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Status Quo bei MeeGo

Ein Blick auf die aktuelle Tablet UI von MeeGo

09.06.2011
Auch wenn es in Europa kaum Geräte mit vorinstalliertem MeeGo zu kaufen gibt, ist das freie Betriebssystem von Intel (und Nokia) auf Netbooks inzwischen ein akzeptierter Player. Nicht so bei Telefonen und Tablets.

Die Tablet-Oberfläche von MeeGo ist hierzulande weitgehend unbekannt. Das hat verschiedene Gründe, hängt aber in erster Linie damit zusammen, dass es noch keine produktiv benutzbare Version gibt, sieht man einmal vom WeTab ab, das auch auf MeeGo basiert aber mit einer komplett anderen UI ausgestattet ist.

Alpha-Software

Bei der aktuellen Tablet-Version von MeeGo handelt es sich um Alpha-Software, die nur von Programmierern und Power Usern benutzt werden sollte. Aktuell gliedert sich die Entwicklung in zwei Zweige auf, für die es jeweils separate Abbilddateien und Repositories gibt:

  • der Stable-Zweig hat aktuell die Versionsnummer 1.2.0.90 und wird zu MeeGo 1.2.1
  • der Trunk-Zweig besitzt aktuelle die Versionsnummer 1.2.80 und wird zu MeeGo 1.3

Wie eingangs erwähnt eigenen sich beide Versionen nicht für einen produktiven Einsatz. Wer einfach einen Blick auf MeeGo für Tablets werfen möchte, installiert am besten die Version 1.2.0.90. Die Version für Intel-Atom-basierte Tablets (WeTab, ExoPC) befindet sich im Verzeichnis meego-tablet-ia32-pinetrail auf dem MeeGo-Repo-Server [1]. Diese Abbilddateien lassen sich in der Regel problemlos installieren und testen.

Wer gerne die allerneueste MeeGo-Version für Tablets ausprobieren möchte, findet entsprechende Abbilddateien unter [2]. Von komplett unbrauchbar bis installierbar finden sich hier allerlei Versionen. Für diesen Tests benutzten wir das Abbild der Version 1.2.0.90 vom 7. Juni 2011.

Zum Anfassen

Aktuell kann man MeeGo für Tablets mehr oder weniger als Proof of Concept bewerten. Nach der Installation, die praktisch keine Interaktion verlangt und in der Grundeinstellung die komplette Platte besetzt startet nach einem Reboot die grafische Oberfläche und der Lockscreen von MeeGo erscheint. Diesen wischt man per Geste weg und sieht anschließend die MeeGo-Oberfläche (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Hauptbildschirm von MeeGo mit den Einträgen für "Mein Tablet", Freunde, Musik, Bilder und so weiter.

Im neuen Juni-Snapshot haben die Entwickler ein paar Details am Aussehen verändert. So erscheinen der Hintergrund und der Lockscreen nun in einem etwas helleren Blau und das Panel "Mein Tablet" ist nun grau hinterlegt, damit man die einzelnen Einträge etwas besser sieht (Abbildung 1).

Die einzelnen Panels lassen sich nach links und rechts verschieben, ein Antippen des Zahnrad-Symbols in der oberen rechten Ecke blendet die Rückseite des Panels ein, über die sich zum Beispiel die History löschen lässt. Sämtliche Panels lassen sich individuell ein und ausschalten (Abbildung 2).

Abbildung 2: Auf der virtuellen Rückseite der Panels finden Sie diverse Einstellungsmöglichkeiten.

Neben dieser Hauptansicht gibt es auch noch eine Art Launcher mit Symbolen für die einzelnen Programmen. Diesen erreichen Sie auf dem ExoPC, indem Sie die Sensortaste oben links gedrückt halten. Im neuen Bildschirm, der auch für den Wechsel zwischen den einzelnen Anwendungen gedacht ist (MeeGo unterstützt volles Multitasking), wählen sie oben den Panel-Modus oder die Symbol-Ansicht aus. Panel- und Symbolansicht funktionieren im Hoch- und Breitformat (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die Symbolansicht von MeeGo im Hochformat.

App-Angebot

Von Haus aus bringt MeeGo ein kleines Repertoire an Anwendungen mit. Dazu gehören der auf Gstreamer basierende Audio- und Videoplayer, ein Chromium-basierter Browser, ein Bildbetrachter, Uhr, Taschenrechner und ein Terminal. Auch eine Kamera-Anwendung und einen virtuellen Notizblock bringt MeeGo von Haus aus mit. In den Tests traten bei den Gstreamer-basierten Diensten des öfteren Probleme auf, hier hilft meist ein Update.

Abbildung 4: Funktional und wenig spekakulär: Der Audioplayer von MeeGo.

Theoretisch gibt es für die aktuelle MeeGo-Version auch bereits einen Client für das Intel-AppUp-Programm. Allerdings lässt sich dieser nur über die Kommandozeile installieren. Immerhin gelang uns dies auf unserem Testsystem mit MeeGo 1.2.0.90 zum ersten Mal, wenn auch mit einigen Tücken. Die zum Ausprobieren installierten drei Anwendungen Tribute, Glow und Lugdulo'V arbeiteten jedoch mehr schlecht als recht, Tribute verweigerte komplett den Dienst.

Abbildung 5: Aktuell muss man den Intel AppUp-Client noch von Hand installieren und das App-Angebot ist sehr überschaubar.
Abbildung 6: Nach der Installation kann man die Anwendung gleich aus AppUp heraus starten.
Abbildung 7: Wie am Screenshot unschwer zu erkennen ist, handelt es sich bei Lugdulo'V um eine klassische Desktop-Anwendung, keine auf Tablets optimierte.

Um mehr Tester zu erhalten, wäre es praktisch, wenn Intel den AppUp-Client bereits in die MeeGo-Builds integrieren würde. Der AppUp-Client sieht aber nicht schlecht aus und darf sich als schönster Linux-Paketmanager bezeichnen. Das App-Angebot lässt sich für Poweruser zudem über die Kommandozeile mit zypper durch sehr viele klassische Linux-Programme erweitern. Wie beim WeTab fällt aber hier auch sehr schnell negativ auf, dass die meisten Anwendungen für Tablets nicht wirklich geeignet sind.

Sehr angenehm empfangen wir in den Tests die virtuelle Tastatur über die sich recht flott schreiben lässt. Allerdings sollte sie im Hochformat die komplette Breite einnehmen, nicht wie aktuell nur rund 60 Prozent des vorhandenen Platzes.

Kritikpunkte

MeeGo für Tablets ist aktuell noch nicht in einem Zustand, dass man es wirklich kritisieren könnte. Zu viele Dinge funktionieren noch überhaupt nicht oder nur schlecht. So fehlt zum Beispiel in der aktuellen Version eine Schlaf-Funktion, auch die automatische Helligkeitsregelung des Displays arbeitet auf dem ExoPC mehr schlecht als recht. Immerhin kann man die Helligkeit nun per GUI einstellen und der Wert bleibt auch erhalten. In den Schlafmodus lässt sich die aktuelle MeeGo-Version aber nur über die Konsole per

echo mem > /sys/power/state

versetzen. Der Einschaltknopf auf der Rückseite fängt dann an zu blinken und weckt das System durch einen kurzen Druck wieder auf Betätigt man den Einschaltknopf im laufenden System schaltet sich der Rechner aus. Auch die Reaktionsfähigkeit des Systems ist noch weit von Apple oder Android entfernt (vor allem im Browser). Machmal reagieren System und Anwendungen ganz passabel, dann ruckelt wieder alles. Inwieweit das mit der Hardware des ExoPCs zusammenhängt, lässt sich schwer beurteilen. Das auf der gleichen Hardware installierte WeTab OS verhielt sich allerdings deutlich flotter.

Auch mit externen Speichermedien kann das System noch nicht umgehen. Diese lassen sich zwar als root (Passwort: meego) via Terminal einhängen und nutzen, ein entsprechendes grafisches Tool fehlt jedoch noch.

Neben diesen noch behebbaren Fehlern gibt es ein paar grundlegende Dinge, die sich vermutlich bis zum Release nicht mehr ändern werden. Dazu gehört der fehlende Zurück-Button. Man kommt zwar immer wieder zum Hauptbildschirm zurück, aber manchmal wünscht man sich dennoch einen Zurück-Button. Das Zurück-Feature ist aber einzig den Anwendungen überlassen, systemweit existiert es nicht.

Abbildung 8: Die Systemeinstellungen kommen relativ spartanisch daher.

Auch mangelt es einigen Anwendungen an der nötigen Benutzerfreundlichkeit: Bestes Beispiel dafür ist die Notizblock-Anwendung. Nach dem Start müssen Sie zunächst ein neues Notizbuch erstellen. Anschließend zeigt die Anwendung wieder den Startbildschirm an und weist darauf hin, dass man jetzt einen neue Notiz erstellen kann. Um eine neue Notiz zu erstellen, müssen Sie dieser aber zunächst einen Namen geben, erst danach kann der Benutzer tun, was er eigentlich gleich nach dem Start möchte: seine Notiz eintippen. Die Bedienung der Anwendung richtet sich somit nach dem logischen Denkmuster des Programmierers. Der Nutzer möchte lediglich ein hübsches Frontend, um einen Text einzutippen.

Abbildung 9: Das Notizbuch ist ein Paradebeispiel für eine schlechte App. Die Onscreen-Tastatur von MeeGo ist hingegen sehr angenehm.

Die meisten Anwendungen brauchen zudem beim Start viel zu lange. Ein Sanduhrsymbol ist schlicht nicht mehr Zeitgemäß, hier muss etwas grundlegend verbessert werden.

Maemo statt MeeGo beim Nokia N9

Laut diversen Quellen im Internet stellt Nokia am 21. Juni sein erstes (und letztes?) MeeGo-Smartphone vor. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein echtes MeeGo-Handy auf Basis der aktuellen MeeGo-Version 1.2, sondern um einen Nachfolger des Maemo-Geräts N900. Nokia arbeitete auch nach dem Zusammenschluss mit Intel unter dem Codenamen "Harmattan" an Maemo 6 weiter und hat dabei zwar einige Dinge aus MeeGo zurückportiert, die Grundlage für das vermutlich N9 getaufte Gerät bildet aber Maemo, nicht MeeGo. Bis das erste echte MeeGo-Handy auf dem Markt erscheint, drüfte somit noch etwas Zeit verstreichen, da zurzeit zum Beispiel noch kritische Komponenten wie die Dialer-App auf Qt/QML umgestellt werden.

Noch viel zu tun

MeeGo für Tablets hat noch einen weiten Weg vor sich. Aktuell laufen die Umstellungen von Gtk-Programmen auf entsprechende Qt-Alternativen auf Hochtouren. Die grafische Oberfläche des Standard-MeeGo ist aber nur eine mögliche Version, Intel setzt wie beim WeTab auf diverse Anbieter, die eigene grafische Oberflächen für das Linux-System entwickeln sollen. Spätestens beim AppUp-Programm muss sich Intel aber um einheitliche Kost bemühen, denn eine Mischung aus KDE-, Qt- und Gtk-Anwendungen ist alles andere als zeitgemäß.

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