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Jonathan Riddell im Interview

18.02.2010
,
Dass KDE-Fans ihre eigene Ubuntu-Variante haben, verdanken sie dem Team um Kubuntu-Projektleiter Jonathan Riddell. Er verrät im Interview mit Ubuntu User Details zu Kubuntu 5.04 und 10.04 und spricht über freundliche Betriebssysteme.

Ubuntu User: Der Long Term Support für Ubuntu 8.04 (Hardy Heron) wurde 2008 nur für die Gnome-Ausgabe eingeführt, weil Kubuntu 8.04 gerade auf KDE 4 umstieg. Wird Kubuntu 10.04 eine LTS-Version sein?

Jonathan Riddell: Ja, ich freue mich, ankündigen zu dürfen, dass Kubuntu 10.04 ein LTS-Release wird, mit Support für drei Jahre. Es ist sehr aufregend: KDE 4, das eine lange und teils mühsame Reise hinter sich hat, befindet sich nun fast in einem Zustand, wo wir es auch Anwendern empfehlen, die eine LTS-Stabilität benötigen.

UU: Was ist aus Deiner Sicht der Hauptunterschied zwischen Kubuntu und Ubuntu? Ist Kubuntu lediglich ein Ubuntu-Release mit ein paar Extrapaketen, um die Funktionalität ihrer Gtk/Gnome-Gegenstücke zu ersetzen? Oder stecken hinter Kubuntu eine eigene Philosophie und Architektur?

JR: Unsere Philosophie ist, die beste KDE-Distribution der Welt zu sein. Natürlich glauben wir, dass KDE der beste Desktop ist, den es gibt (in der proprietären und freien Welt), was also zum bestmöglichen Betriebssystem führen sollte.

Mir ist wichtig, dass Kubuntu ein freundliches Betriebssystem ist. Das bedeutet natürlich, dass es benutzerfreundlich ist. Es bezieht sich aber auch darauf, dass es die Integration sozialer Netzwerke auf dem Desktop vorantreibt. Es bezieht sich auf unsere Lizenz, die eine Verbreitung erlaubt sowie auf die freundliche Community aus Anwendern und Entwicklern.

UU: Kubuntu 5.04 war die erste offizielle Kubuntu-Version. Wessen Idee war das damals? Hast Du Canonical kontaktiert oder war es ihr Wille, Ubuntu in einer KDE-Version anzubieten?

JR: Canonical hat immer geplant, eine KDE-Distro zu veröffentlichen. Sie kontaktierten ein paar Leute, die Interesse hatten, daran zu arbeiten. Drei von uns machten den Anfang. Das Hauptproblem bestand aber darin, dass das Ubuntu-Projekt als Ganzes noch nicht genau wusste, wie die Community funktionieren soll. Zum Beispiel mussten wir einige Zeit warten, um Pakete in das Archiv hochladen zu dürfen. Es gab keinen Ablauf, um den Zugang zu öffnen. Sobald das klappte, ging alles wesentlich schneller.

UU: Einige User beschweren sich darüber, dass Kubuntu nicht dieselbe Aufmerksamkeit erhält wie Ubuntu, was die Desktop-Integration und die ästhetischen Details angeht. Fehlen dem Projekt Community-Mitglieder oder eher von Canonical bezahlte Entwickler?

JR: Kubuntu verfügt über eine der aktivsten (und freundlichsten) Communities im Ubuntu-Universum. Wir haben vor allem deswegen weniger bezahlte Desktop-Entwickler als Ubuntu, weil weniger kommerzielle Nutzer Kubuntu verwenden. Der lange Weg zu KDE 4 – der nötig war, um aus KDE langfristig die führende Plattform zu machen – hat es in den vergangenen Jahren erschwert, das zu rechtfertigen.

UU: Einige Arbeitsschritte, die unter Ubuntu einfach sind (zum Beispiel, mit einem 3G-Breitband-Stick ins Internet zu gelangen), erweisen sich unter Kubuntu als mühsam. Stimmst Du dieser Beobachtung zu? Und warum ist das so?

JR: Netzwerk ist ein klarer Schwachpunkt bei uns. Es geht dabei nicht um ein Kubuntu-Problem, sondern ein generelles KDE-Problem. Die beeindruckende Arbeit, die Red Hat in den NetworkManager investierte, hat Gnome enorm geholfen. KDE's Äquivalent macht spürbare Fortschritte, hinkt aber noch immer hinterher. Natürlich kann man unter KDE auch Gnomes NetworkManager einsetzen, wenn das besser klappt.

UU: Kannst Du kurz den Entwicklungsprozess von Ubuntu und Kubuntu umreißen: Gibt es in den Teams einen permanenten Austausch von Ideen?

JR: Wir haben einen Entwicklungszyklus von sechs Monaten. Zu Beginn dieses Zyklus findet ein Treffen statt, bei dem ein paar hundert Ubuntu-Entwickler in einem Hotel eingesperrt werden, um in einer Woche zu entscheiden, woran sie in den nächsten sechs Monaten arbeiten. Diese Pläne gießen wir in Spezifikationen, die man für Kubuntu 10.04 unter [1] findet.

Die restliche Zeit arbeiten wir über das Internet zusammen und kommunizieren meist über IRC. Ungefähr den ersten Monat verbringen wir damit, unsere Pakete auf die neueste Version zu heben. Meist verwenden wir dazu die aktuellsten Debian-Pakete. Weil 10.04 aber eine LTS-Version ist, greifen wir diesmal vorwiegend zu Paketen aus Debian Testing und nicht aus Debian Unstable.

Die nächsten Monate verbringen wir dann damit, an neuen Features und Verbesserungen zu arbeiten und aus der neuesten KDE-Version Pakete zu bauen. Alle zwei bis drei Wochen bringen wir neue Alpha-Versionen heraus. In den letzten sechs Wochen runden wir die Version ab und machen sie massentauglich.

UU: Welche Online-Dokumente sollte man lesen, um ein Kubuntu-Unterstützer zu werden? Habt Ihr irgendwelche speziellen Aufgaben für Programmierer, die helfen wollen?

JR: Es gibt eine Menge Wege, um Kubuntu zu helfen. Zur allgemeinen Einführung existiert eine Wiki-Seite unter [2]. Für spezifischere Gebiete zieht man die Spezifikationen und die To-Do-Liste für den 10.04-Zyklus unter [3] zu Rate.

Der beste Weg in die Entwicklung freier Software besteht darin, etwas zu finden, was einen stört und es zu reparieren. Wenn beim nächsten Mal eine Übersetzung fehlt oder ein Upgrade die falsche Datei überschreibt: Schreib einen Bug Report und finde heraus, wie man das fixen kann! Es warten immer Leute von Kubuntu im Freenode-IRC-Channel #kubuntu-devel, die einem die richtige Richtung weisen.

UU: Hersteller proprietärer Software investieren viel Zeit und Geld in die Qualitätskontrolle. Wie will das Kubuntu-Projekt da mithalten?

JR: Wir können durch die schiere Anzahl an eifrigen Testern mithalten. Jedes Alpha- und Beta-Release benutzen zehntausende Leute. Wir stellen zudem Pakete der KDE-Betaversionen bereit, was uns und Upstream wiederum viele Tester bringt.

Es gibt aktive Bug-Teams in Ubuntu und KDE, die sich so viele gemeldete Bugs wie möglich anschauen. Die verbesserten Crash Handler machen Bug Reports für uns aussagekräftiger. Dann gibt es noch Canonical, die ein wachsendes Team zur Qualitätssicherung haben, die besonders harte Fälle übernehmen und Probleme mit automatisierten Test-Suiten analysieren.

UU: Warum landen neue Features wie Ubuntu One meist erst später in Kubuntu? Gibt es hier genügend Support von Canonical?

JR: Wie andere Firmen auch geht Canonical dorthin, wo die Anwender sind und das ist momentan der Ubuntu-Desktop. 10.04 ist wichtig für Kubuntu, weil wir damit sagen "KDE 4 ist bereit für den großen Auftritt", das ist eine wichtige Chance.

Auf der anderen Seite hat die Kubuntu-Community weit mehr Ermessensspielraum, um Entscheidungen selbst zu treffen, unter weniger kommerziellem Druck. Der Kubuntu Council, dessen Delegierte die Kubuntu-Mitglieder wählen, ist die letzte Instanz für Entscheidungen.

UU: Wir sind natürlich neugierig: Welche neuen Features bringt Kubuntu 10.04 mit? Welches davon ist Dein Favorit?

JR: Tatsächlich planen wir angenehm wenige neue Features für die 10.04. Wir konzentrieren uns vielmehr darauf, die bereits vorhandenen zu reparieren, anstatt neue zu ergänzen.

Weil wir ein offenes Projekt sind, fürchte ich, dass ich hier keine exklusiven Ankündigungen machen kann – alle unsere Pläne stehen im Wiki. Was KDE angeht, wird der semantische Desktop in 10.04 sichtbarer, weil Nepomuk ein Software-Backend erhält. Die neue Version des Paketmanagers arbeitet zuverlässiger. Nützliche Funktionen wie die Touchpad-Konfiguration kommen hinzu und der Tausch von Dateien in KDE wird endlich einfach. Ich arbeite zur Zeit daran, unsere Werkzeuge zur Druckerkonfiguration fertig zu stellen. Canonical's Desktop-Experience-Team setzt zudem gerade die neuen Spezifikationen für den Systembereich der beiden Desktops um, was die Integration wesentlich vereinfacht.

Glossar

Long Term Support

– kurz LTS – bedeutet, dass eine (K)ubuntu-Version auf dem Desktop drei Jahre lang Updates erhält, die Server-Variante sogar fünf Jahre. Die LTS-Versionen erscheinen alle zwei Jahre, gelten als besonders stabil und es gibt Upgrade-Möglichkeiten zwischen den LTS-Versionen.

Upstream

Als Upstream bezeichnen die Ubuntu-Entwickler die Projekte, deren Software sie in den Desktop integrieren. Ein Großteil der Software kommt von externen Projekten: Ubuntu versammelt sie unter einem Dach.

Crash Handler

senden mit der Einwilligung des Users automatisch Daten an das (K)Ubuntu-Team, wenn eine Anwendung streikt. Diese Bug Reports enthalten u.a. Auszüge aus Protokollen und Debugger-Daten.

Infos

[1] Specs für Kubuntu 10.04: https://wiki.kubuntu.org/KubuntuLucidSpecs

[2] Kubuntu helfen: https://wiki.kubuntu.org/Kubuntu/GettingInvolved

[3] To-Do-Liste für die 10.04: https://wiki.kubuntu.org/Kubuntu/Todo

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Ubuntu User ist bis Ausgabe 02/2013 vierteljährlich erschienen, aktuelle Artikel zu Ubuntu finden sich ab Ausgabe 04/2013 im LinuxUser.

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