Viele Anwender betrachten Linux aus einer Windows-Perspektive und kritisieren abweichendes Verhalten des Systems als fehlerhafte Umsetzung. Dieser Ansatz ist genauso unsinnig wie der umgekehrte, also Windows durch die Linux-Brille zu bewerten – die Systeme sind grundverschieden, und keines der beiden hat das Ziel, dem anderen ähnlich zu sein. Das ändert aber nichts daran, dass Benutzer sich oft das Beste aus beiden Welten wünschen, egal, ob sie nun unter Windows oder Linux arbeiten. In diesem Artikel beschreiben wir, was Vista schon an Neuerungen zu bieten hat und was noch fehlt – dann zeigen wir auch, wie Sie diese Features nachrüsten.
Windows und der Desktop
Die auffälligsten Änderungen betreffen den Desktop – neben einem neuen Standard-Theme (das sich bei Missfallen auch wieder auf die Windows-2000-Optik zurückstellen lässt) gibt es hier einige neue Funktionen:
- Am rechten Rand sitzt nun eine Sidebar, die kleine Mini-Anwendungen aufnimmt, z. B. RSS-News-Reader, Kalender und Uhr oder eine Lastanzeige. Im Auslieferzustand gibt es nur zwölf dieser Anwendungen, über eine Portalseite lassen sich aber etliche weitere Tools nachinstallieren, zum Beispiel ein praktisches Web-Radio.
- Verdecken die Fenster den gesamten Desktop, macht ein Klick auf das Icon gleich links vom Startmenü Schluss mit dem Spuk und räumt den Bildschirm frei: Danach sind die Desktop-Icons wieder erreichbar; ein zweiter Klick auf das Icon stellt alle vorher sichtbaren Fenster wieder her.
- Der Wechsel zwischen mehreren Fenstern ist übersichtlicher geworden: Zum Einen zeigt die klassische Tastenkombination [Alt]+ [Tabulator] nun alle Fenster als Thumbnails an, zum Anderen ist über [Windows]+ [Tabulator] eine neue Darstellung verfügbar, in der die Fenster dreidimensional hintereinander erscheinen (Abbildung 1). Jeder weitere Druck von [Tabulator] bei gedrückt gehaltener Windows-Taste rotiert diese Darstellung; beim Loslassen holt Vista das gerade ganz vorne angezeigte Fenster in den Vordergrund – alternativ pickt ein Mausklick ein beliebiges Fenster heraus.
Mehrere Desktops erleichtern Linux-Anwendern die Arbeit, denn die Programmfenster müssen sich nicht eine einzige Oberfläche teilen. Bei ganz alten Linux-Systemen hieß das "virtueller Desktop", KDE und Gnome sprechen nur noch von Desktops (oder deutsch Arbeitsflächen).
Windows hat dieses Feature auch in seiner neusten Version Vista noch nicht, aber es ist schnell nachgerüstet: Dazu laden Sie den VirtuaWin-Installer von [1] herunter oder greifen zur Heft-DVD. Das Programm haben die Entwickler unter die GPL gestellt – die Lizenz, die auch für die meisten Linux-Anwendungen und den Linux-Kern selbst gilt.
Läuft das Programm, erscheint in der Startleiste am rechten Rand ein neues Symbol in Form von einem weißen und drei grünen Quadraten, welche die vier Desktops symbolisieren (Abbildung 2) – per Klick auf eines der Quadrate wechseln Sie auf die zugehörige Arbeitsfläche. Da es umständlich ist, die kleinen Felder mit der Maus genau zu treffen, gibt es auch Tastenkombinationen: [Windows] zusammen mit einer der vier Cursortasten springt zu benachbarten Desktops.
Wichtige Programme
Einige Anwendungen sind Windows-Klassiker, weil sie über Jahre mit jeder Version ausgeliefert wurden. Bei manchen dieser Tools ändert sich nichts, so sieht zum Beispiel das Malprogramm Paint noch genauso wie vor zehn Jahren aus. Andere Programme haben mehr Änderungen erfahren, das gilt besonders für den Internet Explorer. Microsoft hat ja vergleichsweise spät angefangen, sich für das Internet zu interessieren; hat es mit dem Explorer aber geschafft, den viel älteren Browser Netscape (heute Mozilla, Firefox) auf dem Windows-Desktop zu überholen. Vista enthält die neue Version 7.0 (die es aber auch für XP gibt) – sie bietet einige nützliche neue Features:
- Es gibt endlich Tabs: Die ordnet der Browser, wie unter Linux gewohnt, in einer Tab-Leiste über der Seitenansicht an, und einige Standardtastenkombinationen funktionieren auch: [Strg]+ [T] erzeugt einen neuen Reiter, während [Strg]+ [N] wie bisher ein zusätzliches Fenster öffnet. Eine Schnellübersicht aller geöffneten Tabs liefert [Strg]+ [Q] (Abbildung 3). Von einem Tab zum nächsten wechseln [Strg]+ [Tabulator] (vorwärts) und [Strg]+ [Umschalt]+ [Tabulator] (rückwärts).
- Ein Pop-up-Blocker verhindert das automatische Zumüllen des Desktops mit unerwünschter Werbung. Zudem soll ein Phishing-Filter Anwender vor den beliebten Abzockseiten schützen, welche die Zugangsdaten zu Bankkonten, E-Bay, Paypal & Co. abfragen.
Etwas ungewohnt: Die klassische Menüleiste gibt es zwar, aber der Internet Explorer versteckt sie standardmäßig, erst ein Druck auf [Alt] bringt sie ans Tageslicht. (Das gilt auch für den Dateimanager Explorer.)
Übrigens: Wer statt des Internet Explorers Firefox als Standardbrowser einstellt, wird nicht weiter bedrängt – im Startmenü ruft ein Klick auf den prominent platzierten Eintrag Internet fortan den freien Browser auf.
Komfortabel ist der Media Player, der nicht nur die lokale MP3-Kollektion verwaltet, sondern auch via Drag & Drop elegant Daten auf externe Player überträgt. Leider beherrscht er noch immer nicht das patentfreie Ogg-Vorbis-Format, das sich zumindest in der Linux-Welt als Alternative zu MP3 etabliert hat. Doch das ist schnell nachgerüstet: Nach dem Herunterladen der Datei oggcodecs_0.71.0946.exe vom Entwickler Illiminable [3] führen Sie das Programm aus. Gleich nach Abschluss der Codec-Installation beherrscht der Media Player auch das Ogg-Format. Das gilt allerdings nur für die Musik selbst, die enthaltenen ID3-Informationen wertet das Programm nicht aus, so dass bei Ogg-Dateien (wie bei Wav-Dateien) nur der Dateiname erscheint.



