Die neue OpenSuse-Version braucht sich vor Ubuntu 9.10, Mandriva 2010 und dem noch ausstehenden Fedora 12 nicht zu verstecken. Die Nürnberger liefern einmal mehr solide Hausmannskost und beweisen an ein paar Detailstellen, dass man bei Suse noch Wert auf Innovation und einen benutzerfreundlichen Desktop legt. Novell hatte aber auch (fast) alle Zeit der Welt, um OpenSuse 11.2 fertigzustellen: die Vorgängerversion 11.1 erschien kurz vor Weihnachten 2008.
Dass der Linux-Kernel in erster Linie auf Serversysteme optimiert ist, weiß man nicht erst seit Con Kolivas einen speziellen Scheduler für Desktop-Rechner geschrieben hat. Auch OpenSuse hat nun die Zeichen der Zeit erkannt und bringt in dieser Version erstmals einen speziell auf Desktop-Systeme zugeschnittenen Kernel. Er ist auf niedrige Latenzen optimiert (full preemtion und HZ=1000) und die Entwickler haben ein paar Features daraus entfernt, die man normalerweise nur auf Server-Systemen braucht, zum Beispiel den Gruppen-Scheduler. Der kernel-desktop ersetzt den bislang auf vielen aktuellen Rechner eingesetzten PAE-Kernel. Er unterstützt bis zu 64 GByte Hauptspeicher, sollte sich somit auf den meisten Rechnern zu Hause fühlen. Wenn die Ausgabe von uname -r trotz Installation auf einem Desktop-System nicht 2.6.31.5-0.1-desktop anzeigt (die Versionsnummer kann sich ändern), dann verfügt die CPU über keinen PAE-Support, was bei älteren Intel- und AMD-Prozessoren vorkommen kann.
SSHD per Default aus
Eine kleine Änderung im aktuellen Release betrifft den SSH-Daemon. Im Unterschied zu früheren Versionen ist dieser nach einer Standardinstallation nicht aktiv. Um per SSH auf ein frisch installiertes OpenSuse-System zugreifen zu können, müssen Sie somit per sudo rcsshd start den Daemon starten und zudem die Firewall entsprechend anpassen oder per rcSuSEfirewall stop ausschalten.
Neu im Bootmenü findet sich auch ein Eintrag, um das Installationsmedium zu überprüfen. Damit sparen Sie bei einer kaputten DVD ein paar Mausklicks. Den Eintrag für die Systemreparatur sollten Sie nach Möglichkeit meiden, da diese Systemkomponente von den OpenSuse-Entwicklern eher stiefmütterlich behandelt wird und deshalb die Nebenwirkungen die eigentliche Heilungsabsicht zunichte machen könnten.
Bei der Neuinstallation nutzt OpenSuse 11.2 das Dateisystem Ext4 als Standard, beim Update bleibt das Dateisystem erhalten. Eine Installation auf ReiserFS oder Ext3 ist weiterhin möglich. Der OpenSuse-Installer bietet zudem bei der manuellen Partitionierung auch Btrfs, XFS und JFS zur Auswahl. Möchten Sie das Root-Dateisystem auf Btrfs oder JFS installieren, erscheint allerdings eine Warnmeldung, dass das Dateisystem von OpenSuse nicht getestet wurde, bei Ext2,3,4, ReiserFS und XFS bleibt die Warnung hingegen aus. Wer sich die Lust auf Btrfs als Root-Dateisystem trotz Warnhinweise nicht nehmen lässt, sollte eine zusätzliche Boot-Partition anlegen, da Grub das Dateisystem nicht direkt starten kann.
Über einen Klick auf die Checkbox Geräte-Verschlüsselung lässt sich die Root-Partition zudem verschlüsseln. Leider hat es das OpenSuse-Team auch bei dieser Version nicht geschafft, das Partitionierungsmodul so zu gestalten, dass bei einer Auflösung von 1024 x 768 Pixeln die Buttons gut sichtbar und auch lesbar sind, von den Netbook-Nutzern ganz zu schweigen. Immerhin lässt sich die Übersicht auf der linken Seite einklappen, sodass es für das Verständnis der Buttons reicht. Die Usability des Partitionierers ist aber alles andere als optimal.
Kein Update hat Novell hingegen bei Grub vorgenommen. Hier kommt weiterhin der alte Grub zum Einsatz, der zudem beim Einbinden anderer Linux-Systeme je nach Setup patzt. Achten Sie bei einem System mit mehreren Linux-Distributionen darauf, ob Sie Grub im MBR oder der ersten Partition installieren möchten. In der Grundeinstellung wählt YaST die erste Partition, was unter Umständen zu Problemen führen kann.
Im Gegensatz zu den Vorgängerversionen ist nun KDE 4 als Standarddesktop ausgewählt. Wer sich für Gnome oder XFCE entscheiden möchte, muss dazu die entsprechende Checkbox markieren (Gnome) beziehungsweise über das Menü Andere seine Auswahl treffen.
KDE-Probleme beim Update
Je nach benutzter KDE-Version kann es beim Update oder einer Neuinstallation mit vorhandenem /home-Verzeichnis zu Problemen beim Systemstart kommen (zum Beispiel durch aktiviertes Compositing aber fehlendem 3D-Treiber). Abhilfe schaffen Sie hier, indem Sie die Einstellungen des alten KDE-Desktops zunächst sichern und danach löschen. Dazu sichern Sie den Inhalt der Verzeichnisse ~/.kde4 und ~/.kde und löschen anschließend diese Verzeichnisse. Haben Sie das System bereits installiert, dann drücken Sie im Bootbildschirm die Taste [3], um den Rechner im Textmodus zu starten. Hier melden Sie sich ganz normal an und geben dann folgende Befehle ein:
mv .kde4 kde4-alt mv .kde kde-alt
Nach einem Neustart sehen Sie dann den KDE-Begrüßuungsbildschirm wie bei einer Neuinstallation.
KDE ist seit OpenSuse 11.2 wieder der Standarddesktop von OpenSuse 11.2. Das merkt man nicht nur am neue grünen Design sondern auch bei diversen weiteren Programmen. So verfügt zum Beispiel Firefox über eine umfangreiche KDE-Integration. Klicken Sie zum Beispiel mit der rechten Maustaste auf eine Datei und wählen Verknüpfung speichern unter, dann öffnet sich der KDE-Dateimanagerdialog. Auch wenn Sie auf eine unbekannte Datei klicken und hier Öffnen mit... wählen, sehen Sie den KDE-Auswahldialog zur Programmsuche. Lediglich bei Sofortdownloads erscheint der gewohnte Firefox-Dialog.
Firefox arbeitet zudem unter OpenSuse 11.2 auch als Standardbrowser. Dazu sitzt der Feuerfuchs nun unten im Panel gleich neben dem Startmenü. Möchten Sie Firefox überhaupt als Standardbrowser benutzen, dann starten Sie die KDE-Systemeinstellung über [Alt]+[F2] und den Befehl systemsettings und tragen unter Persönliches | Standard Komponenten | Webbrowser im Feld mit folgendem Browser den Eintrag firefox ein.
Richten Sie einen neuen Benutzer ein, dann legt OpenSuse ein paar Standardverzeichnisse an, darunter neu auch die Verzeichnisse Musik und Downloads. In Downloads speichern in der Grundeinstellung Firefox, Chromium und einige andere Programme aus dem Internet heruntergeladene Dateien, ein Blick in dieses Verzeichnis lohnt sich deshalb von Zeit zu Zeit.
OpenSuse 11.2 trägt den Ansprüchen der Nutzer an soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Identi.ca Rechnung und liefert mit Choqok und Gwibber zwei Twitter-/Identi.ca-Clients für KDE und Gnome mit. Das KDE-Chatprogramm Kopete unterstützt zudem das Chat-Protokoll von Facebook.
Obwohl OpenSuse durchaus eine gelungene Programmauswahl mitbringt (zum Beispiel gehört Yakuake zum Standard), kommt es beim Multimedia-Support nicht an Ubuntu heran. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Distribution das Fluendo-Plugin nicht mehr ausliefern darf. Mangels eines passenden Hinweises sind so zum Beispiel Amarok-Nutzer erst mal auf sich selbst gestellt. OpenSuse bringt zudem nur Amarok 2.1 mit. Diese Version ist durch eine Umstellung im Cover-Fetching (Last.fm anstatt Amazon) nicht in der Lage, Coverbilder zu holen. Wer somit Amarok unter OpenSuse 11.2 mit MP3-Dateien nutzen möchte, erlebt zunächst einmal eine böse Überraschung. Abhilfe schafft das Packman-Repo.
Um den MP3-Support nachzurüsten, gibt es zwei Möglichkeiten, die beide über das zusätzliche Repository von Packman führen:
Xine und Gstreamer sind zwei unterschiedliche Wiedergabeprogramme, die Ihre Arbeit im Hintergrund verrichten. Für beide gibt es Support für diverse Audio- und Videocodecs, allerdings nicht in den offiziellen OpenSuse-Quellen, sondern nur im Packman-Repository. Um dieses zu den Paketquellen hinzuzufügen, starten Sie YaST und wählen Software / Software-Repositories. Hier klicken Sie auf Hinzufügen, wählen Community/Gemeinschafts-Repositories und markieren nach einem Klick auf Weiter den Packman-Eintrag.
Nutzen Sie in erster Linie den KDE-Desktop, dann sollten Sie den Weg über das Xine-Backend gehen. Starten Sie dazu eine Konsole über [Alt]+[F2] und geben Sie hier folgende zwei Befehle ein:
sudo zypper refresh sudo zypper dup
Beim ersten Sudo-Befehl müssen Sie dazu das Root-Passwort eingeben. Der Befehl zypper dup frischt alle Paket auf, von denen es eine neue Version gibt. Durch diesen Mechanismus tauscht er gleichzeitig die vom OpenSuse-Projekt kastrierten Multimedia-Komponenten durch die vollbestückte Packman-Version aus. Je nach Stand der Distribution müssen Sie dazu allerdings mehrere Hundert MByte an Software herunterladen, da das Update auch andere Komponenten auffrischt. Nach dem Update spielt Amarok automatisch auch MP3-Dateien ab. Um das Packman-Repository kommen Sie unter OpenSuse 11.2 nicht herum, wenn Sie irgendeine Art von Multimedia-Dateien abspielen möchten.
Nutzen Sie in erster Linie Gnome oder verfügen Sie nur über einen beschränkten Internetzugang, dann wählen Sie die Lösung mit GStreamer. Auch hier müssen Sie zunächst das Packman-Repo einbinden. Danach suchen Sie in YaST nach dem Stichwort fluendo und installieren das Paket gstreamer-0_10-fluendo-mp3. Jetzt müssen Sie Amarok noch mitteilen, dass es das Gstreamer-Backend nutzen soll. Dazu wählen Sie in den Einstellungen den Eintrag Wiedergabe und klicken unter Soundsystem-Eintrichtung auf Einrichten. Im neuen Dialog wechseln Sie auf den Reiter Backend, markieren Gstreamer und klicken auf Vorziehen. Amarok nutzt dann Gstreamer für die Wiedergabe, das wiederum durch das Fluendo-Plugin auch MP3-Dateien abspielt.
YaST gehört weiterhin zu den positiven Alleinstellungsmerkmalen von OpenSuse, auch wenn man dank des verbesserten Hardware-Supports und einem klasse zypper auf der Kommandozeile die Suse-Schaltzentrale immer weniger oft benötigt. Für Version 11.2 hat Novell dem Tool optisch ein kleines Face-Lifting verpasst und zahlreiche Module leicht angepasst. Dadurch erleichtert sich die Bedienung leider nicht unbedingt, ein Software-Center wie bei Ubuntu, das den Anwender nicht mit unnötigen Entwicklerpaketen konfrontiert wäre ein schöner Zusatz für die nächste OpenSuse-Version.
Sehr viele YaST-Module sind bei einer Standardinstallation nicht mit dabei: eine Suche nach YaST in YaST lohnt sich deshalb. Gar nicht ins aktuelle Release geschafft hat es der YaST-Webclient. Über zwei separate Repos lässt er sich aber nachträglich installieren. Die Software befindet sich allerdings noch in aktiver Entwicklung, für den Remote-Zugriff nützt man deshalb besser das Kommandozeilen-Frontend von YaST.
Mit Version 11.2 ist dem OpenSuse-Team und Novell eine durchaus solide Distribution gelungen, die an einigen Bereichen (Dateisystem-Support und Verschlüsselung bei der Installation, KDE-Integration von Firefox) deutlich mehr Innovation zeigt, als zum Beispiel Ubuntu. Etwas aus dem Blickfeld verloren hat OpenSuse die einfachen Nutzer. Obwohl sich die aktuelle Version über das Packman-Repo und ein simples zypper dup von "praktisch unbrauchbar" zu "absolut klasse" verwandelt, ist eine grafische One-Click-Installation für aktuelle Distributionen ein muss, egal ob Anwendungen, Codecs, KDE oder Gnome. Dank des neuen Desktop-Kernels und einer stark verbesserter Pulseaudio-Version macht OpenSuse 11.2 nämlich auch für Heimnutzer richtig Spaß.
Die wichtigsten Komponenten
| Name | Version | Besonderes |
|---|---|---|
| Kernel | 2.6.31 | Spezielle Version für Desktop- und Serversysteme |
| Glibc | 2.10.1 | |
| GCC | 4.4.1 | |
| KDE | 4.3.1 | Updates für 4.3.3 in den Repositories |
| Kaffeine | 1.0pre2 | |
| K3b | 1.68.0 | |
| Gnome | 2.28.1 | |
| Xfce | 4.6.1 | |
| Firefox 3.5.4 | ||
| OpenOffice | 3.1.1 | |
| X.org | 7.4 | |
| Samba | 3.4.2 | |
| RPM | 4.7.1 | |
| MySQL | 5.1.36 | |
| PostgreSQL | 8.4.1 | |
| Python | 2.6.2 | |
| PHP | 5.3.0 | |
| Apache | 2.2.13 |
Glossar
PAE
Physical Addressing Extensions. Eine von Intel mit dem Pentium Pro eingeführte Technologie, die unter anderem mehr als 4 GByte RAM ansprechen kann und zudem das ungewollte Ausführen von Programmen verhindern kann.