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© (c) Ivanka Majic

"Wundervolle Chance"

Ivanka Majic im Interview

11.08.2010 Ivanka Majic ist seit 2009 bei Canonical Chefin des Designteams. Seitdem studiert Sie die Open-Source-Community und will wissen, wie die Benutzer von Open-Source-Software ticken.

Ubuntu User: Ivanka, wie kamst Du eigentlich zu Canonical?

Ivanka Majic: Jemand hatte mir von der Stelle erzählt. Ich dachte zuerst: Wozu brauchen wir ein Betriebssystem. Was ist das alles. Wer ist Canonical. (Lacht) Aber ich hatte mich eigentlich schon seit Jahren nach einer neuen Stelle umgesehen. Als Berater tut man sein Bestes. Aber du bleibst niemals bis zum Ende dabei, siehst nie die Fortschritte etwa von Jahr zu Jahr. Man investiert also alles – und gibt es dann weg. Ich suchte nach einem Produkt, für das ich mich wirklich einsetzen kann. Es war wie eine Frage, die ich an das Universum schickte, um darauf zu warten, das "etwas" mich findet! (Lacht) Ich hielt einfach immer die Ohren offen. Und dieser Job schien perfekt. Ich habe meine berufliche Laufbahn ja als Programmiererin begonnen und konnte meine beiden Vorlieben hier zusammenführen: Technologie und Benutzerdesign.

UU: Das Designteam von Canonical ist noch sehr neu, oder?

IM: Ich bin erst seit rund einem Jahr bei Canonical. Die meisten aus dem Team sind weniger als ein Jahr dabei. Außer Matthew Paul Thomas (Interface-Designer,Anm. d. Red.), den viele Leute in der Community kennen: Er ist ein Veteran. Ein weiterer, Mat Tomaszewski (Grafik-Designer, Anm. d. Red.), war auch schon vor mir da. Das Designteam gibt es, weil Mark Ubuntu für mehr Leute leichter benutzbar machen möchte. Das kann man nicht rein technologisch angehen, sondern man muss die Benutzer einbeziehen.

UU: Wie ist es, im Open-Source-Umfeld zu arbeiten?

IM: Ich glaube, es sind nur zwei Leute im Team, die Erfahrungen in der Open-Source-Community haben. Matthew Paul Thomas hat beim Mozilla-Projekt mitgemacht, und David Siegel hat Gnome Do geleitet. Ich selbst benutze Open Source zwar schon lange, habe aber nie dazu beigetragen. Daher lerne ich noch sehr viel über die Dynamik der Community: zum Beispiel was sie meinen, wenn sie "Transparenz" sagen oder "Kommunikation".

UU: Ist es vielleicht anders, weil die Community nicht so direkt antwortet?

IM: Doch, das tut sie schon. Aber wenn ich mit drei Leuten chatte, ist das dann die Community? Wenn ich blogge, ist das Kommunikation oder ist das Bekanntmachung? Nach Barcelona und Dallas ist das hier mein dritter UDS. Mein erster war letzten Mai, zwei Monate, nachdem ich bei Canonical angefangen hatte. Und plötzlich dachte ich: Aaah! Ich genieße die Summits total. Es ist harte Arbeit, weil jeder versucht, so viel wie möglich aus der Woche herauszuholen. Man führt so viele Gespräche, man stellt was auf die Beine, es ist sehr intensiv. Ich persönlich komme mit dieser unmittelbaren Situation besser zurecht. Es macht vieles einfacher. Und der UDS hilft auch, Dinge in den Blick zu bekommen.

UU: Was hast du denn auf diesem UDS in den Blick bekommen?

IM: Sehr schön war das Projekt "Hundred Paper Cuts". Das startete in unserem ersten Zyklus, im Karmic-Zyklus, und ist ein Communityprojekt vom Designteam. Als ich bei Canonical anfing, machte ich erstmal ein paar Test zur Benutzerfreundlichkeit. Das war etwas, was ich kannte und gut konnte. Da waren ganz viele winzig kleine Sachen, die nicht stimmten. Ich chattete mit Mark und Rick (Rick Spencer, Engineering Manager von Canonicals Desktopteam, Anm. d. Red.), und die beiden sagten, dies ist zu tun und das ist zu tun. Ich sagte, aber da sind so viele Kleinigkeiten. Es gibt da diese Redewendung vom "Death by a hundred papercuts" (etwa: Tod durch hundert papierfeine Schnitte, Anm. d. Red.) – und wir machten ein Projekt daraus. Für einen Entwickler kann etwas eine Kleinigkeit sein, was auf den Benutzer aber eine Riesenwirkung hat. Wir hatten im Karmic-Zyklus, glaube ich, 76 Papercuts auf die Weise repariert. Im Lucid-Zyklus waren es schon 102, und einige machten schon zum zweiten Mal mit.

UU: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Ubuntu-Entwicklern?

IM: Es war sehr gut, mit den Leuten der Open-Source-Projekte ins Gespräch zu kommen. Denn das Benutzererleben hängt nicht nur davon ab, wie Ubuntu aussieht, sondern auch, wie die vielen Anwendungen funktionieren. Das Papercut-Projekt war also sehr nützlich, um solche weiter reichenden Gespräche zu führen. Gestern morgen hatten wir zum Beispiel eine Gesprächsrunde. Es war gut zu hören, dass Leute in Open-Source-Projekten es nützlich finden, dass das Designteam sich einbringt. Das gibt mir dann das Gefühl, Teil der Community zu sein. Denn manchmal begraben mich die Alltäglichkeiten meines Jobs, der ja ein echter Vollzeitjob ist: Urlaube planen, Leute zu Trainings schicken, mit traurig aussehenden Kollegen reden und so weiter. Da kann man leicht vergessen, Teil einer Community zu sein. Und so bekam ich etwas Zustimmung, was mir gut getan hat – "Gottseidank, ich bin wichtig." (Lacht)

UU: Was war bei den letzten Ubuntu-Versionen konkret Euer Werk?

IM: In Karmic haben wir nur wenig geändert. Wir setzten zum Beispiel das neue Humanity-Icon-Set ein. In Lucid haben wir dann das ganze Theme neu gemacht.

UU: Was ist im Moment das wichtigste bei Euch?

IM: Wir forschen eine Menge. Otto, der das Visual-Design-Team für den Desktop leitet, hat sich nicht eines Tages hingesetzt und gesagt: So soll es aussehen! Sondern er hat sich den Einflüsse von Filmen und Produkten und die Ergebnisse in der Anwenderforschung angesehen. Ich habe das Gefühl, dass wir im Moment wirklich bereit sind loszulegen. Ich habe jetzt ein Jahr lang Leute eingestellt. Ein Jahr ist keine lange Zeit. Wir haben uns also gefunden, wir haben geschaut, wie die Leute heute Ubuntu benutzen, wir haben geschaut wo das Produkt steht und was die Leute vielleicht in einem Jahr damit machen wollen. Wir haben die aktuellen Trends beobachtet. Das Ziel für Ubuntu besteht darin, sich als eigenes Betriebssystem zu etablieren, das die Leute benutzen wollen, weil es gut ist.

UU: Was sind ein oder zwei Trends, die da eine Rolle spielen?

IM: Es geht um Trends wie Netbooks oder Touchscreens, Display-Größen. Die meiste Zeit achte ich auf Technologietrends. Was ich aber auch interessant finde, sind generelle Markttrends: Was interessiert die Leute, wonach suchen sie. Nachhaltigkeit war zum Beispiel auf einmal wichtig. Ich hatte in meinem Vortrag über die Ergebnisse unserer Anwenderstudie gesprochen: dass die Leute nervös wurden, weil Ubuntu umsonst sein sollte. Wenn Leute nichts von der Open-Source-Bewegung wissen, macht sie das misstrauisch. Sie finden es merkwürdig und befürchten, hereingelegt zu werden. Dabei gibt es heute ja nicht nur Open-Source-Software, sondern auch Open-Source-Autos, und ich habe von Open-Source-Architektur gelesen. Und das passt irgendwie zur Nachhaltigkeit: Nichts verschwenden, auf Vorhandenes aufbauen.

UU: Was genau macht Ihr in diesen Anwenderstudien?

IM: Das ist eine qualitative Studie. Wir hatten elf Leute jeweils eine Stunde, die eine Agentur nach unserem Wunschprofil für uns ausgesucht hat. Wir interessieren uns im Moment für Anwender, die zu Technologie die Einstellung haben: "Wenn das nicht funktioniert, ist es kaputt". Das sind die Facebook-Generation, junge Leute, vielleicht Studenten, die sich für intelligent halten und die Technik schon ihr ganzes Leben lang benutzen. Sie denken: Wenn ich etwas nicht benutzen kann, hat jemand seinen Job schlecht gemacht.

UU: Und was sollen die dann tun?

IM: Wir geben diesen Leuten einen USB-Stick und sagen: Dein PC ist gerade abgestürzt, Du musst jetzt Ubuntu nutzen. Denn die meisten heutigen Ubuntu-Nutzer kamen dazu, weil es ihnen jemand empfohlen und gezeigt hat, der davon begeistert war. Sie hatten beim ersten mal Unterstützung.

Jetzt gibt es aber dieses neue Segment, in dem Ubuntu vorinstalliert wird. Die Einzelbetreuung bei der ersten Benutzung entfällt damit. Und – Hand aufs Herz – niemand liest das Anwenderhandbuch, wenn er sich einen PC kauft. Wir brauchen also eine Betriebssystemumgebung, die einfach zu erlernen ist, die Spaß macht und die intuitiv ist. Die Tests zur Benutzerfreundlichkeit wollen wir jetzt alle sechs Monate wiederholen, damit die Ergebnisse vergleichbar werden. Von der Technologie her funktioniert Ubuntu bereits sehr gut. Jetzt gilt es, Lücken im Nutzungserleben zu schließen. Das ist für mich eine interessante Aufgabe.

UU: Ist es Absicht, dass Ubuntu Mac OS zum Teil ähnlich sieht?

IM: Entschieden Wir setzen Ubuntus Design nicht auf Mac OS oder Windows auf. Wir wollen für Ubuntu einen eigenen Ort schaffen. Ein Entwickler hat mal gesagt: Wenn du ein Transportmittel bauen willst, das 15 Leute durch London fährt, dann wird es in etwa wie ein Bus aussehen. Es gibt Dinge, die man benutzt oder die einen inspirieren. Aber unser Ziel ist definitiv, Ubuntu auf eigene Beine zu stellen.

UU: Was sagst Du zu der Leidenschaft, mit der Mark auf den Massenmarkt strebt? Er betont dabei ja besonders das Design.

IM: Ich finde es ausgezeichnet!Lacht

UU: Lacht Okay, abgesehen davon, dass es Dein Job ist…

IM: Also, ich denke, es ist eine enorme Herausforderung, aber auch eine wundervolle Chance. Wenn wir den Leuten Ubuntu als Leuchtturm für Open Source präsentieren, als etwas, wo sie mitmachen können und das sie benutzen können, ist das eine Riesensache.

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Kommentare
Übersetzung von "papercut"
alvanx (unangemeldet), Dienstag, 17. August 2010 17:56:17
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Ein "papercut" ist ein Schnitt, den man sich ausversehen an einem Blatt Papier holt. Ärgerlich, weil man es nicht erwartet und es unproportional weh tut. Das ist der Gedanke hinter der Metapher. Die Übersetzung als "papierfeinen Schnitt" halte ich für nicht ganz zutreffend und eher nichtssagend.


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Re: Übersetzung von "papercut"
Anika Kehrer (unangemeldet), Donnerstag, 19. August 2010 11:38:24
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Vielen Dank für die gute Anmerkung!


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