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© Nimalan Tharmalingam, sxc.hu

Elefantengedächtnis

Dateien wiederfinden mit Zeitgeist und dem Gnome Activity Journal

11.08.2010 Einen Dateimanager der etwas anderen Art bietet das Activity Journal. Anstelle der üblichen Verzeichnishierarchie zeigt es in einem Kalender die an den jeweiligen Tagen benutzten Dokumente. Trotz des etwas merkwürdigen Ansatzes lassen sich damit Dateien erstaunlich schnell wiederfinden.

Wo zum Henker waren noch gleich die Präsentationen von der langweiligen Konferenz im letzten Jahr? Dieses lustige Urlaubsbild mit der Kokosnuss am Timmendorferstrand muss doch auch in irgendeinem Unterverzeichnis schlummern. Und zu allem Überfluss bezieht sich jetzt Klaus auch noch auf eine sieben Tage alte E-Mail, dessen Text er natürlich nicht zitiert. Vor solchen oder ähnlichen Problemen stand vermutlich schon jeder Computerbesitzer irgendwann einmal. Terabyte große Festplatten, das schnelle Tagesgeschäft und der schwache Geist laden dazu ein, Dateien und Dokumente irgendwo in irgendeinem Unterverzeichnis einzukellern. Eher früher als später geht dann die Übersicht verloren.

Journaille

Diesem Problem begegnet das Entwicklerteam um Seif Lofty mit ihrem noch recht jungen Programmduo Zeitgeist und Activity Journal. Während Zeitgeist im Hintergrund akribisch jede Aktion des Benutzers überwacht und notiert, zeigt das Activity Journal die gesammelten Informationen übersichtlich in einer Zeitleiste an. So sieht man auf einen Blick, welche Dateien man vorgestern geöffnet und bearbeitet hat. Neben Dateien berücksichtigen Zeitgeist und das Activity Journal prinzipiell auch besuchte Internetseiten, gelesene E-Mails und beliebige andere Informationen – vorausgesetzt die jeweiligen Programme arbeiten dem Gespann zu.

Auch wenn sich Zeitgeist und das Activity Journal noch in einer frühen Entwicklungsphase befinden, sind sie durchaus alltagstauglich. Derzeit mögen die beiden Werkzeuge allerdings nur Gnome. Unter KDE lassen sie sich zwar starten, Zeitgeist übersieht dann jedoch ausgerechnet das Öffnen und Speichern von Dateien.

Einrichtungshaus

Um unter OpenSuse 11.3 Zeitgeist und das Activity Journal zu installieren, öffnet man im Gnome-Desktop das Rechner-Menü, klickt auf Software installieren/entfernen und gibt das bei der Installation der Distribution vergebene Root-Passwort preis – für gewöhnlich entspricht es dem eigenen. Im Paketmanager tippt man in das Suchfeld gnome activity journal und hakt dann in der Liste direkt darunter den Eintrag gnome-actitivity-journal ab (Abbildung 1). Per Anwenden holt der Paketmanager automatisch Zeitgeist, sowie ein paar weitere benötigte Werkzeuge hinzu. Ein erneuter Klick auf Anwenden spielt die gesamte Bande ein. Das Activity Journal findet man anschließend hinter RechnerWeitere Anwendungen ... in der Gruppe Dienstprogramme als Tagebuch über Aktivitäten.

Abbildung 1: Das hervorgehobene Paket gnome-activity-journal genügt, um auch Zeitgeist zu installieren.

Ubuntu 10.04 Nutzer haben es etwas einfacher. Sie wählen aus dem Anwendungen-Menü das Software-Center, suchen über das Eingabefeld nach gnome activity journal (Abbildung 2), markieren dann in der Liste darunter den Punkt Tagebuch über Aktivitäten, klicken auf Installieren und tippen das bei der Installation von Ubuntu vergebene Administratorpasswort ein. Anschließend steckt das Programm unter AnwendungenZubehörTagebuch über Aktivitäten.

Abbildung 2: Ubuntu-Nutzer installieren das Activity Journal bequem über das Software-Center.

Zurück in die Vergangenheit

Das Hauptfenster des Gnome Activity Journals zeigt wie in Abbildung 3 standardmäßig alle Aktivitäten der letzten drei Tage. Nach dem ersten Start dürften die Listen vor allem die zuletzt bearbeiteten Dateien führen. Erst bei der täglichen Arbeit füllt sich die Anzeige nach und nach mit weiteren Aktivitäten. Lässt man das Fenster geöffnet, kann man Zeitgeist dabei sogar zusehen.

Abbildung 3: Standardmäßig zeigt das Activity Journal alle geöffneten Dateien der letzten drei Tage.

Sobald der Mauszeiger über einem Dokument parkt, zeigt das Activity Journal bei bekannten Formaten eine kleine Vorschau an (Abbildung 4). Um den Überblick zu bewahren, landen ähnliche Aktivitäten in einer gemeinsamen Gruppe, in Abbildung 3 trifft das beispielsweise am Samstag, den 17. Juli 2010 auf alle gelesenen Dokumente zu. Mit den kleinen, recht schlecht sichtbaren Pfeilen am linken und rechten Fensterrand blättert man im Tagebuch einen Tag vor- beziehungsweise zurück. Ein Klick auf Heute rechts unten in der Fensterrecke springt immer wieder schnell in die Gegenwart zurück.

Abbildung 4: Parkt man den Mauszeiger für einen Moment über einem Eintrag, zeigt das Activity Journal eine kleine Vorschau an. In diesem Fall spielt es sogar das Video ab.

In der Leiste am unteren Rand repräsentiert jeder weiße Block einen Monat, jeder grüne Balken genau einen Tag. Je höher ein Balken ist, desto mehr Aktivitäten fanden an diesem Tag statt. Fährt man mit der Maus über einen der Balken, verrät ein kleiner Tooltip, welches Datum sich mit wie vielen Aktionen dahinter verbirgt. Ein Mausklick auf den Balken genügt, um direkt zum entsprechenden Tag zu springen. Hält man hingegen die linke Maustaste gedrückt und bewegt dann die Maus, "gleitet" man durch den gesamten Kalender (neudeutsch auch als scrubben bezeichnet).

Bei sehr vielen Aktionen kann die Dreitagesansicht recht schnell unübersichtlich werden. In solchen Fällen genügt ein Klick auf das Datum in der Spaltenbeschriftung und schon füllt der entsprechende Tag das gesamte Fenster (Abbildung 5). Auf dem dabei vergrößerten Zeitstrahl kann man jetzt sogar ziemlich exakt die Uhrzeit der einzelnen Aktivitäten ablesen. Ergänzend kennt das Activity Journal noch eine Vorschauansicht, die ein Rechtsklick auf das Datum in der Spaltenbeschriftung hervorzaubert (Abbildung 6). Bei sehr vielen oder großen Dateien dauert es allerdings eine Weile, bis das Activity Journal sämtliche Miniaturbilder erzeugt hat. In dieser Zeit scheint die Anwendung abgestürzt, hier hilft nur etwas Geduld. Jedes Vorschaubild trägt in der linken oberen Ecke ein Symbol, das auf das Dateiformat hinweist, das Bild in der rechten unteren Ecke verweist analog auf die zuständige Anwendung. Um aus einer der beiden Detailansichten wieder zur Übersicht der letzten drei Tage zurück zu kehren, klickt man einfach erneut auf das Datum am oberen Fensterrand.

Abbildung 5: In der Detailansicht sieht man genau, wann welches Dokument bearbeitet wurde. nocheinbrief.odt beispielsweise um kurz nach 16:00 Uhr.

Abbildung 6: Die alternative Vorschauansicht zeigt zu jeder Datei ein kleines Miniaturbild.

Radiergummi

Egal ob Dreitage-, Vorschau- oder Detailansicht, ein Mausklick auf eine der Dateien öffnet sie mit einem passenden Programm. Ein Rechtsklick fördert hingegen ein Kontextmenü zu Tage. Dort darf man zunächst das Element aus dem Journal löschen. Dies empfiehlt sich vor allem bei doppelten, falschen oder unerwünschten Einträgen. Gleiches erledigt Delete all events with this URI, wobei hier allerdings auch noch alle übrigen Einträge der Datei aus dem Tagebuch verschwinden.

Hat man mit dem Activity Journal eine wichtige Datei aufgespürt, möchte man ihr vielleicht auch am heutigen Tag einen eigenen Eintrag spendieren. Dazu kann man sie entweder einmal explizit öffnen und wieder schließen oder aber über den gleichnamigen Punkt des Kontextmenüs An den heutigen Tag anhängen. Damit erstellt das Activity Journal in der Gegenwart ein Lesezeichen, das man mit einem Klick auf die Stecknadel unabhängig von der Originaldatei ebenso schnell wieder löscht (in Abbildung 3 gilt das rechts oben für nocheinbrief.odt).

Der Punkt Send To... des Kontextmenüs ist etwas irreführend beschriftet. Das Activity Journal übergibt damit die Datei an ein bestimmtes Programm und löst gleichzeitig eine frei wählbare Aktion aus (Abbildung 7). So lässt sich beispielsweise mit nur zwei Mausklicks eine Datei via Brasero auf eine CD brennen oder mit Evolution als E-Mail verschicken. Das jeweils zuständige Programm muss man dazu gar nicht erst öffnen.

Abbildung 7: Über das Kontextmenü kann man ein Dokument schnell an eine externe Anwendung übergeben und auch noch gleichzeitig eine passende Funktion auslösen.

Über More Information im Kontextmenü gelangt man schließlich noch zu einem neuen Fenster, das neben einer Vorschau auch den exakten Speicherort, den Zeitstempel und das involvierte Programm nennt (Abbildung 8). Zusätzlich zu diesen Basisinformationen versucht Zeitgeist jedes Element zu klassifizieren und mit passenden Schlagwörtern (Tags) zu versehen. Beispielsweise handelt es sich bei einer PNG-Datei um ein Bild, während ein Textdokument das Thema Linux behandeln könnte. Diese automatische Klassifikation soll später einmal die Suche erleichtern. So ließe sich beispielsweise nach allen Texten zum Thema Linux fahnden, die im Oktober erstellt wurden. Welche Metadaten Zeitgeist automatisch ausgewählt hat, verrät das Informationsfenster links unten in der Ecke. Ergänzend zeigt die Liste rechts alle Elemente an, die irgendwie in einer Beziehung mit der Datei stehen oder standen. In der Regel sind dies sämtliche Dokumente, die man in etwa zu gleichen Zeit bearbeitet oder geöffnet hat. Auf diese Weise sieht man beispielsweise schnell, in welches Dokument man ein Bild (möglicherweise) importiert hat.

Abbildung 8: Das Informationsfenster liefert sämtliche Daten, die Zeitgeist zu einem Dokument erzeugt hat.

Das geht gar nicht

Damit ist der Funktionsumfang des Activity Journals allerdings schon vollständig erschöpft. Insbesondere fehlt eine intelligente Suche, die ursprünglich den Kern des Systems ausmachen sollte. Die eingangs erwähnten Dokumente von der Konferenz oder die Bilder aus dem Urlaub findet man nur, wenn man den genauen Zeitpunkt weiß und dorthin zurück blättert. Zeitgeist liegen noch nicht einmal entsprechende Kommandozeilenwerkzeuge bei, über die man zumindest in einem Terminal eine Abfrage stellen könnte. Die Entwicklung des Activity Journals schreitet allerdings in äußerst schnellen Schritten voran – möglicherweise haben die Entwickler mit dem Erscheinen dieser Ausgabe die vermisste Suchfunktion schon nachgerüstet. Einen Überblick über die geplanten beziehungsweise zu erwarteten Funktionen findet man in den Ankündigungen auf der Projektseite [1].

Nutzer müssen aber noch eine zweite Kröte schlucken: Zeitgeist protokolliert derzeit ausschließlich alle geöffneten, gespeicherten, sowie die zuletzt genutzten Dateien. Es stützt sich dabei auf die Daten des Dateimanagers Nautilus. Folglich zeigt das Activity Journal ein leeres Fenster, wenn man den Verlauf von Nautilus abgeschaltet hat. Die Browser-Lesezeichen bleiben genau so außen vor, wie die Chronik der besuchten Internetseiten. Ändern wird sich das erst, wenn weitere Anwendungen Zeitgeist unterstützen beziehungsweise Zeitgeist von Haus aus weitere Programme erkennt.

Sammelwut

Obwohl über das Activity Journal also relativ wenige Informationen bereitstehen, sammelt der Zeitgeist-Daemon im Hintergrund unablässig Daten – und zwar sehr viele. Der Daemon eignet sich somit nicht nur zum schnelleren Auffinden von Dokumenten, sondern auch hervorragend zur Überwachung. So demonstrierten ihre Erfinder auf einer Konferenz, wie sich das Surfverhalten von Kindern mit Zeitgeist überwachen und analysieren lässt [2]. Bei Arbeitnehmern entsteht wiederum ein exaktes Protokoll ihrer PC-Arbeit, so manch eine Führungsetage dürfte da glänzende Augen bekommen. Die Werbeindustrie leckt sich ebenfalls die Finger, liegt im Zeitgeist-Protokoll doch ein perfektes Nutzerprofil. Die Entwickler arbeiten zudem auch an der Integration von Geo-Lokalisierung.

Zeitgeist bekommt also sehr viele sensible Daten in die Finger, die es analysiert und dazu Metadaten erzeugt. Während diese Funktion zum Beispiel beim Fotobetrachter oder in einer Blog-Software nützlich sein kann, sollte Zeitgeist der Zugriff auf bestimmte Dateien (zum Beispiel der Buchhaltung) tabu bleiben, auch wenn sie sich als noch so nützlich erweisen.

Fazit

Das Activity Journal und der im Hintergrund zuarbeitende Zeitgeist-Dienst ermöglichen eine vollkommen neue Sicht auf den eigenen Festplatteninhalt. Auch wenn das Activity Journal und Zeitgeist nicht zu den Kernkomponenten von Gnome 3.0 gehören werden (siehe nachfolgenden Artikel), können Sie den Dateimanager mit ihren Funktionen sinnvoll ergänzen und ihn in ferner Zukunft vielleicht sogar komplett ablösen.

Wer das Activity Journal über eine gewisse Zeit lang nutzt, ändert auch seinen Umgang mit Dateien: Ordner und Unterverzeichnisse treten in den Hintergrund, werden sogar obsolet. Gerade diese Arbeitsweise dürfte jedoch wiederum Computereinsteigern entgegen kommen, bei denen häufig Fragen der Art "Wo ist mein Brief vom letzten Montag?" entstehen. Demgegenüber steht die zügellose Datensammlung, die bei vielen ein mulmiges Gefühl hinterlässt. Nichtsdestotrotz steckt hinter Zeitgeist und dem Activity Journal eine interessante Technik, die bestimmt noch für viel Spannung sorgen wird.

Namenstag

Die Idee für einen neuen Dateimanager, der Dokumente auf einer Zeitleiste anordnet, entstand 2008 auf dem Hackfest in Boston [3]. Das Ergebnis war zunächst ein Programm namens Gnome Zeitgeist. Es konnte mehr als das aktuelle Activity Journal, darunter etwa die Datenflut filtern oder Dokumente mit selbst gewählten Schlagwörtern versehen. Auf Wunsch löste es sogar bei bestimmten Ereignissen eine frei wählbare Aktion aus. Beispielsweise sendete es dem Vater eine E-Mail, sobald der Filius eine Webseite mit Pornografie ansteuerte.

Um insbesondere auch anderen Desktop-Umgebungen die Nutzung der zugrunde liegenden Technik zu gestatten, wurde Gnome Zeitgeist in die zwei heute bekannten Projekte aufgeteilt. Das Activity Journal zeigt ab sofort die Daten an, die eigentliche Arbeit erledigt der Zeitgeist Daemon im Hintergrund. Über diesen Richtungswechsel stolpert man vor allem in der mangelhaften Dokumentation, die teilweise noch von Gnome Zeitgeist spricht.

Infos

[1] Homepage des Activity Journal: https://launchpad.net/gnome-activity-journal

[2] Desktop-Summit: Gnome Zeitgeist schaut dem User auf die Finger: http://www.linux-magazin.de/NEWS/Desktop-Summit-Gnome-Zeitgeist-schaut-dem-User-auf-die-Finger

[3] GUI Hackfest in Boston 2009: http://live.gnome.org/Boston2008/GUIHackfest/FileManagement/

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