"Wir sind stolz auf unsere freiwilligen Helfer"

"Wir sind stolz auf unsere freiwilligen Helfer"

Interview mit Paul W. Frields, dem Leiter des Fedora-Projekts

08.09.2009
Nicht jeder hat das Glück persönlich zum Red Hat Summit nach Chicago fliegen zu können. Durch einen Fedora-Fan, der (nicht ganz) zufällig vor Ort war, kam die LinuxCommunity zu einem Interview mit dem Fedora-Projektleiter Paul W. Frields.

- Paul, als Mitglied der ungarischen Fedora-Community interessiert es mich natürlich, wie viele Fedora-Benutzer es denn weltweit gibt? Vor einem Jahr hast du mal von neun bis zehn Millionen Fedora-Nutzern gesprochen.

Frields: Nun, wie das vielleicht bekannt ist, benutzt Fedora keinerlei Zwangsregistrierung, wir können uns deshalb nur auf allgemeine Statistiken berufen. Auf den Download-Statistiken und den über Smolt eingereichten Systeminformationen beruhend gehen wir zurzeit von einem Fedora-Lager aus, das aus rund 17 Millionen Nutzern besteht. Ein Arbeitskollege von mir, der sich die Statistiken angeschaut hat, geht sogar davon aus, dass diese zahlen eher zu pessimistisch geschätzt sind. Es ist sehr schwer, genaue Statistiken aufzustellen, da viele Rechner hinter einem Router oder Proxy sein könnten, zudem gibt es natürlich viele, die von einem Ort aus aber unter verschiedenen IP-Adressen Fedora herunterladen, zum Beispiel einmal für den Desktop-Rechner und einmal auf dem Notebook. Wir gehen zurzeit davon aus, dass es ungefähr 17 Millionen plus rund zehn bis 15 Prozent sind. Noch ein interessantes Detail: Unter den allgemeinen Distributionen sind wir die einzigen, die auch die Daten veröffentlichen, womit wir gemessen haben. Die andern Distributionen geben einfach irgendwelche konkreten Zahlen an.

- Da du schon mal die anderen Distributionen erwähnt hast: Wo würdest du Fedora im Vergleich der Distributionen positionieren?
Frields: Ohne jetzt irgendeine Distribution konkret zu nennen, kann ich mit ruhigem Gewissen behaupten, dass Fedora die einzige Distribution ist, die über eine stabile Nutzerbasis verfügt. Unseren Erfahrungen nach gibt es viele Nutzer, die zwischen den einzelnen Distributionen hin- und her springen, die passende Distro suchen. Für Fedora ist es jedoch nicht typisch, dass jemand nach der Nutzung von Fedora zu einer anderen Distribution wechselt. Meiner Meinung nach haben wir das der strengen Qualitätskontrolle während des Entwicklungszyklus zu verdanken. Wir testen viel und oft. Dem Feedback nach zu urteilen verbessern sich die einzelnen Releases nicht nur inhaltlich sondern auch qualitativ. Darauf sind wir sehr stolz.

- Das hängt bestimmt damit zusammen, dass Red Hat sehr viel zur Entwicklung beiträgt.
Frields: Weit gefehlt! Von den über Tausend Paket-Maintainern arbeiten nur ein paar Hundert bei Red Hat. Alle anderen arbeiten auf freiwilliger Basis, die meisten davon leisten professionelle Arbeit auf Enterprise-Level. Klar genießen wir den Support von Red Hat aber ich glaube, wir könnten das hohe Niveau auch so halten.

Frields bei seinem Vortrag zu Fedora auf dem Red Hat Summit 2009 in Chicago.

- Viele sind der Meinung, dass Fedora eher außerhalb Europas populär ist. Was hältst du davon bzw. was könnte der Grund dafür sein?
Frields: Ich glaube, das stimmt nicht. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu den Usergroups in Europa. Max Spevack (der frühere Projektleiter, Anm. der Redaktion) zum Beispiel kehrte erst vor Kurzem aus Amsterdam zurück. Er hat dort sehr viel Community-Arbeit geleistet und zum Beispiel mit den Ambassadors aus Deuschland die FUDCon auf dem LinuxTag in Berlin organisiert. Dann startet zum Beispiel übermorgen in Brno in der Tschechischen Republik die DeveloperConference2009 und darüber hinaus bekommen wir sehr viel Feedback von unseren Nutzergruppen in Osteuropa. Und dass du als Vertreter der ungarischen Fedora-Community hier in Chicago bist, widerspricht dem ja auch :-)

- Du hast das Ambassador-Projekt erwähnt. Wie erfolgreich läuft es und wie wichtig ist es für Fedora?
Frields: Es ist sehr wichtig und verläuft sehr erfolgreich. Wir sind echt stolz darauf. Nun gut, in der letzten Zeit verspürten wir einen kleinen Rückgang, aber das ist normal. Schließlich gibt es viele, die sich aus Begeisterung für das Ambassador-Projekt gemeldet haben, mit der konkreten Arbeit und den Verpflichtungen nimmt dann die Begeisterung langsam ab, bis einige ihre Mitgliedschaft sogar wieder kündigen. Aber die, die bleiben, die fühlen sich sehr verpflichtet: Sie besuchen kleinere und größere Firmen, Bildungseinrichtungen und werben dabei nicht nur für Fedora und Red Hat sondern auch für freie Software allgemein. Ich muss gestehen, dass ich manchmal sogar überrascht bin, wie professionell einige vorgehen. Davon profitieren langfristig nicht nur wir sondern auch Red Hat.

- Zum Thema Support und Firmen: Was ist deine Meinung zu einem Fedora LTS mit längeren Supportzyklen?
Frields: Wie ich das in meinem Vortrag erwähnt habe, geht es dem Feodra-Projekt in erster Linie darum, oft neue Versionen zu veröffentlichen und möglichst aktuelle (bleeding edge) Software in den Releases zu haben. Das haben wir in der Vergangenheit schon so gemacht und möchten es auch in Zukunft zu halten. Eine LTS-Version ist zwar keine schlechte Idee, würde aber sehr viel zusätzliche Arbeit und Energie beanspruchen, die unsere Community schlicht nicht hat. Wenn wir zusätzlich zu unserem aktuellen Modell (aktuelles Release + 2 Vorgängerversionen) noch eine zusätzliche Version supporten müssten, dann würde das etwa 25 Prozent mehr Aufwand bedeuten, das können wir nicht auf uns nehmen. Eine LTS-Version kann ich mir von einem Drittanbieter vorstellen, als professionelle Dienstleistung. Wer zurzeit eine LTS-Version braucht, dem empfehle ich eindeutig CentOS, wer hingegen echten professionellen Support benötigt, der findet mit Red Hat Enterprise Linux das passende Produkt.

- A propos CentOS: was ist deine Meinung zu den Vorfällen in letzter Zeit?
Frields: Das CentOS-Projekt leistet qualitativ hochwertige Arbeit. Ich bedaure es ehrlich, was mit CentOS passiert ist, hatte aber zugleich keine Minute lang Angst um das Projekt. Sie haben die Lage professionell gemeistert und ich hoffe, dass es in Zukunft zu keinen derartigen Zwischenfällen kommt. Ich möchte hier noch anmerken, dass die finanziellen Angelegenheiten von Fedora alle im Wiki zu finden sind. Natürlich haben auch wir Einnahmen und Ausgaben, Reisen zu Veranstaltungen und halten Vorträge: Ich sitze ja hier auch am Summit am eigenen Stand, um das Ambassador-Projekt zu unterstützen.

- Bei deinem Vortrag hast du den Nouveau-Treiber erwähnt. In welchem Zustand befindet er sich?
Frields: Oh, das ist einer meiner Lieblingstreiber. In meinem Notebook habe ich eine Grafikkarte von Nvdida. Damit alles funktioniert brauche ich die proprietären Treiber, sonst gibt es Probleme beim Suspend und Resume. Red Hat hat vor Kurzem Ben Skeggs als Vollzeit-Entwickler eingestellt, der für den Nouveau-Treiber verantwortlich ist. Wer den Rawhide-Zweig benutzt, spürt die Erfolge seiner Arbeit bereits -- und bei meinen eigenen Tests gab es bei den erwähten Funktionen keine Probleme mehr. Ich bin mir sicher, dass wir für Fedora 12 bereits einen vollwertigen, funktionierenden Treiber haben werden, bis dann gibt es aber noch viel Arbeit und alles muss getestet werden.

- Die nächste Frage nur ganz vorsichtig: Pulseaudio?
Frields: Was ist damit? Ich liebe Pulseaudio!

- Das kann schon sein, aber viele Benutzer haben damit eher negative Erfahrungen gemacht...
Frields: PulsaAudio ist etwas großartiges, aber im Prinzip nur eine virtuelle, abstrakte Schicht. Wenn die Nutzer Probleme festgestellt haben, dann lagen die in der darunterliegenden ALSA-Schicht, dafür können die Pulseaudio-Entwickler nichts. Wer Probleme mit Pulseaudio hat, soll diese bitte per Bugreport melden, damit wir diese beheben können. Pulseaudio ist viel wichtiger als es scheint. Damit wird die Entwicklung eines Audioprogramms zum Kinderspiel. Ich arbeite gerade an einem kleinen Programm - denk an nichts kompliziertes, sondern nur eine kleine Software, die zum Beuspiel ein Gespräch über Ekiga oder einen Fedora Talk mitschneidet und dann als Podcast online stellt. Du musst wissen, ich bin ein ziemlich mieser Entwickler: was andere in zehn Minuten erledigen, dafür brauche ich zehn Stunden. Nun, mit Pulseaudio war die Entwicklung wirklich ein Kinderspiel, weil ich nicht in den ALSA-Schichten herumstöbern musste. Ich hoffe, dass immer mehr die Bedeutung von Pulseaudio erkennen.

- Bei den Vorträgen auf dem Summit habe ich gesehen, dass viele hochqualifizierte Entwickler und Ingenieure auf ihren privaten Notebooks Fedora nutzen. Gibt es dazu eine Firmenrichtlinie oder sind die in Echt Fedora-Fans?
Frields: Es gibt hier keinerlei Zwang. Die, die du gesehen hast sind alles echte Fedora-Fans! Du musst wissen, dass Fedora eine unheimlich innovative Firma ist: wenn jemand eine Idee hat, dann will er sie sofort verwirklichen. Der einfachste und schnellste Weg dazu ist Fedora, so kommen die neuen Ideen in die Upstream-Versionen und halten über Kurz oder Lang auch in Red Hat Enterprise Linux Einzug. Fedora hat ein solches Niveau erreicht, dass man es in jeder Umgebung problemlos nutzen kann, auch für alle, die ihre Freizeit nicht damit verbringen möchte, dass sie am Betriebssystem herumfrikeln. Ich verrate dir noch etwas: Weißt du, wer unser größter Fan ist? Jim Whitehurst persönlich (CEO von Red Hat, Anm. der Redaktion).! Jim hat schon alle möglichen Betriebsssteme und Distributionen ausprobiert und -- wie überraschend -- Fedora hat es ihm am meisten angetan. Fedora 11 fand er sogar so toll, dass er mich am Abend nach der Veröffentlichung angerufen hat und mir persönlich zur neuen Version gratuliert hat und gesagt hat, dass wir da ein tolles Zeug gebaut hätten und bei ihm alles funktioniere :-)

- Eine triviale Frage: Die Welt spürt gerade die Folgen der Finanzkrise - habt ihr davon bei Fedora etwas mitbekommen?
Frields: Ja, und zwar, dass immer mehr Leute etwas zur Entwicklung freier Software beitragen. Egal ob kleine oder große Firmen, Hobbyprogrammierer oder professioneller Entwickler: immer mehr spüren, dass Open Source ein prägender Fakt der kommenden Zeit ist. Es ist kein Zufall, dass Red Hat seine Einnahmen verbessern konnte, dabei ist es -- wie Jim in seiner Ansprache erwähnte -- keine einfache Sache, Gratissoftware zu verkaufen.

- Habt ihr schon Pläne für Fedora 13 oder 14?
Frields: Nun, noch ist ja Fedora 12 nicht einmal erschienen, aber wir haben schon Pläne. Fedora 13 wird laut unseren Vorstellungen stark von den bisherigen Versionen abweichen. In erster Linie möchten wir beim Look & Feel für den Benutzer viel verbessern. Wir versuchen uns auch, auf Netbooks zu konzentrieren, da wir das für einen wichtigen Bereich halten. Zudem möchten wir die Verbreitung der Live-Version verbessern. Vermutlich werden wir auf die Live-CD verzichten und nur noch die DVD- und eine USB-Version anbieten, damit darauf möglichst viel Software Platz findet. Dannn konzentrieren wir uns auch auf die Lokalisierung. Es ist uns sehr wichtig, dass die Benutzer auf der ganzen Welt Fedora und die Anwendungen in ihrer eigenen Sprache kennenlernen dürfen. Ich nehme an, du wärst auch nicht glücklich darüber, wenn du in Ungarn Fedora auf Englisch nutzen müsstest.

- Vielen Dank für das Interview!
Frields: Ich danke für die Anfrage. Besuch bitte fleißig unsere Projektseite und wenn jemand Lust hat, sich dem Fedora-Ambassador-Programm anzuschließen, dann soll er nicht zögern.

Das Interview führte Laszló Béres vom ungarischen Sysadmin-Portal. Die LinuxCommunity dankt für die Erlaubnis zur Übersetzung und zum Abdruck des Interviews.

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