgröße nehmen Sie ebenfalls einen höheren Wert, zum Beispiel 18. Klicken Sie zweimal auf OK, um die Einstellungen zu übernehmen.

Allerdings kann es mit diesen Einstellungen passieren, dass Sie das Layout mancher Internetseiten "zerschießen", es also auf Ihrem Monitor ganz anders aussieht, als von den Anbietern beabsichtigt. Andererseits ermöglichen diese Einstellungen aber, dass mehr Leute die Inhalte solcher Seiten lesen können.

Wenn Sie das vergrößerte Layout einer Seite zu sehr stört, schalten Sie es einfach ab. Dann sehen Sie nur noch den – allerdings schmucklosen – Inhalt. Wählen Sie dazu im Firefox Ansicht / Webseiten-Stil / Kein Stil.

Barrierefrei mit Bordmitteln

Auch das freie Betriebssystem Linux mit seinen vielen verschiedenen Distributionen muss sich daran messen lassen, wie barrierefrei es für seine Benutzer ist. Schon in der Standardinstallation bringen OpenSuse 10.2, Mandriva Linux oder Kubuntu und die mitinstallierten Programme dieser Distributionen die wichtigsten Optionen für Barrierefreiheit mit. Allerdings präsentiert sich so gut wie kein Programm von Hause aus behindertenfreundlich. Ohne fremde Unterstützung ist es zudem kaum möglich, die Grundeinstellungen zu ändern. Daher sollten sich Menschen mit Behinderungen beim Einrichten Ihres Computers helfen lassen.

Aktivieren Sie zunächst die Zugangshilfen Ihres Betriebssystems. Unter OpenSuse 10.2 und Kubuntu drücken Sie zum Öffnen des Schnellstartfensters [Alt]+[F2] und geben dort kcmaccess ein. So öffnen Sie das KDE-Kontrollmodul Einrichten. Bei Mandriva Linux 2007 erreichen Sie diese Einstellungen über das K-Menü. Wählen Sie dort System / Einstellungen / Kontrollzentrum und dann unter Regionaleinstellungen & Zugangshilfen die Zugangshilfen.

Im selben Modul stellen Sie auch die Signale Ihres Computers ein. Auf Wunsch warnt Ihr PC Sie bei einer Fehlbedienung mit einem akustischen Signal. Sie können das aber auch in ein sichtbares Signal ändern, wenn Sie Schwierigkeiten haben, den Signalton des Systems zu hören.

Sind Sie motorisch eingeschränkt, sorgen Sie dafür, dass die Tasten [Umschalt],[Strg] und [Alt] einrasten, so dass Sie künftig Tastenkombinationen hintereinander ausführen. Wechseln Sie dafür in das Register Klebende Tasten (Abbildung 1) und aktivieren Sie die Option Klebende Tasten verwenden. Bestätigen Sie die Einstellung mit Anwenden. Ab jetzt drücken Sie zum Beispiel einmal [Alt] und danach die Taste [F2], um die Schnellstartleiste zu aktivieren. Drücken Sie noch einmal [Alt], schalten Sie die klebende Taste wieder aus.

Abbildung 1: Tasten, die rasten: Im Register "Klebende Tasten" stellen Sie ein, dass Umschalt, Strg und Alt einrasten, wenn Sie diese drücken.

Auch das Register Verlangsamte Tasten bietet Hilfe für Personen mit motorischen Einschränkungen. Bei Tasten verlangsamen stellen Sie eine Zeitspanne ein, die vergeht, bis der Computer eine gedrückte Taste akzeptiert. Entsprechendes gilt für wiederholtes Drücken bei Zurückschnellende Tasten. So verhindern Sie das unbeabsichtigte Drücken von Tasten und die unerwünschten Folgen, die das haben kann. Haben Sie alles eingestellt, klicken Sie auf OK, um die Änderungen zu übernehmen.

Um die Lesbarkeit der Bildschirmelemente allgemein zu verbessern, können Sie in KDE auf vorgefertigte Schemen zurückgreifen. Drücken Sie [Alt]+[F2] und geben Sie in das Schnellstartfenster kcmshell kthememanager ein. Im Thememanager (Abbildung 2) sind verschiedene Einstellungen zusammengefasst, die Hintergrundgestaltung, Farben, Schriftarten und Stil betreffen. HighContrastDark-big etwa zeigt große, helle Symbole auf einem dunklen Hintergrund an und ist damit deutlich behindertenfreundlicher als die normalen Vorgaben.

Abbildung 2: Themen und Schemen: Im KDE-Thememanager wählen Sie eine kontrastreiche Darstellung aus, die beim Lesen hilft.

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