Die Verdienste von Ubuntu und Mark Shuttleworth um die Verbreitung von Linux und Gnome auf dem Desktop sind unbestritten. Keine Distribution hat es geschafft, derart schnell zu wachsen und so viele echte Innovationen auf den Linux-Desktop zu bringen, angefangen von einem einheitlichen Look & Feel, über den Cloud-Support durch Ubuntu One bis zum aktuellen Ubuntu One Music Store.

Um das Desktop-Ubuntu so gut wie möglich zu machen, hat Canonical an vielen Stellen am Gnome-Desktop geschraubt. Wie viele Stellen das sind, merkt man erst, wenn man nach Ubuntu zum Beispiel zu Fedora wechselt, das quasi die reine Lehre des Gnome-Desktops vertritt. Der Unterschied fällt nicht nur auf grund der verbesserten Optik von Ubuntu relativ krass aus. Mein Lieblingsfeature sind zum Beispiel die unterstrichenen Buchstaben für die Zugangshilfe. Unter Ubuntu 10.04 erscheinen diese bei den Gnome-Programmen erst, wenn man [Alt] drückt. Dadurch sieht die Menüleiste deutlich sauberer aus, das Feature zur Navigation ist aber weiterhin vorhanden.

Drei Änderungen

Viele dieser kleinen Verbesserungen in Ubuntu 10.04 machen erst den Anfang einer Reihe von größeren Änderungen, die den Ubuntu-Desktop noch attraktiver und benutzerfreundlicher machen sollen. Hat sich Ubuntu bislang in praktisch allen Details Mac OS X angehnähert, will man in der kommenden Version 10.10 alias "Maverick Meerkat" besser werden als das Vorbild von Apple. Dazu plant Shuttleworth drei Änderungen, die er in seinen Blog-Einträgen detailliert beschrieben hat:

  • Der Systemabschnitt des Gnome-Panels soll einheitlich werden. Sämtliche Elemente sollen per Rechts- und Linksklick gleich reagieren und einzelne Aufgaben sollen im Systemabschnitt kombiniert werde, wie dies beim Me-Menü bereits der Fall ist. Shuttleworth nennt diese Menüs "Indicator-Menüs" [1].
  • Um mehr Platz in der Vertikalen zu sparen, soll der Fenstertitel und die Menüleiste ins obere Panel wandern. Hier will Ubuntu einen Schritt weiter gehen als Apple, indem man nicht nur das Menü, sondern auch den Fenstertitel in das Panel schiebt. Ähnlich wie bei den aktuellen Unterstrichen soll dann das Menü zum Beispiel über einen Tastendruck aktiviert werden (sinnvollerweise [Alt]). Das nennt sich dann Globales Menü [2] und soll vorerst nur in der Netbook-Version zum Einsatz kommen.
  • Die Titelleiste des Fensters würde nach diesen Änderungen nur noch aus den Buttons zum Schließen, Vergrößern und Minimieren bestehen, Shuttleworth möchte deshalb Informationen, die bislang in der Statuszeile von Anwendungen erschienen, in die Titelleiste integrieren beziehungsweise wie beim Browser Chrome halbtransparent in der unteren rechten Ecke anzeigen lassen. Mark nennnt diese Anzeigen "Windicators" [3].

Auch wenn Mark Shuttleworth bei der Änderung des Menüs und des Fenstertitels davon spricht, dass man diese in erster Linie für die Netbook-Version plant, deuten die zusätzlichen Änderungen mit den Windicators darauf hin, dass diese durchaus auch Einzug in den normalen Ubuntu-Desktop halten werden.

Abbildung 1: So könnte der Gnome-Desktop von Ubuntu 10.10 aussehen mit dem Fenstertitel im Panel.

Gnome und KDE?

Dass diese Änderungen keine bloßen Ideen sind und dass es Shuttleworth ernst damit ist, hat er bereits bei der Knöpfeverschiebung in Ubuntu 10.04 bewiesen. Die sehr hitzige Diskussion beendete Mark mit dem Kommentar, dass Ubuntu keine Demokratie sei und dass das Design-Team bei dieser Entscheidung bleibe, weil es sich sicher sei, dass es die richtige Entscheidung sei. Auch zur Integration des Fenstertitels ins Panel sind erste Arbeiten bereits abgeschlossen, zudem deuten diverse Detailänderungen in Ubuntu 10.04 darauf hin, dass Canonical intensiv an diesen Plänen arbeitet.

Wie Mark in seinem Blog-Eintrag zu den neuen Menüs im Systemabschnitt schreibt, hofft er, dass Gnome und KDE sich der Neuerung anschließen. Daraus werden zwei Dinge klar: Canonical wird die Änderungen auch dann durchführen, wenn die Mainstream-Entwickler sich nicht anschließen und Canonical wird diese Änderungen nur für den Gnome-Desktop einführen, nicht für Kubuntu. Dies bringt Shuttleworth nun immer mehr Kritik ein. So äußert sich zum Beispiel der KDE-Entwickler Martin Gräßlin in seinem Blog zu den Fenster-Anzeigen und titelt ihn gleich mit "Why you should not use client-side window decorations…" [4]. Martin weißt in seinem Blog-Eintag auf Probleme hin, die zwangsläufig entstehen, wenn das Programm anstelle oder zusätzlich zum Fenstermanager für die Dekoration der Titelleiste verantwortlich sein möchte. Martin sieht zudem auch Probleme bei bestimmten Features von Fenstermanagern, zum Beispiel der Kombination von mehreren Fenstern per Tab, wie sie die KDE SC mit Version 4.4 eingeführt hat.

Der Hauptkritikpunkt Gräßlins und anderer Kommentatoren in den Blog-Einträgen von Mark Shuttleworth lautet jedoch, dass Ubuntu bei vielen Dingen an eigenen Lösungen arbeite, ohne sich auf die Mainstream-Entwicklung zu konzentrieren. Das bringt Canonical nicht nur mehr Arbeit ein, da es die Bugs selbst lösen muss, sondern sorgt langfristig auch für größere Probleme im Gnome-Projekt, hinsichtlich der kommenden Version 3.0.

Abbildung 2: Der freie Platz in der Titelleiste soll mit allerlei Statusanzeigen gefüllt werden.

Was wird aus Gnome 3?

Obwohl es bislang kein offizielles Statement dazu gibt, kristallisiert sich immer mehr heraus, dass die für Gnome 3.0 neu entwickelte Gnome-Shell nicht der Standard-Desktop von Ubuntu 10.10 sein wird. Sogar für 11.04 will sich Shuttleworth noch nicht festlegen und meint lediglich [5]:

the more folks use it and think about it,
the better our decisions will be for 11.04

Also falls es mehr Leute nutzen und besser finden, dann vielleicht für 11.04. Klar wird Ubuntu entsprechende Pakete bereitstellen, doch die jetzt angekündigten Entwicklungen gehen klar in Richtung des traditionellen Ubuntu-Desktops mit dem gewohnten Panel. Auch Projekte wie Zeitgeist und das Gnome Activity Journal erhalten von Canonical kaum Aufmerksamkeit. Bleibt also nicht mehr viel übrig von den Neuerungen in Gnome 3.0.

Abbildung 3: Anstelle der Gnome-Shell setzt Ubuntu auf das von Apple eingeführte Global Menü.

Die geplanten Änderungen wird Canonical somit mit ziemlicher Sicherheit auf der Codebasis von Gnome 2.32 vornehmen (erscheint im Sommer), nicht an Gnome 3.0. Da Ubuntu die mit Abstand am weitesten verbreitete Gnome-Distribution ist, könnte die Entscheidung für Gnome 2.32 für sehr viel Unmut sorgen, da dann die Neuerungen deutlich weniger Benutzer erreichen. Es zeichnet sich somit langfristig ein Ubuntu ohne Gnome-Shell ab, wie auch einige Kommentare zu Marks Blog bemerken [6]. Auch beim Global Menü erhält Shuttleworth zwar viel positives Feedback, die meisten Kommentatoren fügen aber gleich hinzu: "Bitte nur für die Netbook-Version". [7]

Um möglichst wenig Kritik für diese Änderung zu ernten, hat Shuttlewort in seinem Blog-Eintrag eine zusätzliche Überschrift "Only on the Netbook Edition UI" eingebaut. Mark liebäugelt aber klar auch mit dem Desktop::

"However, it will be straightforward
to use this on your desktop too, if you
want, and we'd encourage people to
try with that configuration."

Gnome 3.0 könnte so ein ähnliches Schicksal wie KDE 4 erreichen, dass viele Nutzer gar nicht auf die neue Version wechseln möchten und sich die Entwicklung deshalb aufspaltet, was den kompletten Übergang von der Version 2.30 zu 3.0 verlangsamen wird. Hier müsste Shuttleworth dringend für klare Spielregeln und gute Stimmung im Gnome-3.0-Lager sorgen.

Die Geschichte wiederholt sich

Einen Ähnlichen Weg wie Canonical schlug vor langer Zeit auch Red Hat ein: es schuf für Red Hat 8.0 auf eigene Faust das Bluecurve-Theme [8], welches zwar für ein einheitliches Aussehen von KDE- und Gnome-Programmen auf dem Red-Hat-Desktop sorgte, jedoch aufgrund zahlreicher Patches in KDE stark von einem Standard--KDE abwich. Dieser Schritt brachte Red Hat sehr viel Kritik ein. Generell haben die meisten Distributionen erkannt, dass Eigenentwicklungen ohne den Segen des Mainstreams außer viel zusätzlicher unnötiger Arbeit nicht viel bringen. So hat sich zum Beispiel XGL (Novell) gegen AIGLX (Mainstream) nicht durchgesetzt, auch den selbst entwickelten ATI-Treiber radeonhd hat Novell nun zugunsten des Mainstream-Treibers radeon aufgegeben. Ein Gegenbeispiel wäre das vereinfachte Menü von Novell, das zahlreiche Gnome-Distributionen übernommen haben, darunter auch Linux Mint. Aber auch hier steht noch offen, ob und wie lange Novell dieses Menü selbst pflegen wird.

Abbildung 4: Sieht aus wie Gnome, ist aber KDE: KDE-Druckereinrichtung unter alten Red-Hat-Versionen im Bluecurve-Theme.

Ubuntu hat ohne Zweifel einen sehr großen Stellenwert in der Linux-Community und es besteht durchaus auch die Chance, dass sich die Änderungen von Canonical im Gnome-Projekt durchsetzen. Alle drei Änderungsvorschläge sind an sich nicht schlecht und Canonical wird diese auf eigene Faust verwirklichen, um Ubuntu auf dem Desktop zügig voranzutreiben. Eventuell will Ubuntu auch einfach nur die beim KDE-Switch gemachten Fehlern vermeiden und anstelle einer unfertigen, mit neuesten Techniken vollgestopften Gnome-3-Version einen funktionierenden und trotzdem sehr gut aussehnden Gnome 2.32-Desktop liefern. Die meisten Nutzer wären der Distribution dafür dankbar, vielleicht sogar auch einige Entwickler.

In der bisherigen Linux-Entwicklung hat sich aber praktisch immer der Mainstream durchgesetzt. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass es zu einer kleinen Spaltung im Gnome-Projekt kommt und es Distributionen mit den neuen Indicator-Menüs und der Menüleiste im Mac OS X Stil geben wird und andere, die darauf verzichten. In letzterem Fall werden Canonicals eigene Änderungen Ubuntu auf lange Frist sehr viel zusätzliche Arbeit einbringen. Hoffen wir, dass Mark auch Pläne hat, wie Canonical diese Arbeit bewältigen und finanzieren wird.

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Kommentare
Sehr guter Ansatz, endlich!
Daniel Kottmair, Samstag, 15. Mai 2010 12:29:02
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Re: Sehr guter Ansatz, endlich!
benq (unangemeldet), Dienstag, 18. Mai 2010 09:22:04
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Manchmal ...
Benjamin Quest, Samstag, 08. Mai 2010 23:31:33
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Ubuntu mausert sich zum "besten" Linux Desktop
Franzderkanns (unangemeldet), Samstag, 08. Mai 2010 17:46:39
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Torsetn
Ubuntu (unangemeldet), Samstag, 08. Mai 2010 16:11:11
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Gejammer
H. Max L. (unangemeldet), Samstag, 08. Mai 2010 11:03:30
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Mir rechts schon lange...
helmutk (unangemeldet), Samstag, 08. Mai 2010 10:27:28
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Super Artikel
dominik (unangemeldet), Freitag, 07. Mai 2010 22:44:25
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Shuttleworth übernimmt sich...
Torsten (unangemeldet), Freitag, 07. Mai 2010 22:18:38
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Re: Shuttleworth übernimmt sich...
-.-' (unangemeldet), Samstag, 08. Mai 2010 06:21:28
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Re: Shuttleworth übernimmt sich...
Debianunstable (unangemeldet), Samstag, 08. Mai 2010 06:45:33
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Re: Shuttleworth übernimmt sich...
Hans Dampf (unangemeldet), Samstag, 08. Mai 2010 10:50:19
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Re: Shuttleworth übernimmt sich...
Daniel Kottmair, Montag, 17. Mai 2010 13:15:57
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