Aufmacher Artikel

Das beste dreier Welten

Schöner fotografieren

12.04.2007
Zu hell oder zu dunkel: Manchmal kann ein Foto nicht gelingen. Doch dank Gimp gibt es Möglichkeiten, die Gegensätze zu vereinen.

Es ist ein schöner Februarmorgen, die Sonne scheint durch die beiden Fensterfronten und erzeugt ein entspanntes Licht im Konferenzraum. Drinnen gelassene Ruhe, draußen ein blauer Himmel. Nur festhalten lässt sich diese malerische Szene nicht. Knipsen Sie mit einer kurzen Belichtungszeit, sehen Sie den blauen Himmel (Abbildung 1, rechts), entscheiden Sie sich für eine lange Belichtungszeit, kommt das Licht im Konferenzraum zur Geltung (Abbildung 1, unten), doch die Welt vor dem Fenster verschwimmt in einer weißen Fläche. Die goldene Mitte zeichnet den Raum zu dunkel und den Himmel nur ansatzweise blau (Abbildung 1, links).

Abbildung 1: Drei Fotos, keins ist gut: Auf Grund des beschränkten Kontrastumfangs der Technik erscheint der Hintergrund zu hell oder der Vordergrund zu dunkel.

Die Ursache: Viele Kameras stellen Kontrastumfänge (siehe Kasten "Kontrastumfang") nur eingeschränkt dar. Durch einen Trick bei der digitalen Bearbeitung der Fotos lässt sich das allerdings ändern: Die Technik heißt "Exposure Bracketing", was sich schwer übersetzen, aber leicht beschreiben lässt. Sie verschmelzen dabei einfach die drei Fotos aus Abbildung 1 zu einem neuen Foto. Über eine Maske wählen Sie den jeweils interessanten Teil der über- und unterbelichteten Fotos aus – den Himmel beim dunklen, den Tisch beim hellen Foto – und legen ihn über das "normal" belichtete Foto. Das geschieht mit Hilfe von Ebenen im Grafikprogramm Gimp. Indem Sie mit den halbtransparenten Masken das normale Foto überdecken, gleichen Sie die Belichtungsdefizite aus (Abbildung 2).

Abbildung 2: So sieht es schon besser aus: Sie sehen den blauen Himmel im Hintergrund, ohne dass der Konferenztisch in Dunkelheit versinkt.

Kontrastumfang

Eine durchschnittliche Digitalkamera kann theoretisch etwa 1000 Helligkeitsstufen zwischen dem dunkelsten und dem hellsten Punkt einer Szene unterscheiden. Das menschliche Auge nimmt aber wesentlich mehr Stufen – etwa 100.000 – wahr: Wo Sie bei einem Haus im Gegenlicht noch deutlich Türen und Fenster erkennen, zeigt ein Foto gewöhnlich nur eine schwarze Fläche. Das digitale Foto gibt also jeweils nur einen Ausschnitt der möglichen Helligkeitsdynamik wieder. Welcher das ist, hängt davon ab, welche Punkte die Bildsensoren gerade als am hellsten und am dunkelsten identifizieren.

Abbildung 3: So fügt Gimp die drei Bilder zusammen: Die Software legt sie auf drei Ebenen und versieht zwei der Ebenen mit Masken.

Linux, Gimp und Exposure Blend

Die Möglichkeit, Helligkeitsunterschiede auf Fotos durch Exposure Bracketing und Tone Mapping (siehe Kasten "RAW und Tone Mapping") deutlich zu erhöhen, nennt sich "HDR"-Fotografie. Die Anführungszeichen sollen verdeutlichen, dass es sich nicht um echte High-Dynamic-Range-Fotografie handelt (auch HDR, hier aber ohne Anführungszeichen). Das Problem: Setzen Sie Gimp, eine gewöhnliche Digitalkamera, die JPEG-Bilder erzeugt, und einen handelsüblichen Monitor ein, erhalten Sie Bilder mit 256 Farben pro RGB-Kanal (siehe Kasten "Bits und RGB"). Das ist ein Kontrastumfang von 256 Farben, solche Helligkeitsunterschiede bezeichnet man gewöhnlich als Low Dynamic Range (LDR).

Bits und RGB

Etwas verwirrend erscheint in diesem Licht, dass Sie die Farbauflösung für Monitore bekanntlich auf 16 Bit, 24 Bit oder gar 32 Bit einstellen. Dabei handelt es sich allerdings um Bits pro Pixel (bpp), nicht pro Farbkanal. Gewöhnlich besteht ein Pixel aus drei Farbkanälen aus dem RGB-Farbraum. RGB steht dabei für Rot, Grün und Blau. Alle drei Kanäle können 1 bis 256 Grauwerte annehmen, was je 8 Bit entspricht (Kontrastumfang 1:256 pro Kanal). Summieren Sie die drei Farbkanäle (3 x 8 Bit), kommen sie auf 24 Bit pro Pixel. 32 Bit erhalten Sie, wenn Sie noch den Alpha-Kanal hinzu multiplizieren (RGBA), der für die Transparenz eines Pixels sorgt und ebenfalls 256 Werte annehmen kann.

HDR-Bilder arbeiten indes mit 32 Bit pro Farbkanal (Kontrastverhältnis ca. 1:4,3 Mrd. pro Kanal). Programme wie CinePaint – ein noch recht instabiler Gimp-Fork – beherrschen den Umgang mit solchen Bildern: Zum Anzeigen brauchen Sie dann aber auch einen HDR-fähigen Monitor, und der kostet momentan um die 50.000 Euro. Und Sie benötigen eine teure Kamera, die hochauflösende Bilder erzeugt. Echte High-Dynamic-Range-Fotografie interessiert zur Zeit also nur professionelle Fotografen und Filmproduzenten, die Animationen und Special Effects mit 32 Bit pro Farbkanal produzieren – ein teurer Spaß. Ironischerweise rechnen sie die HDR-Bilder anschließend für die Leinwand auf 16 Bit und für das Fernsehen auf 8 Bit herunter. Das mit Gimp erzeugte Bild besteht indes aus drei 8-Bit-Fotos, die dank einer geschickten Fotomontage eine höhere Helligkeitsdynamik erreichen.

RAW und Tone Mapping

Viele digitale Kameras erzeugen Bilder tatsächlich in einer 12-Bit-Auflösung und erzeugen somit 4096 Helligkeitsstufen pro Kanal, reduzieren diese dann allerdings auf 8 Bit pro Farbkanal, während sie ein JPEG-Bild erzeugen. Bei einigen Kameras ist es möglich, die Bilder in diesem RAW-Format – das immer noch als Low Dynamic Range gilt – zu erhalten. Unter [1] finden Sie nähere Informationen zu dem recht komplexen Thema. Bearbeiten Sie die Bilder nun mit einem HDR-Programm, in einem HDR-fähigen Bildformat (OpenEXR), kommen Bilder heraus, die tatsächlich über höhere Helligkeitsdynamik verfügen. Um die dann auf einem gewöhnlichen Monitor adäquat darzustellen, kommt das Tone Mapping zum Einsatz: Es rechnet die High-Dynamic-Range-Bilder so um, dass auch gewöhnliche Monitore oder Drucker sie einigermaßen gut darstellen, reduziert also möglichst sinnvoll die Helligkeitsunterschiede.

Exposure Blend

Sie können nun zu Fuß drei Fotos schießen und sie dann manuell bearbeiten. Das gestaltet sich allerdings recht aufwendig, wie Sie unter [2] nachlesen können. In der Praxis erleichtert ein Skript namens "Exposure Blend", das Sie auch auf der Heft-DVD finden, die Arbeit des Zusammenfügens und Überblendens wesentlich. Es automatisiert die Arbeitsschritte. Das dabei erzeugte "HDR"-Bild bearbeiten Sie über den Ebenendialog gut nach.

Die Installation ist ein Kinderspiel: Bis auf Kubuntu Dapper Drake installieren alle von EasyLinux unterstützten Distributionen Gimp automatisch mit, Kubuntu-Nutzer spielen die Software also zunächst über Adept ein. Nach dem erstmaligen Start finden Sie in jeder Distribution den versteckten Ordner .gimp-2.2 in Ihrem Home-Verzeichnis, lediglich Mandriva Linux 2007 bringt bereits Version 2.3 mit, weshalb der Ordner .gimp-2.3 heißt. Kopieren Sie nun die SCM-Datei von der Heft-DVD in den Ordner ~/.gimp-2.2/scripts bzw. ~/.gimp-2.3/scripts.

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

  • Bild, schöön!
    Die HDR-Fotografie soll die Lücke zwischen Fotografie und dem menschlichen Sehvermögen schließen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie aus Ihren guten Fotos noch bessere Bilder machen.
  • DRI mit Gimp
  • Kontrastmittel
    Ein gut belichtetes Foto gelingt selten mit der ersten Aufnahme. Und besonders bei Motiven mit starken Helligkeitsunterschieden ist eine gleichmäßig belichtete Aufnahme fast unmöglich. Abhilfe schafft Qtpfsgui, das ein kontrastreiches HDR-Bild aus einer Belichtungsreihe zaubert.
  • Entwicklungshelfer
    Wer Wert auf hochwertige Aufnahmen legt, kommt am Rohdatenformat nicht vorbei. Rawstudio hilft beim Verwalten und Konvertieren auf dem Rechner.
  • Fotobearbeitung mit Gimp
    Reisezeit ist Fotozeit, doch leider gelingen die Schnappschüsse nicht immer. Nicht so schlimm – Gimp poliert Ihre Bilder wieder auf Hochglanz. Kratzer, Risse, Flecken und rote Augen verschwinden in Windeseile. Außerdem zeigen wir, wie Sie auch ohne Urlaub zu Reisefotos kommen.
Kommentare

Infos zur Publikation

title_2014_03

Digitale Ausgabe: Preis € 9,80
(inkl. 19% MwSt.)

EasyLinux erscheint vierteljährlich und kostet EUR 9,80. Weitere Informationen zum Heft finden Sie auf der EasyLinux-Homepage.

Das EasyLinux-Jahresabo mit Prämie kostet ab EUR 33,30. Details zum EasyLinux-Jahresabo finden Sie im Medialinx-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!      

Tipp der Woche

Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Tim Schürmann, 24.06.2014 12:40, 0 Kommentare

Wer mehrere nützliche Live-Systeme auf eine DVD brennen möchte, kommt mit den Startmedienerstellern der Distributionen nicht besonders weit: Diese ...

Aktuelle Fragen

Server antwortet mit falschem Namen
oin notna, 21.07.2014 19:13, 1 Antworten
Hallo liebe Community, Ich habe mit Apache einen Server aufgesetzt. Soweit, so gut. Im Heimnet...
o2 surfstick software für ubuntu?
daniel soltek, 15.07.2014 18:27, 1 Antworten
hallo zusammen, habe mir einen o2 surfstick huawei bestellt und gerade festgestellt, das der nic...
Öhm - wozu Benutzername, wenn man dann hier mit Klarnamen angezeigt wird?
Thomas Kallay, 03.07.2014 20:30, 1 Antworten
Hallo Team von Linux-Community, kleine Zwischenfrage: warum muß man beim Registrieren einen Us...
openSUSE 13.1 - Login-Problem wg. Fehler im Intel-Grafiktreiber?
Thomas Kallay, 03.07.2014 20:26, 8 Antworten
Hallo Linux-Community, habe hier ein sogenanntes Hybrid-Notebook laufen, mit einer Intel-HD460...
Fernwartung für Linux?
Alfred Böllmann, 20.06.2014 15:30, 7 Antworten
Hi liebe Linux-Freunde, bin beim klassischen Probleme googeln auf www.expertiger.de gestoßen, ei...