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"Ein bisschen mehr Liebe"

Interview mit Benjamin Drung

14.02.2011
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Der Paketbetreuer Benjamin Drung erzählt, warum er sich um Pakete kümmert (aus Liebe), was er von Windows hält (wenig) wie Canonical, Debian und die Ubuntu-Community zusammenspielen (inzwischen gut).

Ubuntu User: Was ist Deine Aufgabe in dem Ubuntu-Projekt, oder was siehst Du als Deine Aufgabe?

Benjamin Drung: Also, ich bin Ubuntu-Entwickler. Ich kümmere mich darum, dass die Pakete aktuell sind, dass die Fehler behoben werden, dass die Programme gut laufen und integriert sind. Gibt es neue Bibliotheken, müssen diese auch mit den Paketen im Ubuntu-Archiv funktionieren.

UU: Wo wohnst Du genau?

BD: In Berlin.

UU: Und Du bist Student?

BD: Ja, an der TU-Berlin, Studienrichtung "Technische Informatik".

UU: Bist Du da der einzige, der Ubuntu benutzt?

BD: Nicht der einzige, es gibt noch andere Ubuntu-Nutzer. Aber ich glaub in meinem Studiengang wahrscheinlich der einzige Ubuntu-Entwickler.

UU: Welche Programme betreust Du? Kennt man welche davon?

BD: Die bekanntesten sind wahrscheinlich VLC Mediaplayer, Audacity, Eclipse und Eclipse-Plug-ins. Dazu kommen eine Handvoll Mozilla-Firefox-Extensions, wie etwa Adblock Plus und weitere kleinere Tools wie Dvdbackup und andere.

UU: Sind das Programme, die Du persönlich benutzt?

BD: Im Normalfall habe ich mich um Pakete gekümmert, die ich selber verwende und bei denen ich bemerkt habe, da kümmert sich keiner drum oder die brauchen ein bisschen mehr Liebe. Deswegen habe ich angefangen, mich intensiver mit einem Paket auseinander zu setzen und angefangen, es zu pflegen.

UU: Und wie ist die Zusammenarbeit mit Canonical? Du musst ja dann dafür sorgen, dass die Pakete auch in die "Main"-Paketquelle oder die Distribution gelangen, oder?

BD:Ja, aber mit Canonical hat das weniger zu tun. Es gibt ein paar Nutzer, die dürfen Pakete hochladen. Ganz am Anfang herrschte folgende Einteilung: Es gab MOTUs – die "masters of the universe" – die durften Pakete nach Universe und Multiverse hochladen. Zudem gab es noch die Core Devs, also die Kernentwickler, die ihre Pakete in alle Paketquellen hochladen durften.

Mittlerweile sind die Upload-Rechte ein bisschen verfeinert worden. Man kann Upload-Rechte für gewisse Pakete beantragen. Bin ich zum Beispiel Debian-Entwickler und habe da ein paar Pakete, die ich für Ubuntu hochladen will, kann ich Upload-Rechte beantragen. Zudem gibt es Teams, etwa ein Desktop-Team, ein Mozilla-Team oder ein X.org-Team. Diese Teams verwalten eine Sammlung von Paketen – man spricht von "Package Sets". Erhält man Upload-Rechte für dieses Team, darf man genau die zum Set gehörigen Pakete hochladen.

UU: Und wie bekommt man diese Rechte?

BD: Es gibt eine Bewerbung – "Application" auf Englisch. Man erstellt eine Wiki-Seite, über die man sich als MOTU, Core Dev bewirbt oder um die Upload-Rechte für dieses oder jenes Paket. Dort schreibt man noch etwas über sich, wer man ist, was man gemacht hat. Das wichtigste ist, Leute zu finden, die einen unterstützen. Also etwa Leute, die bereits ein Sponsoring für die eigene Arbeit übernommen haben.

Um nochmal auf Canonical zurückzukommen: Man bekommt nur Upload-Rechte, wenn man durch diesen Prozess geht. Auch wenn man bei Canonical arbeitet, erhält man diese nicht automatisch. Da ich im Sponsors-Team bin, lad ich den Code anderer Leute hoch. Da sind auch Leute dabei, die bei Canonical arbeiten. Die haben dort entweder angefangen oder sind in ein Gebiet gewechselt, in dem sie eben Pakete hochladen müssen.

UU: Inwiefern ist Debian wichtig?

BD: Einerseits sind wir natürlich von den Upstream-Projekten abhängig, wie Gnome, Firefox, OpenOffice – LibreOffice mittlerweile – aber zum größten Teil von Debian. Am Anfang unseres sechsmonatigen Entwicklungszyklus holen wir uns jeweils die neueste Version von Debian – das ist gewöhnlich Unstable. Bei der letzten LTS-Version haben wir aber Testing verwendet.

UU: Und was hast Du für einen Eindruck: Wie ist das Verhältnis von Ubuntu- und reinen Debian-Entwicklern?

BD: Um mal mit den Zahlen anzufangen: Debian hat ungefähr 1000 Entwickler – 900 Debian Developer und 100 Maintainer. Demgegenüber steht Ubuntu mit 160 bis 170 MOTUs, von denen ca. 70 als Core Devs arbeiten. Also Ubuntu hat deutlich weniger Entwickler. Allein schon deswegen sind wir auf Debian angewiesen.

Von den unveränderten Paketen holen wir von Debian immer die neueste Version am Anfang des Entwicklungszyklus. Haben wir Veränderungen vorgenommen, bauen wir diese in die neue Debian-Version des Paketes ein. Das heißt, jemand muss da Hand anlegen. Deshalb versuchen wir möglichst, unsere Änderungen auch in die Debian-Pakete zu bekommen.

Es gibt natürlich schwarze Schafe oder Leute, die sich nicht die Zeit nehmen. Dann passiert es, dass Ubuntu Änderungen anbringt, diese aber nicht weiterleitet. Aber der Trend geht schon dahin, zu sagen: Wenn ich eine Änderung an Ubuntu vornehme, versuche ich, diese nach Debian zu bekommen, um dann keine Ubuntu-spezifischen Änderungen anbringen zu müssen. So halten wir den Verwaltungsaufwand gering.

UU: Was man von Außen mitbekommt, ist, dass sich einige Debian-Entwickler beschweren, dass Ubuntu die Sachen nimmt, aber nichts zurück gibt. Hast Du solche Erfahrungen gemacht?

BD: Also die Vorwürfe galten vor allem für den Anfang, als Ubuntu frisch heraus kam. Mittlerweile hat sich das Bild gedreht – zumindest ist das mein Eindruck. Es gibt zwar noch ein paar Debian-Entwickler, die hassen Ubuntu, da kann man nichts machen. Aber ihr Anteil ist verschwindend gering. Der gewöhnliche Debian-Entwickler ist froh, wenn er ein Patch von Ubuntu bekommt.

Was sehr gut funktioniert, sind übrigens die Teams in Debian. Das Multimedia-Team betreut zum Beispiel ein Paket wie VLC, das dann zwei, drei Leute anfassen. Das verwalten wir direkt im Versionskontrollsystem von Debian. Ich kümmere mich dann darum, dass die Version auch in Ubuntu landet. Die Hauptentwicklung passiert aber im Debian-Projekt. Bis jetzt hat mir kein Debian-Entwickler gesagt: "Ist doch alles Scheiße!" oder Kritik wegen mangelnder Zusammenarbeit geübt. Man kommt als Ubuntu-Entwickler recht gut in ein Debian-Team rein und kann da auch gleich mitarbeiten.

Umgekehrt gibt es auch ein paar Debian-Entwickler, die sagen, "mir ist nicht egal, wie es in Ubuntu aussieht". Teilweise haben Debian-Entwickler Upload-Rechte, um ihre eigenen Pakete hochzuladen oder generell an Ubuntu mitzuarbeiten. Alternativ funktioniert das auch über Sponsoren, denen man sagt: "Füg mal bitte die Version von Debian in Ubuntu rein."

UU: Anderes Thema: Wie bist Du zu Ubuntu gekommen?

BD: Ich bin Windows-Hasser durch jahrelange Benutzung – so nenn ich mich immer. Mir hat es nicht mehr gefallen. Ist man technikbegeistert, hat man manchmal Probleme, die man nicht gleich lösen oder auch nur verstehen kann. Man kann aber nicht daran arbeiten, um die Situation zu verbessern, wenn man nicht an den Quellcode kommt. Und darauf zu hoffen, dass Microsoft etwas tut, was ausgerechnet mir gerade gefällt, ist unwahrscheinlich. Es gibt keinen finanziellen Anreiz und ich habe auch keine Million auf dem Konto.

Dank des Internet bin ich auf Projekte wie Firefox und OpenOffice gestoßen, darüber auf den Gedanken von freier Software. Der hat mich begeistert. Darüber bin ich wiederum zu Linux gekommen. Dann hab ich mir gesagt: Ok, ich möchte komplett auf freie Software umsteigen und hab mich informiert, was für Distributionen es gibt. Als am Ehesten für den Einstieg geeignet, erwiesen sich Ubuntu, OpenSuse und Fedora. Ubuntu hat mir vom Look & Feel am besten gefallen, also beschloss ich, Ubuntu parallel zu installieren. Ja, und weil es mir gefallen hat, ist es dabei geblieben.

UU: Und bist du jetzt alle Deine proprietären Programme losgeworden?

BD: Ähh, leider noch nicht ganz. Wenigstens was Treiber angeht, bin ich völlig auf freier Software. Ich hab mir dann auch 'ne andere Grafikkarte gekauft, eine Radeon-Karte, damit der freie Radeon-Treiber läuft. Mittlerweile funktioniert auch 3-D, also Compiz, einwandfrei.

An proprietärer Software läuft sonst noch der Flashplayer. Da ist Gnash als Alternative noch nicht soweit. Adobe Reader hab ich ab und zu noch installiert, denn da gibt es gelegentlich PDFs, die nicht laufen. Im Normalfall nehme ich aber Evince. Ein paar Pakete aus Multiverse hab ich ebenfalls installiert, ich glaub ein paar Codecs. Und, genau, Unrar, um RAR-Dateien zu entpacken. Ansonsten wären da noch die unfreien Spiele. Unter Linux laufen Osmos und World of Goo. Da es sowieso wenig grafisch anspruchsvolle Spiele unter Linux gibt, wollte ich das ein bisschen unterstützen. Die Spiele waren aber auch interessant, also geb ich dafür Geld aus und kauf die.

UU: Benutzt du noch ein Windows?

BD: Windows hab ich noch. Das starte ich so ein, zwei Mal im Jahr, für gelegentliche LAN-Partys nutze ich es.

UU: Also für Spiele.

BD: Genau, für Spiele. Ansonsten gibt es eigentlich keinen Grund, Windows zu starten.

Glossar

Core Devs

besonders erfahrene Ubuntu-Entwickler, die an der Infrastruktur und den wesentlichen Paketen von Ubuntu arbeiten.

Sponsoring

Paketbauer, die ein neues Paket hochladen wollen, benötigen dafür einen etablierten Entwickler, der ihr Anliegen unterstützt, den Sponsor.

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Ubuntu User ist bis Ausgabe 02/2013 vierteljährlich erschienen, aktuelle Artikel zu Ubuntu finden sich ab Ausgabe 04/2013 im LinuxUser.

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