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Der heiße Draht

Telefonieren leicht gemacht

11.01.2007 Skype in Bedrängnis? Der freie VOIP-Client Wengophone macht dem proprietären Platzhirschen ernsthafte Konkurrenz.

Der VOIP-Client Skype erspart Linux-Anwendern Fummeleien an der Firewall oder am Router und tut, was er soll. Doch während der Windows-Client schon länger Video-Streams überträgt und sich auch Mac-Nutzer inzwischen über bewegte Bilder freuen, ruht sich Skype beim Linux-Client auf dem Erreichten aus. Die Fortschritte in der Entwicklung beschränken sich auf Fehlerkorrekturen, es gibt Gerüchte, eine Videofunktion sei auch nicht geplant. Nun mischt das OpenWengo-Projekt [1] die Karten neu.

Im Gegensatz zu Skype steht Wengophone, der Client des OpenWengo-Projekts, unter der GPL. Den Quellcode zur freien Software finden Sie im Internet. Der SIP-Provider Wengo und die französische Telefongesellschaft Neuf Cegetel fördern das Projekt. Bei einem ersten Test Anfang 2006 erwies sich die Software noch als unbrauchbar. Die nun getestete Version 2.0 ist noch RC5, überraschte aber durch Stabilität und Vielseitigkeit. Sie setzt auf den SIP-Standard und benutzt die plattformübergreifende Grafikbibliothek Qt4.

Wengophone überträgt nicht nur Audio- und Videodaten von PC zu PC. Dank der Software telefonieren Sie auch ins Festnetz, auf Handies, verschicken SMS, chatten mit anderen Wengophone-Nutzern, aber auch Anwendern von MSN-, AIM- und Google-Talk-Software, starten Telefonkonferenzen und tauschen Dateien aus. Dazu müssen Sie nicht einmal die Firewall justieren und Portweiterleitung betreiben.

Es gibt auch Nachteile: So existiert das Programm zur Zeit nur in einer englisch- und französischsprachigen Version. Zudem überträgt Wengophone die SIP-Daten unverschlüsselt – eine schwere Sünde im Software-Bereich. Auf Anfrage erfuhren wir, dass die nächste Version eine 128-Bit-AES-Verschlüsselung mitbringt. Legen Sie Wert auf Privatsphäre, sollten Sie bis dahin lieber eine andere VOIP-Software nutzen. Nicht zuletzt funktionierten im Test einige der angepriesenen Features nicht oder nur teilweise, so der Transfer von Dateien und die Konferenzschaltung – das gibt Abzüge in der B-Note.

Inbetriebnahme

Um Wengophone zu verwenden, benötigen Sie zunächst einen SIP-Account. Nach dem Start meldet sich die Software bei einem SIP-Provider – in diesem Fall Wengo – an. Dieser stellt über das SIP-Protokoll die Kommunikation mit anderen Wengophone-Nutzern her. Momentan arbeitet die Software nur mit Wengo zusammen, das soll sich aber mit der nächsten Version ändern und besitzt laut FAQ höchste Priorität. Im Normalfall umgeht Wengophone Probleme mit Firewalls durch einen HTTP-Tunnel. Sollten Sie aber den Gesprächspartner nicht erreichen oder erweist sich die Verbindung mit ihm als schlecht, sollten Sie als Nutzer von Suse Linux 10.0 / 10.1 die Ports 5060, 10600 und 10601 Ihrer Firewall freigeben. Rufen Sie dazu YaST auf, wechseln Sie zum Menüpunkt Sicherheit und Benutzer / Firewall / Erlaubte Dienste / Erweitert und geben Sie in die Zeilen TCP-Ports und UDP-Ports jeweils die drei Ports getrennt durch Leerzeichen ein. Starten Sie die Firewall neu.

Tipp

Wichtig: Registrieren Sie sich, schickt Wengo eine E-Mail an die von Ihnen angegebene E-Mail-Adresse. Die enthält einen Link, um Ihren SIP-Account zu aktivieren: Klicken Sie auf den Link. Andernfalls meldet sich Wengophone zwar erfolgreich bei Wengo an, Sie können aber keine Anrufe tätigen.

Die Software selbst finden Sie auf der Heft-DVD. Kopieren Sie das Archiv in ein Verzeichnis Ihrer Wahl und öffnen Sie eine Konsole. Über tar xvjf WengoPhone-2.0-linux-bin-x86.tar.bz2 entpacken Sie das Archiv in ein Unterverzeichnis, in das Sie nun wechseln. Sie brauchen nichts zu installieren, da das Archiv alle nötigen Bibliotheken, die Wengophone benötigt, enthält. Tippen Sie ./wengophone.sh ein, um die Software zu starten. Die Kommandozeile produziert nun eine ganze Menge Code, der Entwicklern hilft, Probleme in der Software zu finden. Minimieren Sie das Fenster und wenden Sie sich der grafischen Oberfläche zu. Geben Sie Ihre SIP-Zugangsdaten (E-Mail-Adresse und Passwort) an, öffnet sich die grafische Oberfläche des VOIP-Client (Abbildung 1).

Abbildung 1: Nach dem Anmelden beim SIP-Provider Wengo erscheint die Oberfläche von Wengophone.

Erster Kontakt

So lange Sie keine Gesprächspartner eintragen, bleibt der Reiter Contacts (Kontakte) leer. Unterhalb der Werkzeugleiste mit den sieben Icons steht der von Ihnen gewählte Benutzername, daneben zeigt die Software Ihr Guthaben an. Zur Zeit schenkt Wengo jedem neuen Nutzer ein Guthaben von einem Euro, mit dem Sie gleich mal ein paar Telefonate ins Festnetz oder aufs Handy führen. Wechseln Sie dazu zum Reiter Dialpad (Wählscheibe) und tippen Sie in die unten stehende Eingabezeile Ihre Privat- oder Handynummer ein (Abbildung 2). Dabei geben Sie stets die Landes- und Ortsvorwahl mit an. Für einen Anruf in Berlin lautet die Nummer also 0049 30 1234567, wobei Sie die Leerzeichen und die 0 vor der Ortsvorwahl weglassen und 1234567 durch die lokale Telefonnummer ersetzen. Rufen Sie eine Nummer im Festnetz in Deutschland an, kostet das 1 Cent pro Minute, ein Anruf aufs Handy schlägt mit 16 Cent pro Minute zu Buche. Die Preise ändern sich auch mal, eine Liste mit den aktuellen Tarifen finden Sie auf der Webseite von OpenWengo [2], ebenso einen Tarifvergleich mit den anderen Anbietern wie Skype, Yahoo oder MSN [3]. Als Zahlungsarten akzeptiert die Firma Wengo Kreditkarten und die Überweisung mit PayPal.

Abbildung 2: In das Dialpad tippen Sie die Telefonnummern für Anrufe ins Festnetz. Erst kommt die Landesvorwahl, dann folgt die Ortsvorwahl.

Wollen Sie eine SMS schicken, sind Sie mit 8,5 Cent pro Minute dabei. Sie rufen dazu den Menüpunkt Actions / Send a short text message (Aktionen / Kurznachricht senden) auf und tragen die gewünschte Nummer nach dem oben beschriebenen Schema ein (Abbildung 3). In das große Feld gehört der Text, Wengophone zeigt die Anzahl der noch offenen Zeichen an.

Abbildung 3: Eine SMS senden Sie ebenso über Wengophone. Die darf 160 Zeichen lang sein, als Nummer geben Sie wieder die Landesvorwahl ein, dann die Netzvorwahl, aber ohne die führende "0".

Um zum Beispiel kostenlos mit einem Kollegen von PC zu PC zu telefonieren, benötigen Sie dessen Wengo-Benutzernamen. Auf seinem Rechner muss zudem die Software laufen, die es aber auch für Windows und Mac OS X gibt. Klicken Sie auf das Icon ganz links in der Werkzeugleiste, öffnen Sie die Kontaktverwaltung. Dort ordnen Sie die Kontakte in Gruppen ein. Tragen Sie neben Group (Gruppe) Kollegen ein und dann in die Zeile Wengo ID den Benutzernamen des Kollegen. In die Zeilen neben Phone numbers (Telefonnummern) geben Sie auch gleich seine feste und mobile Telefonnummer ein. Stimmt das Guthaben, erreichen Sie mit dem Wengophone ja auch externe Telefone. Nach einem abschließenden Klick auf Save (Speichern) taucht Ihr Kollege – nennen wir in marcelh – im Reiter Contacts auf. Die Farbgebung des kleinen Knopfes neben dem Benutzernamen signalisiert seine Erreichbarkeit: Ist er grün, sitzt marcelh am Rechner, ein orangener Knopf symbolisiert die momentane Abwesenheit vom Arbeitsplatz, ein grauer Knopf verrät, dass der Kollege zur Zeit nicht am Rechner sitzt. Ein roter Knopf warnt, der Kollege hat gerade keine Zeit zum Plaudern. Klicken Sie mit der linken Maustaste auf den Eintrag, öffnet sich ein Drop-down-Menü, das weitere Informationen enthüllt. Neben den Telefonnummern sehen Sie hier unter Umständen auch ein Bild des Gesprächspartners (Abbildung 4). Ein eigenes Bild richten Sie über Wengo / Edit my Profil (Mein Profil bearbeiten) ein und geben in die Eingabemaske auch weitere Daten wie die Adresse und die Heimatstadt an.

Abbildung 4: Kontakte verwalten: Im Register "Contacts" erscheinen Ihre Gesprächspartner, wahlweise auch mit Bildchen und Telefonnummern.

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Infos zum Autor

Kristian Kißling

Kristian Kißling

Wenn Kristian Kißling nicht gerade für die LinuxCommunity schreibt, arbeitet er als Redakteur bei der Zeitschrift EasyLinux und als Chefredakteur für den Ubuntu User. Am liebsten beschäftigt er sich mit Multimedia- und Unterhaltungssoftware im weiteren Sinne und mit neuer Open-Source-Software, die überraschende Fähigkeiten zeigt.

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