Für alle Leser, die sich jetzt wundern, was ein Test von Windows Phone 7 auf der LinuxCommunity zu suchen hat, hier zunächst die wichtigsten Informationen: Windows Phone 7 ist eine komplett geschlossene Plattform und in vielen Bereichen sogar noch weniger offen als iOS von Apple. Smartphones mit WP7 lassen sich nur über Zune verwalten. Die Geräte lassen sich weder als USB-Massenspeicher ansprechen noch kann man ohne Zune ein Firmware-Upgrade durchführen. Für Hardcore-Linux-Nutzer ist der Test somit hier zu Ende, wer sich für die Details interessiert, darf weiterlesen.
Die neue grafische Oberfläche von Windows Phone 7 nennt sich Metro und ist an den viereckigen Kacheln auf den ersten Blick zu erkennen. Wer schon einmal ein Android-Smartphone oder ein iPhone in den Fingern hatte, wird sich damit schnell zurecht finden. Die von der Redaktion getesteten Geräte – das Mozart 7 von HTC und das Optimus 7 von LG – machten in den Tests einen guten Eindruck, wobei das Mozart 7 in puncto Formfaktor und Display das leicht bessere Preisleistungsverhältnis bietet. Das Mozart 7 besitzt zudem einen sehr guten Soundchip und SRS-Support.
Smartphones mit Windows Phone 7 verfügen über identische Grundparameter: CPU mit 1 GHz, mindestens 512 MByte RAM, 8 GByte interner Speicher, Touchscreen mit 800 x 480 Pixeln und drei Tasten für die Bedienung. Ein wichtiges Erkennungsmerkmal von Windows Phone 7 gegenüber Android ist die fehlende (Kontext)Menü-Taste. Windows Phone 7 verzichtet so gut wie möglich auf Kontextmenüs, was die Bedienung im direkten Vergleich mit Android an vielen Stellen erleichtert, aber auch für viel Verdruss sorgt.
Generell gibt es an der Bedienung von Windows Phone 7 nichts auszusetzen. Das System reagiert flüssig, die Effekte sind gut gemacht und wenn auch ein oder zwei mal ein "Hoppla, das hätte nicht passieren sollen" Hinweis erschien, gab es keine Abstürze oder ähnlich gravierende Probleme. Sehr gut gefiel in den Tests auch die Tastatur von WP7 mit unterschiedlichen Tastentönen je nachdem ob man einen Buchstaben oder ein anderes Zeichen berührt. Auch die Platzierung des Cursors in einem Text funktioniert deutlich einfacher als bei Android.
Das Spieleangebot von Windows Phone 7 umfasst zwar im direkten Vergleich zu iOS oder zu Android deutlich weniger Titel, beschränkt man sich aber auf die grafisch wirklich ansprechenden und gut gemachten Titel, dann ist das Angebot recht gut. Einer der Top-Titel – Need for Speed – braucht sich hinter Asphalt 5 nicht zu verstecken, hat aber in puncto Grafik nicht wirklich mehr zu bieten. Das einzige Spiel, das es bislang nur für WP7 gibt und auch wirklich Spaß macht, ist Ilo und Milo [2]. Es wurde ursprünglich auf und für Android entwickelt [3], Microsoft scheint hier also etwas nachgeholfen zu haben.
Extrem nervig im Marketplace von Windows Phone 7 sind die vielen Puzzles. Es gibt praktisch für jede Comicfigur und was auch immer ein Puzzle als eigenständige App. Ebenfalls nicht besonders gut fanden wir bei einigen Spielen die deutsche Übersetzung (zum Beispiel Rise of Glory). Hier scheinen sich einige Studios einfach bei Google Translate bedient zu haben.
Die Suche im Marketplace von Windows Phone 7 führt stets über sämtliche Einträge im Shop. Da sich darunter auch Musikalben befinden, muss man sich in der Regel zunächst durch zahlreiche Albeneinträge kämpfen, bevor man das gewünschte Spiel findet. Die Marketplace-App ist im direkten Vergleich zum Android Market schöner gestaltet aber weniger praktisch. Gut fanden wir hingegen, dass es nicht von jedem Spiel einen separaten Eintrag für die Demoversion und die Vollversion gibt sondern man sämtliche Titel zunächst testen kann.
Windows Phone 7 unterstützt kein Multitasking (siehe Kasten). Das sorgt in erster Linie bei Spielen für Frust, denn allzu leicht passiert es im Eifer des Gefechts, dass man während eines Spiels auf die Suchtaste oder ein der zwei vorhandenen Standardtasten tippt. Bei den meisten Spielen ist damit Game Over und man kann höchstens hoffen, dass man nach einem Druck auf den Zurück-Button das Spiel fortsetzen kann. In den meisten Fällen muss man aber von Vorne anfangen.
Ebenfalls nicht besonders gut fanden wir den integrierten Browser. So ist zum Beispiel die Eingabe einer Adresse nur im Hochformat möglich, drehen Sie das Gerät ins Querformat, dann dürfen Sie nur noch browsen, keine Eingaben mehr machen. Microsoft setzt zudem auf die hauseigene IE-Engine, Webkit hat aber deutlich mehr zu bieten.
Der Nutzer hat unter Windows Phone 7 keinerlei Kontrolle über die Möglichkeiten der einzelnen Anwendungen. Es gibt keine Hinweise, welche Dienste des Smartphones die installierte App benutzen darf/will. Man ist hier also komplett auf das Vertrauen in Microsoft angewiesen.
Ohne Multitasking
Im Gegensatz zu Android unterstützt Windows Phone 7 kein Multitasking. Das fällt bei der üblichen Nutzung zunächst nicht negativ auf. Die meisten Apps setzen sich genau dort fort, wo man sie beendet hat, "gespürt" reagiert Windows Phone 7 somit wie ein Android. Was es genau bedeutet, ohne Multitasking-Support auskommen zu müssen, merken Sie am besten, wenn Sie die App Kitchen Timer Touch installieren. Starten Sie hier einen Timer – zum Beispiel von fünf Minuten für einen Tee – und möchten dann kurz die Mails lesen oder etwas im Internet nachschauen, dann arbeitet das Programm dabei nicht im Hintergrund weiter. Sie können zwar problemlos wieder zur Kitchen-Timer-Anwendung zurückwechseln, vergessen Sie jedoch diesen Schritt (weil soeben noch zwei sehr interessante Mails reinkamen), dann bleibt der Timer stumm – den geliebten Schwarztee können Sie dann wegschütten.
Zudem benötigt Windows Phone 7 für den Wechsel von einer App zu einer zweiten recht lange und in den meisten Fällen erscheint beim Wechsel ein Wartebildschirm. Die Wartezeiten soll aber das für den Februar geplante erste Update von Windows Phone 7 verkürzen. Multitasking-Support plant Microsoft hingegen nicht.
Wie eingangs erwähnt, lassen sich WP7-Telefone nicht einmal als USB-Massenspeicher einbinden. Der Zugriff erfolgt einzig und allein über die Windows-Software Zune. Für Mac-Nutzer gibt es eine Beta-Version eines Phone-Connectors [4], über den sich Fotos und Musik aus iPhoto/iTunes abgleichen lassen. Ein Firmware-Upgrade zum Beispiel ist aber nur über Zune möglich.
Die Software ist sehr hübsch gestaltet und bietet Zugriff auf praktisch alle Funktionen des Smartphones, egal ob Kontakte, Apps, Musik, Videos oder Terminplanung. Der Microsoft Marketplace und weitere Microsoft-Dienste integrieren sich nahtlos in Zune, die Bedienung und Nutzung der Software ist einfach und bereitet zugegebenermaßen Spaß. Obwohl Android über eine praktisch perfekte Integration in die Cloud-Dienste von Google und anderen Anbietern verfügt, wünschen sich viele Nutzer auch eine lokale Anbindung an den PC. Diesem Wunsch trägt Zune genau so wie iTunes Rechnung. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass viele Dienste von Zune ebenfalls eine aktive Internetverbindung benötigen. Trotzdem ist ein Abgleich von Kontakten, Musik und Bildern jederzeit und problemlos offline möglich. Hier bietet WP7 mit Zune einen Mehrwert gegenüber dem einfachen Dateisystemzugriff von Android.
Bezahlt wird in Zune nicht mit Euro sondern mit Punkten. Dadurch muss man stets umrechnen, was wie viel kostet. Das Feature vereinfacht aber den Kauf, da man nicht bei jedem Einkauf erneut Kreditkarteninfos eingeben muss, sofern noch genügend Punkte auf dem Konto sind.
Die Kacheln von Windows Phone 7 stehen an vielen Stellen symbolisch für das feste Gitter, das sich um das System spannt. Microsoft hat hier an praktisch allen Stellen Apple in puncto Geschlossenheit und Kontrolle übertroffen. Wer Windows privat nutzt, kommt mit einem WP7-Phone und der zugehörigen Software Zune in den gleichen komfortablen Genuss wie mit dem iPhone/iTunes-Gespann: die Funktionen, die zur Verfügung stehen, arbeiten gut und zufriedenstellend, der Hersteller behält die volle Kontrolle. Linux-Nutzer sollten sich kein WP7-Gerät zulegen. Ob sich WP7 im gut besetzten Smartphonemarkt durchsetzen kann, hängt neben den Marketingressourcen von Microsoft auch von den App-Entwicklern ab. Aktuell haben hier Apple und Google klar die besseren Karten.
Infos
[1] Windows Phone 7: http://
[2] Ilo und Milo: http://blog.ilomilo.com/
[3] Ilo und Milo ursprünglich für Android: http://www.droidgamers.com/index.php/game-news/android-game-news/658-ilomilo-appearson-windows-phone-7
[4] Windows 7 Phone Connector für Mac OS X: http://www.microsoft.com/downloads/details.aspx?FamilyID=1fe7ea0f-3ad6-4137-8397-d412a3792c33&displayLang=de